Nach 20 Dienstjahren wieder in der Probezeit

Rosann Waldvogel ist als Chefbeamtin des Zürcher Sozialamts umstritten. Trotzdem möchte sie weitermachen. Ihr neuer Chef, Stadtrat Martin Waser, will zuerst schauen, ob «es geigt».

Rosann Waldvogel: Sie pflege einen elitären Führungsstil, monieren Kritikerinnen. Man könne in einem solchen Laden nicht nur nett sein, kontert sie.

Beat Marti

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wenn Martin Waser morgen seinen Posten als Vorsteher des Stadtzürcher Sozialdepartements antritt, wird ihm Rosann Waldvogel (48) erklären, wie der Laden läuft. Die Direktorin der Sozialen Dienste kennt den Betrieb seit 20 Jahren. Im Departement spielt sie eine Schlüsselrolle: Was die Öffentlichkeit als «Sozialhilfe» wahrnimmt, entsteht weitgehend in ihrem verzweigten Amt. Unter ihrer Leitung arbeiten 800 der 1800 Angestellten des Sozialdepartements. 435 Millionen des jährlichen Bruttobudgets von 1063 Millionen Franken unterstehen ihrer Kontrolle.

Wasers Aufgabe ist es, das Departement aus der Krise zu führen. Erbitterte Diskussionen um den Sozialhilfemissbrauch und dessen Bewältigung haben viel Vertrauen gekostet und den Rücktritt von Monika Stocker (Grüne) provoziert. Der neue Vorsteher trifft nun auf einen wesentlichen Teil dieser Vergangenheit, die Chefbeamtin Rosann Waldvogel, die die Qualität der geleisteten Arbeit lange durch alle Böden verteidigt und auf die Kritik von Medien und Politikern mit begrenzter Einsicht reagiert hat. Waldvogel und Stocker erschienen der Öffentlichkeit als Hauptverantwortliche für die Probleme.

Ein Leben in drei Abschnitten

Wer aber ist Rosann Waldvogel? Wie erklärt sich ihr steiler Aufstieg? Warum ist sie so umstritten? Und wie geht sie damit um, dass ihr nach 20 Dienstjahren wieder eine Probezeit bevorsteht? Ob Waser und Waldvogel zusammenarbeiten können, wird sich binnen 100 Tagen zeigen. Auf die Frage, ob es für ihn denkbar sei, mit denselben Chefbeamten weiterzufahren, antwortete der neue Departementsvorsteher vor Wochen mit Jein: «Ja, wenns geigt.»

Rosann Waldvogel teilt ihr Leben in drei Abschnitte ein. Im ersten, den sie «nicht so relevant» fand, machte sie eine kaufmännische Ausbildung, doch sagte ihr die Arbeit in einer Import/Export-Firma nicht zu. Also ging sie auf die Hochschule für Soziale Arbeit. Dort wurde ihr in einem Praktikum klar, wie anders und besser die Holländer mit den Problemen Heroinsucht und Aids umgingen. «Sie setzten auf Überlebenshilfe und versuchten, das Leid der Betroffenen und der Bevölkerung zu lindern, während die Zürcher Behörden Härte demonstrierten», sagt sie in einem Sitzungszimmer im 14. Stock des Verwaltungszentrums Werd, wo man sich am Dienstag zu einem Gespräch trifft. Sie habe die Möglichkeit gesehen, «etwas zu bewegen», und sich beim Sozialdepartement gemeldet, obwohl keine Stelle ausgeschrieben war.

Damit begann ihr zweiter Lebensabschnitt. Er dauerte von 1988 bis ins Jahr 2000. Anfänglich baute sie Kontakt- und Anlaufstellen für Drogensüchtige auf. Es war die Zeit, als der Platzspitz unter dem Namen «Needlepark» weltweit berüchtigt war. Auch später, am Letten, arbeitete sie an der Front. Sie sah, wie Dealer ungehorsamen Fixern die Kleider vom Leib rissen und sie in aller Öffentlichkeit durchpeitschten. Einer ihrer Mitarbeiter bezeichnete den Letten als «Vorhof zur Hölle, und wir sitzen mittendrin». Eine Journalistin, die während Jahren in der Drogenszene recherchierte, erinnert sich an Waldvogel als «kompetente, engagierte und zugängliche Fachperson».

Ab 1997 spielte Waldvogel sodann eine wichtige Rolle als Leiterin der Heroinabgabeprojekte. Als Chefin der Ambulanten Drogenhilfe hatte sie 160 Mitarbeitende unter sich. Sie erzählt von ihrer Mitgliedschaft in der Eidgenössischen Kommission für Drogenfragen und wie gern man sie als Referentin engagiert habe - bis nach München, Köln und Stuttgart.

Von Monika Stocker angefragt

1998 wurde sie von Monika Stocker in die Projektgruppe zur Neuorganisation des Sozialdepartements berufen. Da habe sie «Feuer gefangen» und die Chance «eines völligen Neuanfangs gesehen». Sie sei fasziniert gewesen von der Möglichkeit, «die Gesamtsteuerung der Prozesse zu übernehmen». Nachdem sie das zweite von insgesamt fünf geplanten Sozialzentren selber geleitet hatte, bewarb sie sich für die Stelle als Direktorin der Sozialen Dienste.

Sie tat es mit Erfolg. Der Stadtrat wählte sie mit der Begründung, sie habe mit ihrer «anpackenden und unideologischen Art» grossen Anteil an der «Erfolgsgeschichte im politischen Umgang mit dem Drogenthema in der Stadt Zürich». Ausserdem habe sie die Neuausrichtung des Departements «wesentlich mitgeprägt» und die Umsetzung «effizient und mit Elan vollzogen». Den Job traute sie sich zu: «Ich hatte sowohl die Power als auch den nötigen Leistungsausweis.»

Steiler Aufstieg zur Managerin

In diesem dritten Lebensabschnitt wurde aus Rosann Waldvogel, die stets eng mit der Basis verbunden war, eine Managerin mit strategischen Aufgaben. Und so tönt sie auch. Nach ihrer Führungsphilosophie befragt, erklärt sie, sie wolle «in umfangreichen Diskussionen gut reflektierte, tragfähige Grundlagen für meine Entscheidungen erarbeiten - unter Abwägung der Risiken und Chancen». Werte wie Transparenz, Verlässlichkeit und Offenheit halte sie hoch.

Das ist ein grosser Kontrast zum Bild, das Kritikerinnen von ihr zeichnen. Zwar wird sie auch von ihnen als intelligent, ruhig, analytisch, belastbar und zielstrebig gelobt. Allerdings habe sie ein ziemlich elitäres Führungsverständnis. Sie umgebe sich mit willfährigen Leuten, sei selbstherrlich, arrogant und grenze missliebige Mitarbeitende aus. Von einem Einbezug könne bis auf den erwähnten kleinen Zirkel keine Rede sein. Einmal fällt gar der Ausdruck «DDR-Panzergeneral». Alles in allem habe ihr Führungsstil zu einem Betriebsklima geführt, in dem man nicht über Mängel habe diskutieren können.

Auf die Diskrepanz zwischen Eigen- und Fremdeinschätzung angesprochen, reagiert die Direktorin ruhig. Das beschäftige sie schon. Einen so grossen Laden müsse man jedoch straff führen und könne nicht nur nett sein. Die Vorstellung, sie könne als Direktorin alle 800 Mitarbeitenden mit einbeziehen, sei doch «reichlich naiv». Sie habe auch schon den Satz gehört, «von dir als Frau hätten wir etwas anderes erwartet».

Mehr Qualität angemahnt

Für Rosann Waldvogel beginnt morgen der vierte Lebensabschnitt. Sie hat gut vorgesorgt. Soeben ist eine Personalkommission gegründet worden. Dieses Instrument, von dem sie sich einen «institutionalisierten Kontakt zwischen Geschäftsleitung und Mitarbeitenden» erhofft, wolle sie ernst nehmen, verspricht die Direktorin. In einem Brief hat sie der Belegschaft mitgeteilt, es sei nun «Zeit, nach vorne zu blicken». Mit Verweis auf die 49 zusätzlich bewilligten Stellen mahnte sie mehr Qualität bei der Fallbearbeitung an und erhob den Drohfinger: «Diese Verpflichtung werde ich auch einfordern.»

Sie sagt, sie sei «sehr motiviert, neue Herausforderungen anzunehmen». In ihrem Amt geniesse sie nach wie vor genügend Rückhalt. Einst kritisch zum Beizug von Sozialinspektoren eingestellt, bezeichnete sie diese nun als «hervorragende Ergänzung». Rosann Waldvogel betont ihre Lernfähigkeit. Sie könne «mit sich verändernden politischen Rahmenbedingungen umgehen». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.08.2008, 23:29 Uhr

TA Marktplatz

Blogs

Von Kopf bis Fuss Mit Selbstliebe an die Spitze

Blog Mag Achtung, Schnittwunden

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Feuer frei für Feuerwerk: Wenn die Griechen auf Hydra die Seeschlacht gegen die Türken vom 29. August 1824 nachspielen, versinkt die türkische Flotte mit viel Schall und Rauch im Meer (24. Juni 2017).
(Bild: Alkis Konstantinidis) Mehr...