Neuer Anlauf für Zentralmoschee in Zürich

Im August nimmt sich eine Kommission der Realisierung eines islamischen Kulturzentrums in Zürich an. Problematisch ist vor allem die Finanzierung.

Hinterhof-Mentalität: Zum Beten – und Geschichtenerzählen – dienen oft behelfsmässige Moscheen. Foto: Mark Henley (Panos Pictures)

Hinterhof-Mentalität: Zum Beten – und Geschichtenerzählen – dienen oft behelfsmässige Moscheen. Foto: Mark Henley (Panos Pictures)

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Essen und Duisburg haben eine, London und Birmingham ebenfalls, Wien und Paris sowieso. In Zürich aber fehlt eine Zentralmoschee. «In eine schöne Stadt wie Zürich gehört eine schöne Moschee», sagt Mahmoud El Guindi, Präsident der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (Vioz). Am 31. Mai hat er vor Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) im Stadthaus angekündigt, dass die hiesigen Muslime das Projekt eines islamischen Kulturzentrums konkret angehen werden.

«Das Projekt soll nach den Sommerferien neuen Schub bekommen. Dann werden wir eine Moschee-Kommission gründen», bestätigt der gebürtige Ägypter gegenüber dem TA. Der türkischstämmige Naci Eren, Vorstandsmitglied bei Vioz und in der Immobilienbranche tätig, wird dann die neue Kommission leiten.

Heraus aus den Hinterhöfen

Heute beten die 30'000 Muslime der Stadt in vielen eher behelfsmässigen Moscheen nach Glaubensrichtung und Ethnien getrennt – Türken, Albaner, Bosnier, Araber je für sich. Es seien zumeist Hinterhofmoscheen, von denen man kaum wisse, wer dort was predige, sagt El Guindi. Jedenfalls gebe es in Zürich keine der Stadt würdige Moschee. Muslimische Touristen beklagten sich, in die Ahmadiyya-Moschee an der Forchstrasse geschickt zu werden, die von den meisten muslimischen Glaubensgemeinschaften nicht anerkannt werde. Darum brauche es eine überethnische Moschee mit repräsentativem Charakter für Gebet, Begegnung und Konferenzen, also ein richtiges Kulturzentrum. «Darin sehen wir unseren Beitrag zur Verbesserung und Normalisierung des Klimas.»

Die Idee einer Zentralmoschee oder eines islamischen Kulturzentrums Zürich beschäftigt die muslimischen Funktionäre bereits seit 20 Jahren. Die Stadt Zürich hat vor Jahren schon Grundstücke für eine Moscheeüberbauung vorgeschlagen, eines beim Letzigrund. Doch die Realisierung scheiterte bisher an den fehlenden Finanzen.

Mehrfach hat sich El Guindi im Rahmen der interreligiösen Dialogplattform mit dem damaligen Zürcher Regierungsrat Martin Graf getroffen. Dieser hat die Vioz beraten, wie man die Projektorganisation aufgleisen müsste. Daraus ist ein sechsseitiger Entwurf für einen Projektauftrag mit den verschiedenen Etappen entstanden: Gründung der Trägerschaft, Landsicherung, Machbarkeitsstudie, Finanzierungssicherung, Erwerb der Liegenschaft, Projektwettbewerb, Eingabe des Baugesuchs, Baubewilligung, Bauvollendung frühestens 2022.

Ein demokratischer Verein – mit allen

Für Martin Graf ist ein islamisches Kulturzentrum unabhängig von Glaubensrichtung und Ethnie ein Unterfangen, das einen langen Atem erfordert und eine wohl zehnjährige Laufzeit. Zuerst müsse sich zeigen, ob es gelinge, die verschiedenen muslimischen Gemeinschaften hinter das Projekt zu scharen.

Dann müsse ein demokratisch abgestützter Verein mit allen Playern gegründet werden. Graf fände es richtig, wenn die Öffentlichkeit – ob Gemeinde, Stadt oder Kanton – für die zukünftige Moschee Land im Baurecht abgeben würde. «In einem Baurechtsvertrag kann man Auflagen machen und Gegenleistungen fordern.» Alles in allem sei das Projekt eine echte Herausforderung, zumal der Islam gegenwärtig einen schwierigen Stand habe. Höchst problematisch sei die heutige öffentliche Zurückhaltung, womit islamische Glaubensgemeinschaften in Hinterhöfe und damit in die Intransparenz «verbannt» würden.

«Je transparenter auch die Finanzen, um so besser.» Sehr heikel fände es Graf, das Projekt mit Mitteln ausländischer Staaten wie Saudiarabien oder Iran zu finanzieren. «Es braucht zwingend eine lokale Trägerschaft und Finanzierung. Auch bei uns gibt es Muslime, die Geld haben», ist er überzeugt.

El Guindi seinerseits setzt vor allem auf die hiesigen Gläubigen. «Doch Spenden allein werden nicht genügen.» Problematisch sei es, mit fremden Regierungen zusammenzuarbeiten, schliesslich wolle man nicht vom Ausland abhängig sein. Allerdings möchte er probate private Spender aus dem Ausland nicht ausschliessen. Wobei er das finanzielle Risiko verteilen und von verschiedenen Seiten Geld einholen möchte, etwa von Stiftungen in der Türkei, in Saudiarabien und den Emiraten. Diyanet, die staatliche türkische Religionsbehörde, habe ihre Bereitschaft bereits angekündigt, das Projekt finanziell zu unterstützen.

Schweigen – und Befürchtungen

Damit die Betriebskosten nachhaltig sind und die Moschee selbsttragend sein könnte, kann sich El Guindi auch eine Mantelnutzung des Kulturzentrums via Hotel oder Wohnungen vorstellen. Was er klar verwirft, ist die Idee, die neue Moschee in einer früheren Kirche unterzubringen. Auch Grossmünster-Pfarrer Christoph Sigrist spricht sich gegen die Umnutzung einer Kirche in eine Moschee aus. Obwohl anderswo durchaus praktiziert, sei das in Zürich aus symbolischen Gründen nicht opportun. In dem von ihm präsidierten Zürcher Forum der Religionen sei das Projekt einer Zentralmoschee wiederholt und mehrheitlich zustimmend diskutiert worden. Für Sigrist ist es eine Sache des Respekts, dass die Muslime in der Stadt einen würdigen Sakralraum bekommen und «nicht länger hinter den sieben Geleisen in Garagen und Fabriken beten müssen».

Die Stadt lege Wert darauf, dass Zürcherinnen und Zürcher ihren Glauben sichtbar leben könnten, betont Stadtpräsidentin Corinne Mauch. Dazu gehöre eine angemessene bauliche Repräsentation mit Gotteshäusern. Die Idee eines islamischen Kulturzentrums sei ein regelmässiges Thema bei den Gesprächen zwischen der Stadt und der Vioz. Die Stadt Zürich habe das Projekt für die griechisch-orthodoxe Kirche an der Rousseaustrasse mit einem Baurecht unterstützt. «Analog werden wir prüfen, wie eine allfällige städtische Unterstützung aussehen könnte, wenn eine andere Religionsgemeinschaft wie zum Beispiel die Vioz ein entsprechendes Projekt ausarbeitet.»

Dass das Projekt nicht überall auf Gegenliebe stösst, ist absehbar. Der Präsident der Stadtzürcher SVP, Mauro Tuena, lässt Anfragen des Tagesanzeiger.ch/Newsnet unbeantwortet und rät Parteikollegen, zum Thema noch nichts zu sagen. Hingegen warnt Pfarrer Hansjürg Stückelberger von der Stiftung Zukunft CH, dass mit einer Zentralmoschee der Einfluss des Islams auf unsere Kultur wachsen würde. Europas Identität sei auch heute nicht denkbar ohne das christliche Menschenbild, aus dem der Rechtsstaat entstanden sei. «Darum befürchte ich durch den wachsenden Einfluss des Islams eine Gefährdung unseres inneren Friedens.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.07.2016, 21:35 Uhr

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