Müssen sich die Männer im Regierungsrat fürchten?

Der Kampf um die sieben Sitze in der Zürcher Regierung wird spannend. Drei starke Frauen wollen neu hinein, fünf Männer wollen bleiben. Politexperten schätzen die Chancen unterschiedlich ein.

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Jacqueline Fehr (SP), Carmen Walker Späh (FDP) und Silvia Steiner (CVP) haben vieles gemeinsam: Sie sind kompetent, profiliert und erfahren. Ihre Parteien schicken sie deswegen in den Kampf um einen Sitz im Zürcher Regierungsrat; als letzte hat am Donnerstagabend die FDP nominiert. Alle drei Frauen sind weit über ihre Parteien hinaus bekannt: Fehr als erfolgreiche Sozial- und Bildungspolitikerin in Bern, Walker Späh als stramm bürgerliche Verkehrspolitikerin in Zürich und Steiner als Staatsanwältin mit ihrem Einsatz gegen den Menschenhandel. Beste Voraussetzungen, eine Personenwahl zu gewinnen – wie die Regierungsratswahl.

Für diese Wahl, die am 12. April 2015 stattfindet, erhalten die Bürgerinnen und Bürger einen Zettel mit sieben leeren Linien. Sie müssen also die Namen derjenigen kennen, die sie in die Regierung wählen wollen. Erfahrungsgemäss haben die Bisherigen einen grossen Vorteil, allein durch ihre Bekanntheit. Diesmal sind es fünf Männer, die wieder antreten: Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger (FDP), Baudirektor Markus Kägi (SVP), Volkswirtschaftsdirektor Ernst Stocker (SVP); Sicherheitsdirektor Mario Fehr (SP) und Justizdirektor Martin Graf (Grüne).

Frauenbonus unwahrscheinlich

Die Frage ist nun: Gelingt es den starken Frauen, einen Bisherigen aus dem Regierungsrat zu verdrängen? Politologe Peter Moser, der Wahlexperte des statistischen Amtes, hält das für unwahrscheinlich. «Die parteipolitische Zusammensetzung der Regierung wird so bleiben, wie sie ist.» Die politische Situation im Kanton verändere sich von Wahl zu Wahl nicht stark, deshalb seien Regierungsratswahlen ziemlich berechenbar, sagt Moser. Obwohl es um Personen gehe, seien sie wie die Parlamentswahlen ebenfalls stark parteiengeprägt. «Linke wählen links, Rechte rechts.» Silvia Steiner hat laut Moser daher die schlechtesten Karten – weil sie mit der 5-Prozent-Partei CVP nur eine sehr kleine Hausmacht mitbringt, und weil auf der linken Seite kein Verdrängungskampf stattfindet, der Martin Graf gefährden könnte.

Der Wahlexperte glaubt nicht, dass ein Frauenbonus wirken könnte, weil das Verhältnis Mann-Frau unter den Kandidierenden relativ ausgeglichen sei. «Anders wäre es, wenn eine einzige Frau acht Männern gegenüberstünde.»

«Es gibt einen Wahlkrimi»

Politgeograf Michael Hermann beurteilt die Ausgangslage für die Wahlen etwas anders. Er hält es für möglich, dass die Frauen einen bisherigen Mann vertreiben, und prophezeit: «Es wird einen richtigen Wahlkrimi geben.» Für Hermann ist klar, welcher bisherige Regierungsrat bei einem Frauenerfolg auf der Strecke bliebe: Martin Graf. Zwei Faktoren könnten sich negativ für ihn auswirken: «Er steht als Grüner an der Peripherie des politischen Spektrums, und er ist als Justizdirektor in der Affäre Carlos unter Druck geraten.» Das ergebe für Graf trotz des Bisherigenbonus «eine gewisse Unsicherheit».

Einen Frauenbonus gibt es laut Hermann nicht – und auch nicht das Umgekehrte. Bis vor wenigen Jahren wurden Frauen schlechter gewählt als Männer, wie Untersuchungen zu Parlamentswahlen zeigten. Inzwischen habe sich das angeglichen, weiss der Politgeograf. Weder die Frauen noch die Männer würden von den Wahlberechtigten bevorteilt. Zu den Chancen der drei Kandidatinnen hat Hermann ebenfalls eine andere Meinung als Kollege Moser. Er findet, dass keine die Wahl auf sicher hat. CVP-Kandidatin Steiner gehöre zwar einer kleinen Partei an. Doch auch Fehr (SP) und Walker Späh (FDP) hätten ein Handicap: «Mit ihrer profilierten Art zu politisieren, bieten sie Angriffsflächen.» Hermann kommt deshalb zu folgendem Schluss: «Zwischen Graf, Fehr, Steiner und Walker Späh wird es spannend.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.10.2014, 22:31 Uhr

Peter Moser

Politologe

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