Nacht im Angstraum

Die Klopstockwiese sei nächtens ein «Angstraum», sagen Politiker und Anwohner. In den Bäumen herrsche sonderbares Treiben. Wir wagten uns trotzdem hin.

Hier suchen sich liebeshungrige Männer ein paar romantische Minuten: Die Klopstockwiese zwischen Wiedikon und Enge. (Foto: Sophie Stieger)

Hier suchen sich liebeshungrige Männer ein paar romantische Minuten: Die Klopstockwiese zwischen Wiedikon und Enge. (Foto: Sophie Stieger)

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Die Bewohner vom Sihlberg berichteten von wunderlichen Dingen, die auf der Klopstockwiese nach Einbruch der Dämmerung geschehen sollen. Und so kam es, dass jüngst zwei ihrer Vertreter im Rathaus vorstellig wurden. Man möge sich dieses «Angstraums» annehmen, baten die Sozialdemokraten Petek Altinay und Christine Seidler die neun Stadtoberen, damit geplagte Bürger nachts die Wiese nicht mehr meiden müssten. Wohlan, sagte die Vorsteherin fürs Wiesenwohl, man werde das Ansinnen sorgsam prüfen. Nun hoffen die Bewohner vom Sihlberg auf mehr Lichtinstallationen entlang ihrer Wege, auf dass sie sich künftig nicht mehr fürchten müssen.

So weit die Politik.
Zu den Fakten: Auf der Klopstockwiese treffen sich in Sommernächten Homosexuelle und haben Sex im Schutz eines Baumes. Anfang Juli gab der «Blick» der sündigen Blätterkuppel den – träfen – Namen «Bums-Baum» und liess eine Zeugin zu Wort kommen: «Da herrscht die ganze Nacht Betrieb, und am Morgen liegen überall gebrauchte Kondome und Taschentücher.» Es sei nicht angenehm, so die Frau, seinen Gästen erklären zu müssen, weshalb der Baum vor dem Haus Geräusche ­mache.

19 Uhr: Es geht los

Das Problem ist nicht neu. Vor fünf Jahren schrieb das Sozialdepartement in einer Sozialraumanalyse: «Die Klop-stockwiese wirkt bei näherem Hinsehen nicht sehr gepflegt. Insbesondere trifft man auf nicht sehr appetitliche Beispiele von Littering.» Im «Gay-Cruising-Guide» auf Google Maps steht verheissungsvoll: «Aktivste Outdoorszene Zürichs».

Höchste Zeit also für einen Ausflug auf den Sihlberg. Ins Gepäck gehören bei so einem Vorhaben: Notizblock, als Buch zur Tarnung ein Tucholsky («Wir lagen auf der Wiese und baumelten mit der Seele»), eine Maglite-Taschenlampe aus Aluminium, 675 Gramm, zwecks Orientierung und Verteidigung (Klopfstock). Das Ziel liegt auf der Giesshübel-Moräne zwischen Wiedikon und der Enge. Bei einem Abzweiger von der Sihlpromenade beginnt der Aufstieg. Er ist steil und idyllisch, ein urbaner Trampelpfad. Während die Sonne hinter dem Uetliberg verschwindet, beginnen im Kopf die Gedanken zu kreisen: Werden wir wunderliche Dinge erleben, und wenn, werden uns diese Dinge einschüchtern? Nie suchte man vorher bewusst einen Angstraum auf. Wobei das nicht ganz stimmt. Man erinnert sich an die Rumpelkammer bei den Grosseltern. Hinter einem alten Vorhang türmten sich Kisten mit Puppenköpfen und Ex­tremitäten aus Plastik. Eine alte Dampfmaschine und schwerer Rotwein aus dem Wallis. Magisch angezogen haben uns aber der rostige Karabiner und die dunklen Kriegerstatuen aus Afrika. Oder das Loch im Garten: Unter einem Zementdeckel lauerte das Nichts, das stank. Nach verfaultem Gras und modernden Eierschalen. Trat man zu nahe, fuchtelte der Grossvater mit seinen ­dicken Gartenhandschuhen. Das waren Angsträume. Wir liebten sie schaurig.

20.30 Uhr: Ankunft beim Baum

Bei unserer Ankunft ist die Klopstockwiese in goldenes Licht getaucht. Kein Lüftchen weht. Das Schlösschen im Hintergrund hat mehr von Walt Disney als Bram Stoker, mit Vampiren ist wohl nicht zu rechnen. Die einzigen Blutsauger sind Mücken, die unsere Hälse und Waden umschwirren. Tucholsky verscheucht die lästigen Viecher. Nach ein paar Schritten stehen wir vor dem Baum. Eine Mirabelle, über 50 Jahre alt. Diesem Prachtstück wollen die «Blick»-Leser also den Garaus machen. «Fällt den Bums-Baum!», haben sie kommentiert. Und: «Baumsäge, marsch, das Problem ist gelöst.» In Sorge um die Gelbe Zwetschge ­rufen wir Grün Stadt Zürich an:
«Fällen Sie den Problembaum?»
«Wir fällen nur kranke Bäume.»
«Welcher Abfall mischt sich mit dem Fallobst?»
«Nastücher, Kondome, was man halt so braucht.»
Also stimmt es. Die Mirabelle ist ein Bio-Darkroom. Etymologisch ist das interessant: Die Zwetschge ist eine Unterart der Pflaume, und Pflaume ist gemäss Duden eine vulgäre Bezeichnung für die weibliche Scham. Die Schwulen verlustieren sich in einer gigantischen Vulva. Für die Anwohner bleibt es ein Ärgernis. Einer, dessen Balkon beste Aussicht auf die Mirabelle gewährt, erzählt: «Jede Nacht kommen sie, schleichen um die Büsche – es ist unheimlich. Doch die Polizei unternimmt nichts!»

21.30 Uhr: Alles normal

Anruf bei der Stadtpolizei: «Weshalb unternehmen Sie nichts?»
«In den letzten beiden Wochen gibts einen Eintrag. Jemand sagte, dass sich zwei im Vorgarten vergnügten. Als die Beamten aufkreuzten, konnten sie aber kein derartiges Treiben feststellen.»
«Sind trotzdem Massnahmen geplant, mehr Patrouillen zum Beispiel?»
«Nein, das ist für uns kein Thema.»
Auf einem Schild steht, was auf der Wiese verboten ist: «Fussballspielen, Radfahren, Hunde frei laufen lassen.»
Die Dämmerung setzt ein. Auf einer Parkbank sitzen drei Jugendliche, sie rauchen und spielen Karten. Ob sie denn keine Angst hätten, sich zur Schummerstunde hier einzufinden? Nein, sagen sie, es sei im Gegenteil «voll easy». Wohl hätten sie schon Situationen erlebt, in denen sie von einer Schar älterer Männer angeglotzt worden seien. Aber auch das: «Voll easy.» Weiter unten, im Gras beim Waffenplatz, sind Schreie zu hören. Eine Gruppe spielt mit Stock, Bällen und ­Lederhandschuhen – Baseballtraining. Daneben Werbeplakate, die auffallen: «Gewagt natürlich – Schweizer Rahm», «Zürichs Spiesser», «Livin la vida loca».

22.30 Uhr: Angst

Jetzt ist es dunkel, wir steigen nochmals hinauf zum Baum, in der Linken fest umklammert die Maglite. Dann sehen wir sie. Zwei Männer, weisse Hosen, schwarze Sonnenbrillen, die über die Wiese schlurfen, stehen bleiben, sich umsehen und scheinbar planlos weitergehen. Aus der Ferne erinnert ihr Gang an Zombies, Untote, Vampire. Was sie hier machen, geht uns nichts an, denken wir, und machen uns aus dem Staub. Später an diesem Abend wird jemand, der genug hat, den Hörer in die Hand nehmen und die Polizei anrufen.

Die Nacht hat dem Trampelpfad alles Idyllische geraubt. Die schwarzen Umrisse des Schlosses haben nun etwas ­Bedrohliches. Wir beschleunigen unsere Schritte. Nervös hastet der Lichtkegel der Taschenlampe über Wurzeln, die sich wie Schlangen quer über den Weg legen, um uns zu Fall zu bringen. Käme uns auf diesem schmalen, von gebrauchten Taschentüchern gesäumten Abstieg jemand entgegen, gerieten wir in Panik. Eingekesselt und verloren im Dickicht – jetzt ist er spürbar, der Angstraum.

23 Uhr: Lösung

Die Klopstockwiese verdankt ihren ­Namen dem deutschen Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock. Irgendwann im 18. Jahrhundert hat der geschrieben: «Gott schickt oft den Leidenden Erhörung spät herab, doch er schickt sie.»

Die Lösung wäre so einfach, denken wir, wieder zu Hause, eine tote Mücke vom Tucholsky wegpustend. Und sie würde bestens zu Zürich passen: Verrichtungsbäume! Irgendwo in Altstetten liesse sich bestimmt noch eine freie Brache finden, wo man so eine artifizielle Mirabelle hinpflanzen könnte. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.07.2013, 08:00 Uhr

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