Linke Politiker wollen die Fifa vom Sonnenberg verjagen

Der Weltfussballverband passe nicht nach Zürich, finden zwei Gemeinderäte. Er schade sogar dem Image.

Prächtige Aussicht: Obwohl die Fifa längst umgezogen ist, behält sie den ehemaligen Sitz am Sonnenberg.

Prächtige Aussicht: Obwohl die Fifa längst umgezogen ist, behält sie den ehemaligen Sitz am Sonnenberg. Bild: TA

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Wollishofer Werft, Uetliberg, Prime Tower. Prächtig ist die Aussicht vom Sonnenberg. Der Hausherr in diesem kleinen Zürcher Paradies zeigt Flagge. Über Winzer Landolts Reben weht das blau-weisse Banner der Fifa: «For the game, for the world». Ausflügler sind keine hier, zu wolkenverhangen der Himmel gestern über Hottingen. Und es sind Sommerferien. Der Spielplatz bleibt leer, der Rollladen im Wurscht-Corner unten. Wird das leise Rauschen der Stadt übertönt, dann nur von Tellergeschepper aus Jacky Donatz’ Spitzenküche oder der sonoren Stimme des Sportreporters am Handy. Walter de Gregorio raucht auf dem Parkplatz zwischen Maserati und Smart. Bis Ende September berät er noch Fifa-Präsident Sepp Blatter. Er gebe Inputs, wie der Weltfussballverband künftig besser kommunizieren soll. «Es muss konsequent aufgeräumt werden», sagt de Gregorio später am Telefon, «Nulltoleranz!»

Wohin es auch führen mag, für Jacqueline Badran und Balthasar Glättli kommt das Engagement zu spät. Die SP-Frau und der Grüne haben längst mit der Fifa abgeschlossen. Im Gemeinderat hat das Duo einen Vorstoss eingereicht, der den Auszug des Verbandes aus dem Sonnenberg verlangt. «Die Fifa unter Blatter ist keine Institution, die es verdient hat, von der Stadt bevorzugt behandelt zu werden», sagt Glättli. Und Badran doppelt nach: «Die Fifa schadet dem Image von Zürich.» Seinen Sitz hat der gemeinnützige Verein seit 1927 in Zürich, 1996 übernahm die Fifa die städtische Liegenschaft Sonnenberg im Baurecht für 60 Jahre, nur kurze Zeit später zog sie in einen noch grösseren Sitz in der Nähe des Zoos um. Seit 2006 nutzt der Verband den Sonnenberg als «Convention Center» und zahlt der Stadt dafür jährlich einen Zins von 200 000 Franken. Das sei viel zu wenig, findet Jacqueline Badran. An dieser Lage könne man locker das Vierfache verlangen. Über die gesamte Vertragsdauer verzichte die Stadt so auf 30 Millionen Franken Einnahmen. «Es kann nicht sein, dass die Stadt die Fifa subventioniert. Notabene einen Verein, der Milliarden verdient und massiv steuerbegünstigt ist», sagt Badran, die als Kind unter einem Apfelbaum am Sonnenberg von der Schwester das Lesen gelernt hat. Es handle sich bei der Sache keineswegs um einen Feldzug gegen Sepp Blatter, sondern um einen Kampf für mehr Gerechtigkeit.

«Jetzt sind alle unzufrieden»

Vor 15 Jahren sah freilich alles noch anders aus. Das 100-jährige Hotel und das Restaurant Sonnenberg waren stark renovationsbedürftig. In der Kasse der Stadt fehlten jedoch die 13 Millionen Franken, die dafür notwendig gewesen wären. Mit dem Segen von 70 Prozent der Stimmberechtigten sprang schliesslich die Fifa ein und baute bald aus. Mitte der 90er-Jahre sei die Realität eben eine andere gewesen, sagt Balthasar Glättli. Es sei dies ein typisches Lehrstück, wie Politik nicht gemacht werden sollte. «Unter Spardruck hat man damals nach einer raschen Lösung gesucht. Jetzt sind alle unzufrieden und bleiben das womöglich auf Jahrzehnte hinaus.»

Den Grund für die Unzufriedenheit unter den «Normalbürgern» ortet Glättli im Restaurant Sonnenberg, wo das Essen zwar schmecke, jedoch kaum die Bedürfnisse einer breiten Bevölkerungsschicht abdecke. Genau dies sollte aber laut einem Passus im Baurechtsvertrag von 1996 der Fall sein. Tatsächlich reicht ein Blick auf Jacky Donatz’ Speisekarte, um zu erfahren, mit welcher Kategorie Ausflugsbeiz man es hier zu tun hat. Zur Vorspeise gibts etwa Hummersalat «Sonnenberg» für 56 Franken oder Gänselebertörtchen mit Cassisgelee für 39 Franken. Das kleine Kalbskotelett Jacky kostet 62 Franken, das grosse 89. Zuunterst findet sich die Kalbsbratwurst aus Savognin mit Rösti für 26 Franken.

Auf leichten Druck von Seiten der Stadt eröffnete Gastgeber Donatz im Frühling 2007 den Wurscht-Corner, wo Bratwurst, Bürli und Senf nur 6.50 Franken kosten. Für Glättli nicht mehr als eine «Bratwurst-Konzession».

In ihrem Postulat fordern die beiden Politiker den Stadtrat nun dazu auf, zu prüfen, wie der Baurechtsvertrag mit der Fifa aufgelöst werden und der Sonnenberg «einer gemeinnützigen oder ertragreicheren Nutzung» zugeführt werden kann. Glättli denkt an den WWF oder an eine sozial tätige Organisation. Badran könnte sich auch ein gewinnorientiertes Unternehmen vorstellen: «Das wäre wenigstens ein lukratives Geschäft.» Fiskalisch gesehen sei der Deal mit der Fifa «Schrott».

«Undurchsichtiger Konzern»

Der Verband bezahlt auf sein Eigenkapital von einer Milliarde Franken 1,7 Millionen Vermögenssteuer. Ihre Gewinne muss die Fifa nicht versteuern. Gemäss kantonalem Steuerrechner hätte der Weltfussballverband, wäre er denn für den Staat ein kommerzielles Unternehmen, im letzten Jahr 57 Millionen Franken abliefern müssen. «Es ist eine Frechheit, dass wir beim Essen in den Altersheimen sparen und gleichzeitig die Fifa subventionieren», sagt Badran. Und Glättli: «Es wird zu viel in den Rachen der Fifa geworfen, die ein undurchsichtiger Weltkonzern ist.»

«Es kann nicht sein, dass die Stadt die Fifa subventioniert, die Milliarden verdient und steuerbegünstigt ist.»

Jacqueline Badran, SP-Gemeinderätin

Eine der besten Lagen in der Stadt Zürich: Blick vom Sonnenberg auf den See. Foto: Sabina Bobst (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 23.07.2011, 13:25 Uhr)

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