Mit Farbbomben gegen Bancomaten-Räuber

Die neue Gefahr: Räuber sprengen Bancomaten und erbeuten Geld. Wie sich jetzt Zürcher Banken gegen diese Methode wappnen – und was eine Bombe damit zu tun hat.

Zeichnung: Felix Schaad

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Zuerst leiten sie Gas ein, dann zünden sie es: Auf diese Art jagen Gangster in Deutschland immer mehr Bancomaten in die Luft und flüchten danach mit der Geldkassette. Über 130 solche Spreng-überfälle hat es letztes Jahr in Deutschland gegeben, wie die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» kürzlich berichtete. In über der Hälfte der Fälle waren die Täter erfolgreich. Besonders Bancomaten in kleineren Gemeinden und eher abgelegenen Gebieten sind betroffen.

Auch in der Schweiz hat es erste Fälle gegeben. Mitte Januar sprengten Unbekannte in Le Noirmont JU einen Bancomaten in die Luft und flohen mit der Beute. Laut Medienberichten ermittelten darauf Sprengstoffexperten der Zürcher Polizei vor Ort im Jura. Bereits Ende Dezember hatten Automatensprenger in Troinex GE zugeschlagen. Dort entkamen sie mit einer Beute von rund 100'000 Franken. Nach dem berüchtigten Skimming, bei dem Täter die Bancomaten manipulieren, sehen sich die Banken nun mit Sprengungen konfrontiert.

Der Kanton Zürich blieb bisher von dieser Form von Kriminalität verschont: «Das Vorgehen ist bekannt, aber bislang sind bei uns keine Fälle erfasst worden», sagt Cornelia Schuoler, Sprecherin der Kantonspolizei. Darüber hinaus gibt sich die Polizei zugeknöpft. Fragen zu verstärkten Sicherheitsvorkehrungen, Empfehlungen an Banken oder zur Zusammenarbeit mit deutschen Behörden lässt Schuoler unbeantwortet. «Wir kommunizieren aus naheliegenden Gründen mögliche Empfehlungen in dieser Sache nicht.»

Gegengas und Piezozünder

Die Banken halten sich ebenfalls bedeckt. Aus sicherheitstechnischen Überlegungen, wie es heisst. Immerhin lassen sie durchblicken, dass sie die Gefahr ernst nehmen und sich dagegen wappnen. «Wir beobachten die Situation und investieren laufend in die Sicherheit unserer Bancomaten», sagt UBS-Sprecherin Ursula Dober. Details zum Sicherheitsdispositiv und zu Schutzmassnahmen gebe man nicht bekannt.

Auch die ZKB «überwacht die Situation laufend und ist diesbezüglich im Austausch mit anderen Banken», wie Sprecherin Katharina Wälchli sagt. Zudem würden zusammen mit den Automatenherstellern «laufend Massnahmen definiert und umgesetzt». «Es gibt Vorkehrungen und Gegenmassnahmen im Automaten-Umfeld», sagt Raiffeisen-Sprecherin Simone Isermann. Die Bank prüfe laufend Sicherheitsvorkehrungen und arbeite intensiv mit anderen Banken und der Polizei in Arbeitsgruppen zusammen. Etwas auskunftsfreudiger zeigen sich die Automatenhersteller. «Das Phänomen ist in Europa seit gut zehn Jahren bekannt», sagt Paul Thür, Geschäftsführer bei NCR Schweiz. «Die Sprengungen haben gerade in Deutschland im letzten Jahr eine neue Dimension angenommen, und leider mussten wir in den letzten Monaten auch in der Schweiz eine Zunahme feststellen.» Die Hersteller haben deshalb Massnahmen gegen Automatenknacker im Programm. Dazu gehören nachrüstbare Technologien wie das sogenannte Gegengas, das eingeleitetes Gas im Automaten neutralisiert. Oder Piezozünder, die eingeleitetes Gas in vielen kleinen Zündungen verpuffen.

Weitere Optionen sind Farbkartuschen, die in die Bargeldkassetten integriert werden. Wenn der Safe gewaltsam geöffnet wird, platzen diese Farbbomben, verfärben die Banknoten und machen sie damit für Diebe unbrauchbar. Eine weitere Schutzmöglichkeit sind Dämmmatten, die in Hohlräumen angebracht werden und die Wucht der Sprengung reduzieren. Bancomat-Experte Thür sagt: «Die einfachste Lösung ist es, Hohlräume in Automaten so zu reduzieren, dass nicht genügend Gas eingeführt werden kann, um dem Automaten zu schaden.»

In einigen Ländern obligatorisch

Auch beim Bancomat-Hersteller Wincor Nixdorf verweist man auf wirksame Gegenmittel, die auf dem Markt erhältlich sind. «Es gibt sprengsichere Tresore», sagt Firmensprecherin Claudia Wendorff-Goerge. Der Vorteil: Nicht nur das Bargeld wird geschützt, sondern es können auch Kollateralschäden an Gebäuden weitgehend vermieden werden. Diese Schäden sind häufig höher als jene an den Systemen und der Verlust des Bargeldes aus den Automaten. Daneben bietet auch Wincor Nixdorf die Tintentechnologie als Diebstahlschutz an.

«Nach unserer Einschätzung können mit unserer eigenen Lösung nahezu alle Geldautomaten nachgerüstet werden», so Wendorff-Goerge. Sie weist darauf hin, dass in Schweden, Belgien und Frankreich der Einsatz der Tintentechnologie bereits per Gesetz verpflichtend ist. In den Niederlanden wird eine ähnliche Vorschrift diskutiert.

Da Sprengungen in der Schweiz bisher Einzelphänomene blieben, war die Bereitschaft der Banken, in Sicherungsmassnahmen bestehender Automaten zu investieren, «eher gering», wie NCR-Schweiz-Chef Thür sagt. Dafür kamen bei der Beschaffung von Neugeräten in den letzten Jahren fast ausschliesslich Modelle mit sprengsicheren Tresoren zum Zug. Angesichts der Vorfälle in Deutschland hätten nun aber auch die Banken in der Schweiz damit begonnen, ältere Automaten aufzurüsten.

Ob und wie viele Geldautomaten in der Region Zürich schon über einen Anti-Spreng-Schutz verfügen, geben die Banken nicht preis. «Unsere Automaten sind zeitgemäss und effizient geschützt, die Massnahmen werden ständig überprüft und angepasst», heisst es bei der ZKB lapidar. In den Automaten Farbkartuschen einzubauen, sei «eine mögliche Massnahme», so Sprecherin Wälchli.

Bei Raiffeisen weist man auch auf die Kosten für die Aufrüstung hin. Dieser Faktor ist auch in Deutschland ein Thema. So zitierte «Spiegel online» ­kürzlich einen Polizeifahnder mit der Aussage, Automatenknacker hätten in Deutschland bisher vergleichsweise leichtes Spiel, weil Banken mit der Umrüstung zögerten – aus Kostengründen.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 17.02.2016, 23:33 Uhr)

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In Le Noirmont wurde Mitte Januar ein Automat gesprengt. Foto: Laurent Crottet (Le Matin)

Skimming

Starker Rückgang

Das Abfangen von Karteninformationen und PIN-Codes an Geldautomaten (Skimming) kommt in der Schweiz fast nicht mehr vor. Wurden 2011 noch 490 Fälle verzeichnet, waren es letztes Jahr noch 4. Den Rückgang führt Julian Chan, Sprecher der Six Group, auf Verbesserungen an den Automaten und Karten sowie auf Sensibilisierungskampagnen zurück. Die Kapo bestätigt die stark rückläufige Tendenz beim Skimming. (mth)

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