Mit Nörgeln gewinnt man keine Wahlen mehr
Von Janine Hosp. Aktualisiert am 13.03.2010
Angriffe auf den rot-grünen Stadtrat: Mauro Tuena, erfolgloser Stadtratskandidat der SVP: (Bild: Keystone)
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Versucht haben sie es auch dieses Jahr. Sie haben im Wahlkampf in gewohnt ruppiger Manier wacker auf das «rot-grüne Zürich» eingedroschen und, etwa wie die SVP, behauptet, in «Zürich herrschen Chaos und Gewalt». Kaum ein Tag vergehe, «an dem in der Stadt Zürich nicht auf offener Strasse schwere Gewalttaten begangen werden». Der Stadtzürcher Gewerbeverband stand der SVP dabei kaum nach und geisselte seinerseits die «Baustellenmisere» und das «Verkehrsschlamassel».
Ein Dankesbrief an die Stadt
Dieses Jahr ging der Schuss jedoch voll nach hinten los. Die Behauptungen kontrastierten derart scharf mit der Realität, dass vielen Wählerinnen und Wählern erst bewusst wurde, wie gut es Zürich trotz Wirtschaftskrise geht: In der Stadt, in der angeblich Chaos und Gewalt herrschen, fühlen sich die Bewohnerinnen und Bewohner so sicher wie seit Jahren nicht mehr. In der Bevölkerungsbefragung vergangenes Jahr gaben 75 Prozent der Befragten an, sie fühlten sich selbst nachts, wenn sie alleine unterwegs sind, sicher. Zehn Jahre zuvor waren es nicht einmal 60 Prozent.
Und die Gewerbler laufen zwar tatsächlich oft Sturm, wenn vor ihrer Tür ein Bagger auffährt, auch vergangenes Jahr, als die Stadt am Stadelhofen eine Grossbaustelle eröffnete. Am Ende schrieb der Präsident der Vereinigung Bellevue-Stadelhofen der Stadt aber persönlich einen Dankesbrief für ihre Bemühungen - die komplexen Bauarbeiten waren so gut orchestriert, dass sie einen Monat früher als geplant fertig waren.
In Zürich, so mussten die notorischen Nörgler am vergangenen Wahlsonntag ernüchtert feststellen, gewinnt man keine Wahlen mehr, indem man die Stadt schlechtredet. Das Potenzial der Unzufriedenen hat sich erschöpft. Die SVP, die jeweils am lautesten «Skandal!» ruft, konnte im Parlament keinen einzigen Sitz zulegen, im Stadtrat war sie nach wie vor chancenlos.
Die Nörgler wollen nicht wahrhaben, dass die früheren Prügelknaben, der Zürcher Stadtrat und die Parlamentsmehrheit, ihre Sache nicht so schlecht machen und dass deshalb ihre Masche nicht mehr zieht. Anders als in den 90er-Jahren bereiten der Stadt nicht mehr eine offene Drogenszene, ein riesiger Schuldenberg oder die Wegzüge von Unternehmen und Familien Probleme. Probleme ergeben sich heute aus ihrer Attraktivität: Alles drängt in die Stadt, nur für einen Abend oder um für immer hier zu bleiben, und mittlerweile ist sie hoffnungslos überlaufen.
Damit Zürich nicht ergraut
Es fehlt an Platz - Platz zum Wohnen, zum Arbeiten, zum Festen und Platz, um sich fortzubewegen. So sind gemäss Bevölkerungsbefragung das knappe Wohnungsangebot und der Verkehr die grössten Probleme der Zürcherinnen und Zürcher, wobei sich die Nutzer des öffentlichen Verkehrs über die vollen Trams und Busse beklagen, die Autofahrer über Staus und die Velofahrer über fehlende Velowege.
Dabei ist die Stadt Zürich gerade so attraktiv, weil sie in den 90er-Jahren genügend Platz bieten konnte. Auf den entleerten Industriearealen stand günstiger Raum zur Verfügung, wo sich Neues entwickeln konnte. Dort experimentierten zum Beispiel Partyveranstalter und Wirte und prägten massgeblich die Ausgeh- und Gastroszene, auf die Zürich heute so stolz ist. Und dort wurden Unternehmen wie Freitag geboren, das heute für das urbane Zürich steht und mit seinem Verkaufslokal aus Schiffscontainern ein neues Wahrzeichen für die Stadt geschaffen hat.
Die Platznot wird Zürich auch in der nächsten Legislatur beschäftigen - Zollikon oder Kilchberg werden sich kaum eingemeinden lassen. Die Stadt muss zum Beispiel Raum dafür schaffen, dass sie sich auch künftig erneuern kann und nicht wieder zur grauen Bankenstadt wird. Oder sie muss Lösungen finden, wie der knappe Wohnraum möglichst gerecht verteilt werden kann. Politikerinnen und Politiker jeglicher Couleur brauchen Probleme nicht herbeizureden - es gibt auch künftig noch genug für alle. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 13.03.2010, 14:16 Uhr


































