Zürich

Mehr gemeinnützige Wohnungen: Notwendigkeit oder des Teufels?

Von Janine Hosp. Aktualisiert am 14.11.2011 55 Kommentare

Hauseigentümer Albert Leiser und Genossenschafter Peter Schmid streiten über die Wohnbauvorlage. Sie verlangt, dass der Anteil der gemeinnützigen Wohnungen in Zürich von heute 25 auf 33 Prozent steigt.

Die Vorlage will mehr davon: Die neue Siedlung Triemli mit 194 Genossenschaftswohnungen.

Die Vorlage will mehr davon: Die neue Siedlung Triemli mit 194 Genossenschaftswohnungen.
Bild: Sabina Bobst

Der FDP-Gemeinderat Albert Leiser ist Direktor der Hauseigentümerverbände Stadt und Kanton Zürich. (Bild: Keystone )

Peter Schmid ist Präsident des Schweizerischen Verbandes für Wohnungswesen und der Allgemeinen Baugenossenschaft Zürich (ABZ).

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Herr Leiser, in Zürich werden laufend günstige Wohnungen zu teuren umgewandelt. Sollen in Zürich bald nur noch Gutverdienende leben können?
Albert Leiser: Wohnungen müssen nach einer gewissen Zeit renoviert werden. Sie gehören dann zwar zu den teureren, werden später aber günstiger. In Zürich werden nach wie vor zu wenig Wohnungen renoviert. Es sollten mindestens 1 Prozent des ganzen Bestandes sein, tatsächlich sind es halb so viele.

Sie bezeichneten die Vorlage kürzlich als «des Teufels». Sind Sie gegen Genossenschaftswohnungen?
Leiser: Nein. Stadt, Genossenschaften und Stiftungen besitzen heute 25 Prozent aller Wohnungen. Der Anteil muss nicht auf 33 Prozent erhöht werden – ich wüsste nicht für wen.
Peter Schmid: Ich schon: Für all jene, welche die überteuerten Mieten nach sogenannten Renovationen nicht mehr bezahlen können. Zwar wird nur ein kleiner Prozentsatz der Wohnungen renoviert, betroffen sind am Ende aber Tausende von Personen.

Ist es die Lösung, den Anteil gemeinnütziger Wohnungen zu erhöhen?
Schmid: Ja. Die Stiftung für Alterswohnungen etwa hat sehr viele Anfragen älterer Leute; im Quartier, in dem sie aufgewachsen sind, finden sie keine bezahlbare Wohnung mehr. Deshalb sinkt auch der Anteil älterer Leute in der Stadt, obwohl die demografische Entwicklung in die entgegengesetzte Richtung zeigt.
Leiser: Ich verwahre mich gegen die Behauptung, dass die Mieten nach jeder Renovation an die Marktmiete angepasst würden; das Mietrecht lässt dies gar nicht zu. Es gibt zwar schwarze Schafe, da gebe ich Ihnen Recht. Aber das ist eine Minderheit. Auch viele private Besitzer bieten günstige Wohnungen an. Der Hauseigentümerverband verwaltet Liegenschaften in den Kreisen 1, 2, 6, 7 und 8. Dort kosten die meisten Drei- bis Viereinhalbzimmerwohnungen zwischen 1500 und 1900 Franken.

Herr Schmid, verspricht die Vorlage nicht etwas Unerfüllbares? Stadt und Genossenschaften müssten bis 2050 rund 24 000 Wohnungen kaufen oder bauen, was laut Finanzvorstand Martin Vollenwyder über 15 Milliarden Franken kosten würde.
Schmid: Das ist Angstmacherei. Der Finanzvorstand hat zwar erhoben, wie viel der Bau der Wohnungen kosten würde. Er hat aber nicht so laut gesagt, dass dem auch Mieteinnahmen gegenüberstehen. Die 15 Milliarden sind also nicht Ausgaben, welche zu Steuererhöhungen führen, sondern reine Investitionen, bei denen wieder Geld zurückkommt. Zudem muss die Stadt nicht 24 000 Wohnungen erstellen; es fehlen uns lediglich 9000, um den Anteil von 33 Prozent zu erreichen. Die Genossenschaften schaffen schon heute ohne Förderung viele Wohnungen. Wir müssten unseren Anteil also nur leicht erhöhen.
Leiser: Sie sagen es zu Recht: Genossenschaften bauen schon heute viele Wohnungen. Weshalb müssen wir dann einen höheren Anteil festschreiben?
Schmid: Weil es angesichts der Wohnungsnot zusätzliche Anstrengungen braucht. Ein Anteil von 33 Prozent ist ein ehrgeiziges Ziel, aber erreichbar.

Herr Schmid, Sie sagen, das Geld komme wieder zurück. Aber erst muss die Stadt eine Stiftung schaffen und mit 80 Millionen Franken ausrüsten.
Schmid: Mit diesem Kapital wird gearbeitet, die Darlehen kommen auch zurück. Und stellen Sie die 80 Millionen einmal den etwa 100 Millionen Franken gegenüber, auf welche die Stadt jedes Jahr verzichtet, um Wohneigentum zu fördern.
Leiser: Ihr Genossenschafter suggeriert, dass ihr die Lösung des Wohnungsproblems seid. Nehmen wir an, die Vorlage wird angenommen. Was geschieht, wenn das Parlament sieht, dass die Stadt im Rückstand ist und zu wenig Wohnungen erworben hat? Dann eilt sie auf den Markt und kauft Wohnungen – zu jedem Preis. Wenn sie aber Liegenschaften teuer erwirbt, muss sie einen Teil des Geldes abschreiben, damit die Mieten noch bezahlbar sind. Das wird teuer.

Und die Stadt treibt als Mitbieterin die Preise in die Höhe.
Schmid: Auch andere würden mehr bieten, nicht nur die Stadt. Und selbst wenn wir Genossenschaften 10 Prozent mehr bezahlen müssten, würde sich der Aufpreis mit den Jahren auswachsen, weil die Wohnungen der Spekulation entzogen sind.
Leiser: Sie sagen, wir Hauseigentümer seien Spekulanten?
Schmid: Natürlich, aber das ist nicht wertend gemeint. Ein Investor will eine möglichst hohe Rendite aus seinem Kapital ziehen. Wenn man das Glück hat, in Zürich eine Liegenschaft zu besitzen, kann man garnieren, ohne etwas dafür zu leisten.
Leiser: Einige wenige Investoren mögen vielleicht die Preise in die Höhe treiben. Aber insbesondere die Pensionskassen sind auf die Erträge angewiesen, um das Geld ihrer Versicherten verzinsen und ihnen eine Rente garantieren zu können.

Schon heute wohnen Menschen in Genossenschaften, die nicht auf eine günstige Wohnung angewiesen sind. Können Sie sicherstellen, dass diese Wohnungen jene Personen bekommen, die sie wirklich brauchen?
Schmid: Das ist ein völlig falscher Fokus. Wir sehen unsere Aufgabe darin, für breite Kreise der Bevölkerung zahlbaren Wohnraum zu schaffen.

Dann können Sie den Anteil gemeinnütziger Wohnungen also auf 33 Prozent erhöhen, und Leute mit wenig Geld hätten immer noch keine Wohnung. Schmid: Das sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Wir schaffen zwar mit den Neubauten für den Mittelstand Wohnungen, aber wir übernehmen auch soziale Verantwortung, indem wir die billigen Wohnungen an Menschen mit wenig Einkommen abgeben. Als kollektive Miteigentümer haben unsere Mitglieder auch dann ein Wohnrecht, wenn sie mit der Zeit etwas mehr verdienen.
Leiser: Damit wir das Wohnungsproblem lösen können, müssten die Genossenschaften zum Beispiel jede zehnte Wohnung für jene reservieren, die darauf angewiesen sind. Die Stadt müsste entsprechende Auflagen machen, was sie nicht tut. Das ist ein Fehler.
Schmid: Ich bin einverstanden, dass die öffentliche Hand Bedingungen stellen kann, wenn sie Land abgibt. Aber dann muss sie es auch tatsächlich vergünstigen. Das tut sie heute nicht: Der Landanteil an den Gesamtkosten ist bei einem Baurecht mit 18 Prozent zwar tiefer als bei einem Kauf, aber wenn man alle Auflagen berücksichtigt – Kunst am Bau, Notwohnungen, das Verbot, Kapital zu bilden – dann ist das Land nicht subventioniert. Kein Privater würde ein solches Baurecht übernehmen.

Was hat die Stadt davon, Herr Schmid, wenn das Volk Ja sagt zu mehr gemeinnützigen Wohnungen?
Schmid: Sie spart viel Geld – wenn alle Wohnungen so gut belegt wären wie unsere, hätten in Zürich 50 000 Personen mehr Platz. Das bedeutet weniger Kosten pro Einwohner und mehr Steuereinnahmen. Zusätzlich spart sie jedes Jahr 15 Millionen Franken an Sozialhilfe, weil Genossenschafter dank den günstigen Mieten keine oder weniger Unterstützung brauchen.
Leiser: Auch private Eigentümer nehmen Sozialhilfebezüger auf. Sie vergünstigen die Mieten zwar nicht, aber auch sie bieten günstige Wohnungen.

In Zürich kann man heute mit einer Wohnung viel Geld verdienen. Hat die Immobilienwirtschaft Angst, dass ihr mit der Vorlage hohe Profite verloren gehen?
Leiser: Mit dieser Vorlage greift man in den Markt ein und geht Richtung Planwirtschaft. Das wollen wir nicht.

In Zürich funktioniert der Markt nicht. Er kann die grosse Nachfrage nach Wohnraum nie befriedigen.
Leiser: Wir werden das Wohnungsproblem mit solchen staatlichen Eingriffen nie in den Griff bekommen. Es hat niemand den Anspruch, in der Stadt wohnen zu können, wenn er nicht bereit ist, eine angemessene Miete zu zahlen. In Dübendorf gibt es gleichwertige Wohnorte, und man ist schnell in der Stadt.
Schmid: Der Markt wird nie eine sozial gesunde Durchmischung herstellen können, weil er immer den bevorzugt, der am meisten zahlt. Am Ende leben in der Stadt Gutverdienende und Zweitwohnungsbesitzer.

Was würden Sie tun, Herr Leiser, damit Leute, die in Zürich keine bezahlbare Wohnung finden, die Stadt nicht verlassen müssen?
Leiser: Genau für solche Fälle haben wir Genossenschaftswohnungen. Sie müssten aber vermehrt Leute berücksichtigen, die auf ihre günstigen Wohnungen angewiesen sind. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.11.2011, 07:39 Uhr

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55 Kommentare

cristiano safado

14.11.2011, 09:03 Uhr
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Albert Leiser, ehemaliger Direktor des Hauseigentümerverbandes, hatte vor Jahren im "Der Zürcher Hauseigentümer" die Hauseigentümer de facto aufgefordert, Fürsorgebezügern keine Wohnung mehr zu vermieten. Dieser Aufruf zeigt die Gesinnung von FDP-Mitglied Albert Leiser. Antworten


Pawel Silberring

14.11.2011, 09:14 Uhr
Melden 17 Empfehlung

Ein kleines Zitat aus der Broschüre 125-Jahre HEV Zürich von Herrn Leiser: "Die schönen, citynahen Lagen füllen sich mit wohlhabenden Ausländern oder Schweizern, die ihre Wohnung oder ihr Haus ausserhalb der Stadt eintauschen gegen eine komfortable Wohnung nahe der Innenstadt mit ihrem vielfältigen kulturellen und wirtschaftlichen Angebot". Gehören wir dazu oder gehören wir raus? Antworten



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