Luchsingers möchten bleiben
Von René Staubli. Aktualisiert am 22.11.2011 82 Kommentare
Verkauf steht unmittelbar bevor
Noch ist nicht entschieden, wie es an der Südstrasse 100 bis 108 weitergeht. Die 3000 Quadratmeter grosse Liegenschaft mit 4 Häusern und 20 Wohnungen, welche der Pensionskasse der Berner-VersicherungsGruppe gehört, soll in diesen Wochen an den Meistbietenden verkauft werden. Die Kasse braucht dringend Geld, weil sie viele Rentner, aber zu wenig aktive Beitragszahler hat. Die Bewohner fürchten, dass die Häuser abgerissen und Luxus-Eigentumswohnungen gebaut werden. Immobilienexperten sagen, an dieser Lage könnten die Wohnungen für 2,5 bis 3 Millionen Franken pro Einheit verkauft werden. Die Parzelle sei «eines der Filetstücke, die in Zürich in diesem Jahr auf den Markt kommen». Sie rechnen mit einem Verkaufspreis zwischen 10 und 15 Millionen Franken (TA vom 31. 10.).
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Spekulationsobjekt: Verkauf steht unmittelbar bevor
Noch ist nicht entschieden, wie es an der Südstrasse 100 bis 108 weitergeht. Die 3000 Quadratmeter grosse Liegenschaft mit 4 Häusern und 20 Wohnungen, welche der Pensionskasse der Berner-Versicherungs-Gruppe gehört, soll in diesen Wochen an den Meistbietenden verkauft werden. Die Kasse braucht dringend Geld, weil sie viele Rentner, aber zu wenig aktive Beitragszahler hat. Die Bewohner fürchten, dass die Häuser abgerissen und Luxus-Eigentumswohnungen gebaut werden. Immobilienexperten sagen, an dieser Lage könnten die Wohnungen für 2,5 bis 3 Millionen Franken pro Einheit verkauft werden. Die Parzelle sei «eines der Filetstücke, die in Zürich in diesem Jahr auf den Markt kommen». Sie rechnen mit einem Verkaufspreis zwischen 10 und 15 Millionen Franken (TA vom 31. 10.). (res)
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Draussen scheint die Herbstsonne. Beatrix Luchsinger hat Kaffee gemacht und kleine Leckereien aufgetischt. Ihr Mann Hans sagt, es gefalle ihnen hier in dieser ruhigen Gegend. Und preiswert sei die Wohnung auch: monatlich 1290 Franken für 4 Zimmer. «Wir wollen nicht mehr umziehen.» Luchsingers wohnen im Seefeldquartier. Wie die andern Bewohner der Liegenschaft Südstrasse 100 bis 108 leben sie seit Monaten im Ungewissen, ob sie wegziehen müssen oder ob sie bleiben können (siehe unten). Die beiden sitzen am Stubentisch in der Wohnung, in der sie seit mehr als 30 Jahren zu Hause sind.
Begonnen hatte alles im März, als der Pöstler einen Brief brachte. Absender war die Allianz Versicherung, welche die Liegenschaft für die Eigentümerin, die Berner Pensionskasse, verwaltet. Im Brief stand, es gebe Neubauten anstelle der Häuser, die 1948 gebaut worden waren. Die Mieter müssten sich bis im Herbst 2012 etwas anderes suchen. Das war für Luchsingers ein Schock. Arbeiter tauchten auf und pflanzten Stangen in den Boden, welche die Umrisse der geplanten Bauten markierten. Einige Zeit später kam der zweite Brief. Nun hiess es, die Liegenschaft werde verkauft, und man könne nicht sagen, wie es weitergehe. Die Arbeiter kamen erneut, diesmal, um die Baugespanne zu entfernen.
Die Mieter stehen zusammen
«Wir haben uns mit einigen Nachbarn zusammengetan», erzählen Luchsingers. Das sei eine ziemlich «gemischte Gesellschaft», darunter auch junge Neuzuzüger. «Was immer passiert: Wir stehen zusammen, das haben wir uns gegenseitig versichert», sagt Beatrix Luchsinger. Seither warte man: «Etwas machen können wir natürlich erst dann, wenn wir die Kündigung erhalten haben.» Man wolle alles unternehmen, «um das Ende möglichst weit hinauszuzögern».
«Bis dahin lassen wir uns nicht verrückt machen», sagen die beiden und nippen am Kaffee. Sie hätten sich für eine Alterswohnung angemeldet, aber da müsse man bis zu fünf Jahre warten. Der Mann könnte es sich vorstellen, aufs Land zu ziehen, die Frau eher nicht. Wer die Stadt verlasse, habe kein Anrecht mehr auf einen Platz im Altersheim oder auf eine Alterswohnung, gibt sie zu bedenken. Wobei das Altersheim im Moment keine Option sei: «Noch können wir beiden gut selbstständig leben.»
«2000 Franken für zwei Zimmer»
Luchsingers studieren jeden Morgen die Wohnungsinserate. Das sei schon ernüchternd: «Für zwei oder zweieinhalb Zimmer zahlt man im Seefeld 2000 Franken und mehr.» Eine Genossenschaftswohnung wäre eine gute Lösung, aber dort seien die Wartelisten ebenfalls lang. Wenn sie aus der Stadt ziehen müssten, könnten sie sich noch am ehesten die Gegend um Birmensdorf vorstellen oder das Limmattal.
Bei Kaffee und Kuchen kommen wir darauf zu reden, wie Luchsingers in dieses Haus gekommen sind. Hans Luchsinger war Möbelschreiner von Beruf. Als die Zürcher Verkehrsbetriebe Tramführer suchten, sattelte er um. Mit den Jahren habe ihm der immer hektischere Verkehr zu schaffen gemacht. So wurde er Hausmeister und bekam in einem der Objekte, die er betreute, eine Wohnung – eben an der Südstrasse. Seiner Frau Beatrix begegnete er im Wanderverein der VBZ, den er präsidierte. Sie war ursprünglich gelernte Verkäuferin und wurde eine der ersten Billeteusen der Verkehrsbetriebe. 1976 fand die Hochzeit statt. Er war damals 54-jährig und hatte eine Tochter aus erster Ehe. An der Wand hängen Bilder der beiden Enkeltöchter.
«Den interessierte nur die Seesicht»
Luchsingers kennen im Quartier viele Leute. «Wenn man 30 Jahre an einem Ort wohnt, ist das so.» Quartierläden hat es zwar keine mehr, mit Ausnahme eines Milchgeschäfts, das einen Hauslieferdienst unterhält. Für den Einkauf nimmt Beatrix Luchsinger den nahen Bus und fährt zum Kreuzplatz. Da komme man mit den Leuten ins Gespräch. Sie sei in letzter Zeit oft auf ihre Situation angesprochen worden. Die Leute nähmen Anteil am Schicksal der Bewohner.
Als klar wurde, dass die Liegenschaft verkauft wird, rief ein Mann von der Allianz Versicherung bei Luchsingers an und fragte, ob ein Vertreter einer Immobilienfirma vorbeikommen dürfe, um sich die Wohnung anzuschauen. Die Küche, das Bad und das Büro liess er links liegen. «Den interessierte eigentlich nur, ob wir Seesicht haben», sagt Beatrix Luchsinger. Vom Balkon aus sieht man tatsächlich ein kleines Stück Wasser.
Es gibt alternative Pläne
Luchsingers sind sich bewusst, dass das Haus nicht mehr dem neusten Standard entspricht. Wohl habe der Besitzer Keller und Dachstock isolieren lassen, aber in der Wohnung sei nie etwas gemacht worden. Nur wenn Mieter auszogen, wurde gemalt; dann stieg auch der Mietzins. In einer unteren Etage wohnt die 77-jährige Schwester von Beatrix Luchsinger. Sie habe sich ebenfalls um eine Alterswohnung beworben. Wer ein bisschen gespart habe, mache damit aber kein gutes Geschäft, denn die Miete werde abhängig vom Sparbüchlein festgelegt. Das Ehepaar im Parterre wohne auch schon seit 31 Jahren da. «Wir haben es gut miteinander», sagt Beatrix Luchsinger. Nicht einmal die gemeinsam benutzte Waschküche gebe Anlass zu Streit. Im Sommer grilliere man zusammen im Garten.
Davon, dass einige Bewohner der Südstrasse zusammen mit einem Architekten ein Alternativprojekt ausgearbeitete haben, wissen Luchsingers nichts; mit ihnen habe niemand gesprochen. Das Projekt sieht eine Kombination von Um- und Ausbauten vor. Die Häuser würden nicht abgerissen, sondern saniert, wobei einige Wohnungen dazugebaut würden, was zusätzliche Einnahmen brächte. Der Architekt will noch im Hintergrund bleiben. Er ist überzeugt, dass der Käufer der Liegenschaft damit eine anständige Rendite von 4 bis 5 Prozent erzielen könnte, ohne die Mieten merklich anzuheben. Ob der meistbietende Käufer allerdings auf die Vorschläge einsteigen wird, steht in den Sternen.
Luchsingers bleibt nichts anderes übrig als abzuwarten, wie es weitergeht. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 21.11.2011, 20:31 Uhr
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82 Kommentare
Das ist das Problem vieler älterer Menschen. Man bleibt bis in's hohe alter in einer 4-Zimmer-Wohnung, bis dann die Wohnung saniert werden muss, und ist dann gezwungen in den letzten Lebensjahren noch sich zu stressen. Jüngeren Familien in der Stadt sollten vermehrt die 4-und 5-Zimmerwohnungen zur Vefügung stehen und sobald die Kinder ausgeflogen sind sucht man sich eine neue kleinere Wohnugn usw Antworten
Entlarvend, wie viele der Kommentarschreiber kleinen Menschen ein bisschen Glück nicht gönnen mögen. Das Glück etwa, in einer günstigen Wohnung zu leben. Würde mich nicht überraschen, wenn das die gleichen Kritiker wären, die stets das Neidargument bemühen, wenn Privilegien der Vermögenden in Frage gestellt werden. Ich auf alle Fälle wünsche den Luchsingers noch viele glückliche Jahre im Seefeld. Antworten

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