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Nach Wohnungssuche in der Stadt macht Landluft frei

In Zürich werden seit Jahren neue Wohnungen für Familien gebaut. Dennoch müssen jährlich 1000 aufs Land oder in die Agglomeration ziehen. So etwa die Familie Kuhnt/Walker.

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Für Christine Kuhnt und Edi Walker war die Stadt ein Abenteuer und das Leben leicht. Von ihrer Wohnung an der Hohlstrasse im Kreis 4 waren die Wege kurz zum kulturellen und kulinarischen Angebot Zürichs. Sie wohnten in einer städtischen Altbauwohnung mit sechs Zimmern und zahlten 2400 Franken Miete. Als Doppelverdiener konnten sich die beiden Werber das problemlos leisten.

Dann wurde Christine Kuhnt vor zwei Jahren schwanger. Mit der nahenden Verbürgerlichung änderten sich die Bedürfnisse: mehr Grün und weniger Lärm, mehr Sicherheit und weniger Abenteuer. Das junge Paar wollte weiterhin in der Stadt leben, allerdings in einer Wohnung mit Balkon oder kleinem Garten und nicht mit dem Milieu in der unmittelbaren Nachbarschaft.

Für Familien zu eng, zu teuer, zu laut

Statistisch gesehen, waren die Chancen gut, eine familienfreundliche Wohnung zu finden. Ein Viertel der 200'000 Wohnungen in Zürich haben vier oder fünf Zimmer. Eine 4-Zimmer-Wohnung kostet im Durchschnitt 1600 Franken, eine mit fünf Zimmern 2330. Das sind Mietzinse, die der Mittelstand bezahlen kann.

Christine Kuhnt und Edi Walker haben aber nie eine solche Wohnung gesehen. Wenn einmal eine ausgeschrieben war, verzichteten sie meistens schon vorgängig darauf, sich mit 100 andern in die Warteschlange einzureihen. Ansonsten sprengten die Angebote im Internet in der Regel ihren Rahmen, obwohl die Ansprüche nicht hoch waren: 100 m2 Wohnfläche, ein bisschen Grün, maximal 2500 Franken Monatszins. Nach einem Jahr Suche gaben sie auf und zogen nach Pfaffhausen, ein paar hundert Meter jenseits der Stadtgrenze und doch schon im Grünen. Für die 110 m2 bezahlen sie 2400 Franken Miete.

Kuhnts und Walkers Erfahrung haben auch andere Familien aus ihrem Bekannten- und Freundeskreis gemacht: Zürich ist eine tolle Stadt für Singles und kinderlose Paare. Sobald sie Familien gründen, wird es allerdings zu eng, zu teuer, zu laut. Seit Jahren verliert die Stadt deshalb Familien. Laut der jüngsten Erhebung zogen 2007 rund 1000 Familien in die Agglomeration, darunter zunehmend solche aus dem Mittelstand.

Singles bleiben

Gemäss Thomas Glauser vom statistischen Amt wohnen trotzdem mehr Familien in Zürich als noch vor 10 Jahren. Viele Singles und Paare bleiben nach der Familiengründung in der Stadt, sofern sie eine Wohnung finden. Seit Mitte der 90er-Jahre seien rund 10'000 neue Wohnungen gebaut worden, die meisten mit vier und mehr Zimmern. Dadurch konnte der Wegzug von Familien abgeschwächt werden: 1997 verliessen noch 1500 Familien die Stadt. Verändert hat sich gleichzeitig die soziale Zusammensetzung einzelner Stadtkreise. Im Zentrum wohnt der neue urbane Mittelstand aus kinderlosen Bankern, Werbern und Grafikern, umschlungen von einem Familiengürtel: Nur ein Drittel der Bevölkerung der Kreise 1 und 4 sind Familien, wogegen in Leimbach, Wollishofen und in den Kreisen 11 und 12 vorwiegend Familien leben (bis zu 70 Prozent der Bevölkerung).

Kuhnt und Walker wollten nicht in Neu-Affoltern wohnen, wo in letzter Zeit viele Familienwohnungen entstanden sind. Sie zogen die Nähe zum Greifensee der Anonymität einer Grosssiedlung vor. Obwohl sie im Bekanntenkreis und über Facebook nach einer Wohnung suchten, hatten sie kein Glück, eine 4-Zimmer-Wohnung für 1600 Franken im Kreis 3 oder 6 zu finden. Solche Wohnungen, die dank dem grossen Anteil des gemeinnützigen Wohnungsbaus in Zürich zahlreich sind, gehen unter der Hand weg. Wegen der grossen Nachfrage scheint sich diese Methode auch in der Agglomeration zu verbreiten: Die Wohnung in Pfaffhausen fand die junge Familie über einen Bekannten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.08.2009, 20:46 Uhr

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3 Kommentare

Pascal Meister

31.08.2009, 23:20 Uhr
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Die Nachfrage nach "Wohnen in Zürich" ist nunmal riesig, und viele heutige Bewohner zahlen dafür einen lachhaften Preis, indem sie seit Jahrzehnten in einer (oft viel zu gross gewordenen) Wohnung bleiben, diese unter der Hand noch weitergeben können. Eigentlich müsste man für alle Wohnungen Marktpreise verlangen und dann mit dem Geld gezielt Familien fördern. Heute profitieren die falschen Mieter. Antworten


Sandro Schaub

31.08.2009, 10:32 Uhr
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Immer wieder werden die gleichen Klischees aufgewärmt: Mit den Kindern komme quasi automatisch die Verbürgerlichung, das Bedürfnis nach Ruhe und die Wohnung "im Grünen". Dabei geht allerdings vergessen, dass es durchaus Leute mit Kindern gibt, die keine besonders etablierte Existenz führen, die gerne weiterhin Mitten in der Stadt wohnen und auch mitnichten auf ein urbanes Leben verzichten wollen. Antworten


Suzanne Martin

31.08.2009, 09:46 Uhr
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Die in diesem Artikel beschriebene Familie ist meines Erachtens ziemlich priviligiert und auch anspruchsvoll. Man hat (zuerst zu Zweit sechs Zimmer?!) eine günstige und grosse Stadtwohnung. Manche Grossfamilie wäre froh um eine solche Wohnung. Die neuen Wohnungen in Neu-Affoltern genügen nicht. Man kann sich weiterhin 2500.- Miete leisten. Das ist ihr gutes Recht, aber absolut nicht repräsentativ. Antworten



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