Millionen wegprogrammiert

Das neue Informatiksystem für das Sozialdepartement verteuert sich erneut – um 7,5 Millionen Franken auf 29 Millionen. Politiker sprechen von einem Super-GAU.

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Selten herrschte im Gemeinderat solche Einigkeit: «Ein Desaster», lautete das parteiübergreifende Urteil. Gemeint war das Informatikprojekt Famoz (Fallmanagement Modell Zürich) im Sozialdepartement. 2009 beliefen sich dessen Kosten auf knapp 22 Millionen Franken statt der im Jahr 2006 bewilligten 11 Millionen.

Selbst der Stadtrat übte in einem Bericht Selbstkritik, verzichtete aber darauf, Beteiligte für die Fehler zu entlassen oder einzuklagen. Zu diffus seien die Verantwortlichkeiten.

Angestellte benutzen «Umgehungslösungen»

Nun zeigt sich, dass auch die 22 Millionen nicht ausreichen. Kürzlich hat der Stadtrat das Projekt-Budget nochmals deutlich aufgestockt. Im April dieses Jahres sprach er 1,5 Millionen, im Juli weitere sechs. Momentan betragen die Gesamtkosten 29,3 Millionen Franken – fast dreimal mehr, als beim Start im Jahr 2006 vorgesehen. Derzeit steht das Projekt, das mittlerweile in Elusa (Elektronisch unterstützte soziale Arbeit) umgetauft wurde, am Ende der zweiten Konzeptphase. Es war Anfang 2010 erneut ins Stocken geraten, weil der Projektleiter erkrankte. Als die neue Direktorin der Sozialen Dienste im April 2010 ihr Amt antrat, «zeigte sich, dass das Projekt noch einmal einer konsequenten Klärung bedurfte», schreibt der Stadtrat. Die Prüfung habe ergeben, dass es einen «grundlegenden Umbau der Systemarchitektur» braucht.

Elusa soll vier Systeme ersetzen: jene für die Sozialhilfe, Jugend- und Familienhilfe, vormundschaftliche Massnahmen und das Alimentenwesen. Damit steuert das Programm die Auszahlung von jährlich über 350 Millionen Franken. Mit Famoz wollte das Sozialdepartement Informatik-Betriebkosten senken, die Bedienung erleichtern und vereinheitlichen. Dies gelang von Beginn weg nicht. Kurz nach der Teileinführung 2008 kam es zu Problemen mit den Abrechnungen für die Sozialhilfe. Auch andere Teilprogramme erfüllen die Anforderungen bis heute nicht.

Momentan laufen aufwendige Abstimmungsarbeiten. Viele Angestellte benutzen «Umgehungslösungen», also Kniffe, um mit dem Programm zurechtzukommen. Dies verunmögliche effizientes Arbeiten und erhöhe die Fehleranfälligkeit, sagt Christina Stücheli, Sprecherin des Sozialdepartements. «Dieser Zustand ist unhaltbar.»

Extrem komplizierter Prozess

Der Stadtrat hat den Abschluss der Umsetzung auf Oktober 2012 angekündet. Ein Stopp zum jetzigen Zeitpunkt ergebe keinen Sinn, sagt Stücheli. Das System funktioniere nicht sauber, die Unterhaltskosten betrügen jährlich 1,5 Millionen Franken. Deshalb müsse man Elusa erfolgreich zu Ende bringen.

Der zuständige Stadtrat Martin Waser (SP) hat das Problem von seiner Vorgängerin Monika Stocker (Grüne) geerbt, deren Mitarbeitende ihr alle Warnsignale verschwiegen hatten, wie es im Untersuchungsbericht heisst. «Als ich Mitte 2008 begann, stand das System am Abgrund», sagt Waser. Er habe sich von Beginn weg stark für eine Lösung eingesetzt. Doch der Prozess sei extrem kompliziert. Innerhalb des Departements gab es teils gegensätzliche Ansprüche. Auch die Software-Entwickler hätten mit einer Aufgabe dieser Komplexität Neuland betreten. «Doch nach dem jetzigen Neustart bin ich sehr optimistisch, dass es klappt», sagt Waser.

«Darf nicht mehr passieren»

Gemeinderäte empören sich über den erneuten Kostenanstieg. «Es ist inkompetent, auf diese Art und Weise Software zu entwickeln. Das dürfte heute nicht mehr passieren», sagt Jacqueline Badran, SP-Gemeinderätin und Leiterin eines Informatikunternehmens. Dabei handle es sich aber um ein Problem der gesamten Branche. Fast alle Software-Entwicklungsfirmen setzten solche Aufgaben falsch um. «Sie gehen nicht von der Schnittstelle zum Benutzer aus, sondern definieren einen ausführlichen Aufgabenkatalog, der dann ungenügend programmiert wird», sagt Badran. Dies führe zu endlosen, teuren Nachbesserungen. In der Branche und bei den Kunden müsse endlich ein Umdenken stattfinden. «So darf man Projekte nicht mehr angehen.» Trotzdem hält es Badran für falsch, Elusa abzubrechen. «Das würde auch nichts mehr bringen.»

Von einem «Fass ohne Boden» spricht SVP-Fraktionschef Mauro Tuena. In einem Sparjahr sprengten solche Kosten jedes Verhältnis. «Wie soll ich einem Polizisten erklären, dass er keinen Leistungslohn bekommt, wenn anderswo Millionen für einen Informatik-SuperGAU verbrannt werden?» Gemäss Tuena hätte Famoz bereits zu einem früheren Zeitpunkt gestoppt werden müssen, was möglich gewesen wäre.

Weiter bemängelt Tuena, dass die Verteuerung nicht vor den Gemeinderat kommt, da der Stadtrat Informatikkredite in eigener Kompetenz sprechen darf. «Wir debattieren stundenlang über 50 000 Franken für ein Sozialprojekt. Und diese 7,5 Millionen müssen wir einfach hinnehmen.»

Firma hat gewechselt

Entwickelt hat das Programm die Born Informatik AG, ein Berner Unternehmen mit über 100 Mitarbeitern, das zahlreiche Verwaltungen zu seinen Kunden zählt. Dort will man sich nicht zu Famoz äussern. Zudem hat die Born Informatik AG das ganze Projekt samt den beteiligten Mitarbeitern vor einem Monat an eine andere Firma verkauft. Das habe sich als «guter Schritt» erwiesen, sagt Stadtrat Waser.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 29.08.2011, 07:16 Uhr)

Die Chronologie des Scheiterns

2004: Erste Vorstudien zum Informatikprojekt Famoz werden erstellt.
2006: Der Stadtrat bewilligt 11,4 Millionen Franken.
2007: Weitere 580 000 Franken kommen hinzu.
2008: Weite Teile des Programms funktionieren nicht. Es kommt zu Problemen bei der Auszahlung von Sozialhilfebeträgen.
2009: Bürgerliche Parteien fordern einen Untersuchungsbericht. Eine Anwaltskanzlei durchleuchtet die Probleme. Der Stadtrat spricht weitere 9,8 Millionen. Famoz soll 2010 laufen.
2010: Wegen neuer Schwierigkeiten stoppt Martin Waser das Projekt und ordnet eine Neukonzipierung an. Famoz wird in Elusa umgetauft.
2011: Der Stadtrat beschliesst, nochmals 7,5 Millionen für die Umsetzung des neuen Ansatzes zu investieren.
2012: Im Oktober soll Elusa fertig sein und funktionieren.

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