«Man muss nicht alles stehen lassen, nur weil es alt ist»
Interview: Christoph Landolt. Aktualisiert am 18.01.2011 8 Kommentare
Artikel zum Thema
- Ein Bett am Gleisfeld – Aktivisten besetzen den Tessinerkeller
- Ehemalige Bombay-Bar im Kreis 4 besetzt
Stichworte
Frau Gloor, die Besetzer, die sich an der Neufrankengasse 16 eingenistet haben, werfen Ihnen vor, das Haus «auf Vorrat» abzureissen.
Das Volk hat den Abriss des Tessinerkellers beschlossen, nicht ich. Weil an der Neufrankengasse Platz für Tramgleise entstehen soll, ist die Baulinie an der Neufrankengasse per Volksentscheid verschoben worden. Wir hatten uns überlegt, das Tessinerkeller-Haus zu erhalten, aber so ist das nicht mehr möglich.
Ihr Architekturbüro hat in den Kreisen 4 und 5 viele Projekte verwirklicht, Ihnen haftet der Ruf an, Luxuswohnungen zu bauen. Fühlen Sie sich missverstanden?
Komplett, ja. Man wirft uns einfach in den Spekulantentopf – völlig absurd. Wenn ich an das Engagement denke, mit dem nicht nur meine Leute dabei sind, sondern auch die privaten Investoren, die ihr Geld für minimale Renditen zur Verfügung stellen, dann finde ich es schon schade, dass dieser Vorwurf immer wieder kommt. Von der Europaallee her kommt eine Welle, dagegen kann man sich nicht stemmen. Aber man kann verhindern, dass man von ihr überrollt wird. Wir müssen uns damit befassen, was wir jetzt, hier, in diesem Kreis machen. Wir machen uns wirklich viele Gedanken darüber, wie man Wohnraum schaffen kann für Leute, die nicht so viel verdienen.
Was ist Ihre Antwort?
Wir können nicht zaubern, ein Neubau plus die Grundstückspreise rechnet sich immer auf die Miete runter – da ist ein dürftig sanierter Altbau billiger. Die wirkliche Frage ist doch: Wie findet man wandelbare Strukturen für verschiedene Wohnkonzepte? Wie kann man an zentraler Lage Raum schaffen für Leute, die 3000 Franken verdienen? Der Quadratmeterbedarf pro Person steigt und steigt, dabei können sich das viele nicht mehr leisten. Einen möglichen Ansatz könnten Sie bald über der St. Pauli-Bar an der Langstrasse besichtigen. Oben drin bauen wir dort Clusterwohnungen: Ein zweigeschossiger Gemeinschaftsraum mit Küche, Essbereich und Lounge. Vier 40-Quadratmeter-Kleinwohnungen gehen von diesem Raum weg, sie sind mit einer Nasszelle ausgestattet. Das Gleiche planen wir auch im Neubau an der Neufrankengasse.
Eine Art moderne WG.
Genau. Aber eine, in der vier Erwachsene morgens um 7 Uhr miteinander funktionieren. Natürlich bringt die Clusterwohnung einen Zwang zur Gemeinschaft, aber das tut auch gut. Mein 16-jähriger Sohn findet es genial. Die Grossmutter findet es auch genial. Sie sind nicht allein. Das spricht Leute in jedem Alter an. Ohne meine vier Kinder würde ich auch so wohnen. Ich brauche nicht viel Platz, aber ich will im Stadtzentrum leben, will die Nähe zu den Leuten, alltägliche Begegnungen, nicht jedes Mal kompliziert abmachen.
In diesen Wohnungen werden die Prostituierten vom Kreis 4 aber kaum eine Bleibe finden. Was bewirken Sie mit Ihren Bauten in diesem Quartier?
(überlegt) Es ist eine Illusion, wenn man meint, man könne den Frauen auf der Gasse helfen, indem man die alten Häuser erhält, in denen sie übrigens zu extrem hohen Mietzinsen hausen. Man hilft damit höchstens den Hintermännern. Ich habe wirklich kein Problem mit Prostitution an sich, aber ich habe ein Problem mit der Ausnutzung von Menschen. Viele glauben, dass das Prostitutionsproblem fast gelöst ist, weil der Kreis 4 ein Trendquartier wird. Aber es ist ja nicht so, dass die Langstrasse von einem Tag auf den anderen ein anständiges Quartier ist.
Wäre das denn schlimm?
Das Quartier hat seine Geschichte. Die Zentrumslage mit den verschiedenen Kulturen, die dort Platz finden, steht in Verbindung mit nicht allzu hohen Mieten. Die Vielfalt dieses Kreises ist extrem wertvoll, man muss sie irgendwie beibehalten. Aber es darf sich verändern, wir wollen ja keinen Ballenberg an der Langstrasse. Man muss nicht alles stehen lassen, nur weil es alt ist. Man muss es neu interpretieren. So ist eine Entwicklung im Kreis 4 möglich, ohne dass alles wegrasiert wird. Ich bin froh, wenn sich dieses Quartier nicht total wandelt, und ich glaube auch nicht, dass das passiert. Mal ehrlich, Sonntag bis Mittwoch ist es an der Langstrasse nicht wirklich lässig, dann hat es sehr viele eigenartige Leute, die herumschleichen. Vielleicht ist das auch grad gut.
Die Hausbesetzer können da kaum etwas dagegen haben. Haben Sie Verständnis für ihre Motive?
Die heutigen Besetzer sind natürlich viel jünger als ich, aber vor zwanzig Jahren hatte ich viele Kontakte zur Besetzerszene. Was ich etwas schwierig finde, ist das, dass man einfach mal irgendwo reinsitzt und den Eigentümern sagt, was sie zu tun haben. Diese Haltung entspricht mir nicht.
Das ist die Besetzerhaltung.
(lacht) Ich habe letzten Freitag mit einigen Besetzern gesprochen und zugehört, was sie wirklich wollen. Dabei ist zu Ausdruck gekommen, dass sie es unnötig finden, dass in der heutigen Wohnungsnot Grundstücke brach liegen, Wohnungen leer stehen, dass auch günstiger Wohnraum für jene erhalten bleiben soll, die kein Geld haben. Ich hab ihnen dann erzählt, warum dieses Haus abgerissen werden muss. Und es gibt ja sehr wohl ein Projekt, und dass das wichtig ist für den Kreis 4. Die Besetzer waren wohl ein bisschen erstaunt. Sie haben einfach mal auf Vorrat besetzt, ohne dass sie die Hintergründe kannten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 18.01.2011, 11:00 Uhr





