Neue Flanierzone in der Zürcher City: Jetzt beginnt der Streit

Die Stadt Zürich will die Sihlstrasse beim Hiltl und Jelmoli autofrei machen. Dafür soll der Verkehr der Uraniastrasse richtungsgetrennt geführt werden.

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Die Zürcher Innenstadt soll für die Fussgängerinnen und Fussgänger und die Geschäfte aufgewertet werden. Die Stadt schätzt die Gesamtkosten auf rund 13 Millionen Franken: Sechs Millionen für die Uraniastrasse, die Richtung Sihlporte zweispurig bleibt, aber in Richtung Limmat mit einer neuen Gegenspur geführt wird. Und sieben Millionen für die Neugestaltung der Sihlstrasse, die abgesehen vom Liefer- und Taxiverkehr sowie einer neuen Velospur verkehrsfrei werden soll.

Von der Neugestaltung erhofft sich die Stadt weniger Emissionen, mehr Passantinnen und Passanten, Ruhe für Gäste und mehr Platz für die Boulevardgastronomie, wie das städtische Tiefbauamt heute Donnerstag mitgeteilt hat. Da es sich bei der Uraniastrasse um eine kantonale Strasse handelt, ist der Regierungsrat für die Genehmigung zuständig.

Projekt liegt jetzt auf

Bis dahin ist der Weg allerdings noch lang. Von heute bis am 21. Dezember liegt das Projekt beim Tiefbauamt am Beatenplatz auf. Jeder Bürger oder jede Organisation kann eine sogenannte Einwendung und Vorschläge zur Projektänderung machen. Tiefbauamt-Sprecher Stefan Hackh freut sich auf die konstruktiven Inputs, wie er auf Anfrage sagt. Die Einwendungen werden vom Tiefbauamt gutgeheissen oder begründet abgelehnt.

Gleichzeitig wird das kantonale Amt für Verkehr zu einer sogenannten Begehrensäusserung eingeladen. Diese ist noch nicht die definitive Stellungnahme des Kantons, gilt jedoch als wichtiger Vorentscheid. Amtschef Markus Traber will das Projekt «kritisch anschauen» und «insbesondere die Auswirkungen auf die Verkehrsflüsse und die Kapazität» beurteilen, wie er gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet sagt.

Projekt ist in den Richtplänen schon enthalten

Fakt ist, dass die Neuorganisation der Uraniastrasse im (vom Regierungsrat genehmigten) kommunalen Richtplan und im (vom Regierungsrat festgesetzten) regionalen Richtplan enthalten ist. Auch wurde das Projekt im Antrag fürs Agglomerationsprogramm aufgenommen, das der Kanton nach Bern geschickt hat. Darin sind Bauten, für die der Kanton sich Gelder vom Bund erhofft.

Nach den oben erwähnten Vernehmlassungen folgt die ordentliche Planauflage. Einsprachen sind dann nur noch von Betroffenen möglich. Sie können ans Verwaltungsgericht und ans Bundesgericht weitergezogen werden.

Widerstand von SVP und FDP

Darauf legt der Stadtrat das Strassenprojekt dem Gemeinderat vor. Stimmt dieser zu, ist ein Referendum möglich. Sagt das Volk Ja, ist aber noch das Veto des Regierungsrats möglich, da die Uraniastrasse kantonal ist. Im Stadtparlament hat das Projekt gute Chancen. Ein Referendum gilt aber als so gut wie sicher, da SVP und FDP Widerstand angekündigt haben.

Ob das Amt für Verkehr von Regierungsrat Ernst Stocker (SVP) und darauf der Regierungsrat das Projekt gutheissen, gilt hingegen als unsicher. Denn die Vorgeschichte verlief ungünstig. Die Zürcher Tiefbauvorsteherin Ruth Genner (Grüne) hatte in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger» ausgeplaudert, dass Stocker dem Projekt positiv gegenüberstehe. Worauf der Volkswirtschaftsdirektor in einem Communiqué widersprach und sich über die «unvollständige» und «teilweise verzerrte» Darstellung eines «vertraulichen Gesprächs» beschwerte.

Gleiche Kapazität, neue Stauräume

Dem Kanton ist stets wichtig, dass die Kapazitäten seiner Hauptverkehrsachsen nicht verringert werden. Deshalb hat die Stadt vorgesorgt. Sie hat Verkehrsstudien und Simulationen durchgeführt. Dafür wurde gemäss Tiefbauamt-Sprecher Hackh der verkehrsreichste Tag des letzten Jahres genommen. Das Ergebnis: Die Verkehrsmenge kann von der Uraniastrasse geschluckt werden. Auch einspurig vermag die Achse die 900 Fahrzeuge pro Stunde Richtung Limmat zu bewältigen. Die Sihlstrasse ist heute zweispurig. Auf der Gegenseite wird wie heute von 1300 Autos ausgegangen.

Allerdings wird mit neuen Stauräumen gerechnet – gerade wenn die Verkehrsmenge Richtung Limmat von 900 auf 1100 Fahrzeuge in der Stunde steigt, was gemäss Stadt nur in seltenen Ausnahmesituationen der Fall ist. Betroffen sind die Brandschenke-, Tal- und Stockerstrasse. Vielleicht auch die Bederstrasse, der Stauffacherquai, das Mythenquai, die Schulhaus- und Bürglistrasse sowie gar die ferne Brunaustrasse (siehe Karten in der Bildstrecke). An diesen Strassen sind Massnahmen geplant, falls es zu übermässigem Schleichverkehr kommt.

Beschlossen ist bereits eine andere Verkehrsführung an der Ecke Stocker-/Brandschenkestrasse: Von der Enge her kommend kann man auf der Brandschenkestrasse nur noch links oder rechts abbiegen, statt geradeaus (Richtung Kaufleuten) zu fahren. Mit dieser Massnahme soll der Bus 66 weniger lang im Stau stecken bleiben.

Fussgängerzone frühestens ab 2018

Im Falle einer allseitigen Zustimmung beginnen die Bauarbeiten 2016 und dauern zwei Jahre. Aller Voraussicht nach wird es aufgrund der Unsicherheiten und des Widerstandes aber später.

Im kommunalen Verkehrsplan ist vorgesehen, die Sihlstrasse zwischen St.-Anna-Gasse und Bahnhofstrasse sowie die Bahnhofstrasse bei der Einmündung des Rennwegs weitgehend vom Autoverkehr zu befreien. Hier sollen zwei neue Plätze entstehen. Ebenfalls neu eingetragen werden muss die neue Verkehrsführung der Uraniastrasse.

Um die St.-Anna-Gasse zwischen Pelikan- und Sihlstrasse, die Sihlstrasse zwischen St.-Anna-Gasse und Bahnhofstrasse sowie den Platz mit dem Herkulesbrunnen zum Fussgängerbereich zu machen, würden in diesen Strassenabschnitten Fahrverbotszonen für Motorfahrzeuge signalisiert. Zugelassen wären weiterhin Fahrten für den Güterumschlag, Taxis, Cars und Vorfahrten für Hotellogiergäste.

Bahnhofstrasse nur noch einmal unterbrochen

Mit der neuen Verkehrsführung entsteht gemäss Mitteilung eine durchgehende Fussgängerachse zwischen dem Paradeplatz und dem Hauptbahnhof, die nur durch die Querung der Uraniastrasse unterbrochen wird. Keinen Einfluss hat die Umgestaltung auf den Tramverkehr.

Die Stadt ist überzeugt, dass das Projekt umsetzbar ist. Nebst städtebaulichen Aspekten und verkehrstechnischen Abklärungen untersuchte sie auch die wirtschaftlichen Folgen einer Verkehrsberuhigung an der Sihlstrasse und dem Platz vor dem Haus zur Trülle.

Das Vorhaben ist ein Projekt von Stadtverkehr 2025 zur Förderung des Fuss-, Velo- und öffentlichen Verkehrs. Der Projektzwischenstand wurde Mitte Jahr den betroffenen Geschäften mitgeteilt.

Betroffene reagieren mehrheitlich positiv

Gewerbetreibende an der Sihlstrasse, insbesondere aus dem Gastgewerbe und Detailhandel, äusserten sich positiv zu den geplanten Veränderungen. Die Geschäftsinhabenden an der Bahnhofstrasse rechnen hingegen nicht mit grossen Veränderungen, da die Bahnhofstrasse ohnehin schon als Fussverkehrszone wahrgenommen werde.

Einzelne Gewerbetreibende befürchten eine erschwerte Zufahrt für Anlieferungen, Beeinträchtigungen während der Bauzeit und Stau bei der Zufahrt zum Parkhaus Jelmoli, die über die St.-Anna-Gasse erfolgt (siehe Grafiken in der Bildstrecke).

Hiltl ist begeistert – mit einem Vorbehalt

Rolf Hiltl, Geschäftsführer des gleichnamigen vegetarischen Restaurants an der Sihlstrasse, zeigt sich denn auch sehr erfreut über das Projekt. «Endlich kommt es», sagt er auf Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Mit Stammgast Ruedi Aeschbacher, damals EVP-Stadtrat und als «Schwellenruedi» bekannt, habe er schon vor 20 Jahren über die Beruhigung der Sihlstrasse gesprochen, berichtet er.

Eine kleine Einschränkung hat Hiltl. Die St.-Anna-Gasse, welche zu einer Zufahrt zum Jelmoli-Parkhaus umfunktioniert wird, soll nach heutigen Stand zweispurig geführt werden, bevor sie kurz vor dem Parking verengt wird. Das findet er unnötig. «Eine Spur als Parkhauszufahrt reicht», findet der Gastronom. Er wird eine entsprechende Einwendung machen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 22.11.2012, 13:38 Uhr)

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