Luxus-Ausnüchterungszelle: Eine Kartonwand für 950 Franken

Von Christoph Landolt. Aktualisiert am 10.03.2010 33 Kommentare

Ab Freitag könnte das Besäufnis in der Stadt Zürich teurer werden: Dann landen Betrunkene nicht mehr im Notfall, sondern in einer der zwölf Zellen der Zentralen Ausnüchterungsstelle ZAS.

1/10 Betrunkene im Ausgang: Wenn nötig wird die Sanität zusammen mit Sicherheitspersonal eingesetzt.
Stapo/Szene gestellt

   

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Ab 12. März 2010, 22 Uhr, stehen sie bereit: Drei Sicherheitsleute, davon eine Frau, und zwei medizinisch geschulte Fachkräfte warten von da an Wochenende für Wochenende in den Räumen der Hauptwache Urania darauf, dass die Stadtpolizei mit einem blauen Kastenwagen vorfährt, einen gefesselten Betrunkenen in den Lift schiebt und ihn nach oben verfrachtet. Dort werden sie den Klienten mit dem Metalldetektor auf Waffen überprüfen, ihm Gürtel, Schuhe und Schlüssel abnehmen und ihn in einem seperaten Raum medizinisch überprüfen.

Betrunkene, die keine Spitalpflege brauchen, können ihren Rausch dann in einer der zwölf Zellen ausschlafen, die zur neugeschaffenen Zentralen Ausnüchterungsstelle (ZAS) gehören. Diese wurde heute von den abtretenden Stadträten Robert Neukomm und Esther Maurer vorgestellt. Ziel der ZAS sei es, Berauschte, die sich und andere gefährden, in Gewahrsam zu nehmen und medizinisch überwacht auszunüchtern.

Verursacherprinzip bei Ausnüchterung

Nicht selten, so Polizeivorsteherin Maurer, sorgen betrunkene Randalierer nämlich in der Notaufnahme der Spitäler für Probleme. Mit der neuen ZAS sei stets Sicherheitspersonal zur Stelle und die Klienten könnten keinen Schaden anrichten. Ausserdem würden die Spitäler und die Regionalwachen, wo straffällige Betrunkene bisher ausgenüchtert wurden, entlastet.

Die Kosten, welche der Aufenthalt in der Ausnüchterungszelle verursacht, will die Stadt stärker auf die Verursacher überwälzen. 950 Franken kostet die Nacht in der ZAS. Das entspricht einem Deluxe-Doppelzimmer im Spa Wing des Dolder Grand, bei dem allerdings keine medizinische Betreuung inbegriffen ist. Billiger kommen Klienten weg, die rasch von ihren Eltern abgeholt werden. Die sogenannte Kurzzeit-Pauschale (bis 3 Stunden) beträgt 600 Franken.

Dass nicht mehr die Krankenkasse für den Notfall-Aufenthalt aufkommt, sondern die Betrunkenen die Übernachtung in der Ausnüchterungszelle selbst berappen müssen, sei «auch vom erzieherischen Aspekt her richtig», sagte Gesundheitsvorsteher Neukomm.

Erste Ausnüchterungsstelle der Schweiz

Auch wenn die Zellen wie geplant von 600 Personen pro Jahr belegt werden, ist der Betrieb der ZAS nicht kostendeckend. «Wir gehen von einem Defizit von 350'000 Franken pro Jahr aus», erklärte Beat A. Käch, der das Projekt geleitet hatte. «Für die Schweiz ist das eine einzigartige Institution», bemerkte er. Erfahrungswerte würden deshalb noch fehlen. In diesem Jahr wird der auf ein Jahr befristete Pilotbetrieb deshalb evaluiert.

Ziel sei es, das bestehende VRZ (Vermittlungs- und Rückführungszentrum) mit der Zentralen Ausnüchterungsstelle zusammenzulegen. «Dafür suchen wir eine ebenerdige Halle, die etwa 1500 bis 2000 Quadratmeter gross ist», sagte Käch. Da jede Zelle einen eigenen Brandschutzabschnitt darstellen müsse, sei dieser Bau aber nicht billig zu haben.

Vorerst befindet sich die provisorische ZAS deshalb in bestehenden Zellen der Stapo-Hauptwache Urania. Sie wurden mit Kameras versehen, über die der Gesundheitszustand der Insassen jederzeit überwacht werden kann. Neben einer Pritsche befindet sich in den Zellen lediglich noch eine Chromstahl-Schüssel, die mit einem Karton-Wändchen vor dem wachsamen Auge der Kamera geschützt ist. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.03.2010, 11:21 Uhr

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33 Kommentare

Edi Kuster

09.03.2010, 14:05 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Mich würde schon interessieren, wie die Stadt auf CHF 950 pro Nacht kommt. Werden jetzt neu in der ganzen Stadt nach soviel Betrunken gesucht, bis das Projekt kostenneutral wird? Antworten


Philipp Aregger

09.03.2010, 15:32 Uhr
Melden 1 Empfehlung

12 Zellen mit einer Gesamtkapazität von 4380 Übernachtungen/Jahr? Aber die Polizei rechnet nur mit 600 jährlichen Fällen, also weniger als zwei pro Nacht? Mittlere Auslastung gerade mal 14 Prozent? Während nichts desto trotz die grosse Mehrheit der Besoffenen unbehelligt bleibt? Darf man das einen Verhältnisblödsinn nennen? Lässt sich die Hochrüstung der Polizei überhaupt noch stoppen? Antworten



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