Mehr Automaten, mehr Süchtige?

In zwei Wochen öffnet das Casino Zürich. Kritiker befürchten mehr Spielsüchtige. Die Betreiber verweisen dagegen auf ihr «griffiges Sozialkonzept».

Anonymen Geräte bergen das höchste Suchtrisiko: Spielautomat in einem Casino.

Anonymen Geräte bergen das höchste Suchtrisiko: Spielautomat in einem Casino. Bild: Keystone

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Das neue Zürcher Casino ist ein Hauptgewinn – zumindest für die Steuerzahler. Die Swiss Casinos Zürich AG wird ab 2016 jährlich etwa 2,2 Millionen Franken Unternehmensteuern abliefern, in die Kassen von Zurich Tourismus sollen über 1,3 Millionen Franken fliessen. Noch viel mehr, nämlich geschätzte 80 Millionen, bekommt die AHV.

Kritiker halten solche Einnahmen für anstössig, da sie vor allem aus den Portemonnaies von Spielsüchtigen stammten. «80 Prozent aller Gewinne generieren die Casinos mit Süchtigen», sagt der Psychiater Mario Gmür, ein langjähriger Glücksspielkritiker. Swiss Casinos, die das Zürcher Casino betreibt, bestreitet dies. Man dulde keine Spielsüchtigen im Haus: «Unser Sozialkonzept ist darauf ausgerichtet, gefährdete Gäste frühzeitig zu erkennen und sie zu sperren», sagt Sprecher Martin Vogel.

Einladung zur Spielsucht?

Auch sonst widersprechen sich Kritiker und Betreiber diametral. Umstritten ist, ob in Zürich nach der Casinoeröffnung die Anzahl Spielsüchtiger steigt. «Je grösser und leichter erreichbar das Angebot, desto grösser ist die Verlockung. Folglich gibt es mehr Süchtige», sagt Mario Gmür. Er verweist auf das Zürcher Verbot von Spielautomaten, das die Stimmbürger 1995 beschlossen. «Die Zahl meiner Spielsuchtpatienten nahm darauf deutlich ab.» Auch nach dem nationalen Automatenverbot registrierten viele Suchtberatungen einen Rückgang.

Andere Suchtexperten stimmen Gmür zu. Offen sei aber, ob die Angebote rund um Zürich (Baden und Pfäffikon) das hiesige Potenzial von Spielsüchtigen nicht bereits ausschöpften.

Die Casino-Betreiber sagen, dass aufgrund der «griffigen Sozialkonzepte» die Zahl der Spielsüchtigen an Casino-Standorten nicht ansteige. «Alle bisherigen Erfahrungen belegen dies», sagt Martin Vogel. Casinobetreiber verweisen zudem auf das Internet, wo unter viel schwächerer Kontrolle gezockt wird. Süchtige würden sich lieber dort aufhalten. «Nirgends gibt es für Geldspiel so strenge Auflagen wie im Casino.»

Über 30'000 gesperrte Spieler

Wer in der Schweiz als süchtig auffällt, bekommt Casinoverbot. Von 2001 bis 2011 haben sich die Sperren auf 32'410 versechsfacht. Die Spielbanken deuten diese Zunahme als Erfolg. Sie zeige, dass sich die Casinos aktiv um die Suchtproblematik kümmerten.

Kritiker halten dagegen, dass sich rund 80 Prozent der Spieler selber oder auf Druck der Angehörigen sperren lassen. Zur Selbstsperrung greife ein Süchtiger erst, wenn er an Schulden verzweifle und es bereits zu spät sei. «Würde die Früherkennung greifen, gäbe es weniger Selbstsperren bankrotter Spielsüchtiger», sagt Mario Gmür.

Bei der Eidgenössischen Spielbankkommission (ESBK) hält man den hohen Anteil der Selbstsperren für unproblematisch. Die Mehrheit der freiwilligen Sperren erfolge, nachdem Casinomitarbeiter mit dem gefährdeten Gast gesprochen hätten. Zudem sei nicht jeder Gesperrte süchtig, heisst es aus Casinokreisen. Einige griffen schon nach einmaligem Verlust zu dieser Massnahme.

1,5 Millionen Franken verzockt

Das System der Selbstkontrolle könne grundsätzlich nicht funktionieren, bemängelt Mario Gmür, da Casinos durch einen Ausschluss ihre besten Kunden verlören. Gmür schildert Beispiele von Spielern, die rasch mehrere Hunderttausend Franken verloren. Statt sie zu sperren, lud sie das Casino an VIP-Anlässe oder spendierte alkoholische Getränke.

Einer dieser Süchtigen ist Thomas Kaiser, ein Unternehmer aus dem Zürcher Oberland, der innert zwei Jahren 1,5 Millionen Franken verzockte. Nur ein Drittel davon gehörte ihm. Zweimal hätten ihn Casinoangestellte gefragt, woher sein Geld komme. Mit einfachen Lügen habe er sie abgewimmelt. Die teils mangelhafte Nachprüfung solcher Angaben kritisierte auch die ESBK in ihrem Jahresbericht 2010.

Wegen seiner Schulden kam Kaiser in Untersuchungshaft. Er verlor alles: Familie, Freunde, das Geschäft. Nachdem er im «Club» des Schweizer Fernsehens seine Erlebnisse geschildert hatte, meldeten sich unzählige Süchtige bei ihm. Kaiser hörte ihnen zu, begleitete sie auf ihren Gamblingtouren. Sein Fazit: «Einiges hat sich verbessert. Aber das Kontrollsystem versagt nach wie vor.»

Casinos drohen Klagen

Um dies zu ändern, will Kaiser bis Ende Jahr eine Website aufschalten. Diese soll ruinierte Spielsüchtige unterstützen und davon überzeugen, Casinos wegen Verletzung der Sorgfaltspflicht einzuklagen. Das Gesetz schreibt Casinos vor, Spieler auszusperren, «welche Einsätze riskieren, die in keinem Verhältnis zu Einkommen und Vermögen stehen». Halten sich die Casinos nicht daran, kann es teuer werden. Das zeigt ein Fall aus der Nordschweiz: Eine spielsüchtige Bankangestellte stahl ihrer Arbeitgeberin 2,8 Millionen Franken. Weil das Casino nicht nachfragte, woher die Einsätze stammten, und die Zockerin nicht wegwies, muss es 684'000 Franken Busse zahlen. Das Bundesgericht bestätigte das Urteil. Beim Bundesverwaltungsgericht ist ein ähnlicher Fall hängig, die Spielbankenkommission erteilte eine Busse in Millionenhöhe.

Mehr solcher Prozesse gab es bisher nicht. Sie seien schwierig zu führen, sagt ein involvierter Anwalt. Die Klienten seien hoch verschuldet und nicht immer zuverlässig. Auch die Beweislage gestalte sich schwierig. Um öffentliches Aufsehen zu vermeiden, haben aber mindestens zwei Casinos Vergleiche mit geschädigten Spielern abgeschlossen. Diese Vereinbarungen bleiben geheim.

«Bedauerliche Einzelfälle»

Weitere Prozesse würden die Casinos dazu zwingen, Süchtige konsequent wegzuweisen, sagt Gmür, denn bei «wiederholten, schwerwiegenden Verstössen» gegen das Spielbankengesetz droht der Lizenzentzug. «Und dieses Durchgreifen würde die Casinos wirtschaftlich empfindlich treffen, da der wichtigste Einnahmezweig wegbricht.» Einige von ihnen müssten deswegen schliessen, ist Gmür überzeugt.

Andere Suchtexperten gehen längst nicht so weit. Bei den Beratungsstellen in Aarau und Basel bezeichnet man die Zusammenarbeit mit den Casinos als gut. Woran es fehle, sei die Sensibilisierung der Süchtigen. Nur knapp 25 Prozent von ihnen begeben sich in Behandlung. Marc Friedrich, Geschäftsführer des Schweizer Casino-Verbandes, spricht von bedauerlichen Einzelfällen, die man nie ganz ausschliessen könne. «Kein System garantiert hundertprozentige Sicherheit.» Doch die Sozialkonzepte böten ein weltweit einmaliges Auffangnetz, das streng kontrolliert werde. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 18.10.2012, 08:50 Uhr)

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Spielsucht

Das Casino gewinnt immer

– Wer lange spielt, verliert. Alle Casinospiele sind so eingerichtet.

– Es wird vermutet, dass 120 000 Schweizer spielsüchtig sind. Die Schätzungen reichen von 0,5 bis 3 Prozent der Bevölkerung. Umstritten ist, wie viele davon in Casinos gehen, und wie viele im Internet gamblen. Kritiker lehnen offizielle Studien ab, da Spielbanken die Erhebungen mitfinanzierten.

– Spielsüchtige gibt es in allen Schichten und Altersklassen: Unternehmer, Bankangestellte, Fussballprofis, Studenten, IV-Rentner, Senioren, Witwen. Gemäss einer Studie arbeitet ein Viertel in einer Kaderfunktion. Casinosperren betreffen zu 80 Prozent Männer.

– Fast alle Spielsüchte beginnen mit einem riesigen, im Vergleich zum Einsatz überproportionalen Gewinn. Diesen versuchen die Spieler zu wiederholen. Später, nachdem sie viel verloren haben, hoffen sie, ihre Verluste teilweise zurückzugewinnen («Chasing»). Und geraten so immer tiefer in die Schulden.

– Viele Spielsüchtige folgen abergläubisch einem System, vertrauen auf bestimmte Kombinationen oder Symbole, die Glück bringen sollen.

– Rund die Hälfte der Spielsüchtigen gerten in die Beschaffungskriminalität, auch wenn sie zuvor noch nie ein Delikt begangen haben: Sie betrügen den Arbeitgeber, erschummeln Darlehen von Verwandten oder Freunden. Im Extremfall stehlen sie. Dafür verschlampen sie das Zahlen von Steuern, Krankenkassenprämien oder der Alimente.

– Viele Spielsüchtige leiden wegen ihrer Sucht unter Depressionen. Oft konsumieren sie übermässig viel Alkohol, Tabak oder Medikamente. (bat)

– Schwerstabhängige zocken täglich, und das bis zu zwölf Stunden lang.

– Eine Studie aus dem Jahr 2009 (BassStudie) schätzt die jährlichen sozialen Kosten wegen Casino-Spielsucht auf 70 Millionen Franken. Darunter leiden oft die Familien der Süchtigen, deren ganzes Vermögen verzockt wird.

Swiss Casino Zürich
Video: Youtube

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