Zürich

Neuer Vorschlag: Strassenstrich beim Schlachthof und im Langstrassen-Milieu

Von Stefan Häne. Aktualisiert am 10.06.2010

Die Stadt Zürich will neue Zonen für den Strassenstrich bestimmen, um das Sihlquai zu entlasten.

Neue Lösungen gesucht: Der Strichplan in der Innenstadt.

Neue Lösungen gesucht: Der Strichplan in der Innenstadt.

Sex auf dem Spielplatz, Kondome in Innenhöfen, Kot vor Hauseingängen: Auswüchse der Strassenprostitution, speziell beim Sihlquai. Die Politik muss jetzt die heikle Frage beantworten: Wo in der Stadt Zürich liegt der ideale Ort für einen Strassenstrich? Der Stadtrat will im Rahmen des Projekts «Rotlicht» mit einer neuen Verordnung zum Prostitutionsgesetz den – insgesamt 10,7 Kilometer langen – Strassenstrich neu definieren. Ziel ist es, die Quartierbevölkerung vor den Auswüchsen der Strassenprostitution ebenso zu schützen wie die Dirnen vor Freiern, Menschenhändlern und Zuhältern. Wann der Zürcher Stadtrat über die Verordnung entscheiden wird, steht noch nicht fest. Sicher ist: Das Geschäft kommt hinterher ins Parlament. Das letzte Wort hat allenfalls das Stadtzürcher Stimmvolk.

Mehr Mitsprache gefordert

Heute schon zeigt sich: Die Neufestlegung des Strassenstrichs bereitet den Politikern Kopfzerbrechen. Min Li Marti etwa, Fraktionschefin der SP, räumt ein, keine Patentlösung zu haben. Wie der neue Strichzonenplan aussehen soll, ist noch nicht klar. Die vom Stadtrat eingesetzte Arbeitsgruppe tagt hinter verschlossenen Türen. Roger Tognella, neuer Fraktionschef der Stadtzürcher FDP, stört sich daran. Er verlangt vom zuständigen Polizeivorsteher Daniel Leupi (Grüne) mehr Führung: Die Stadt solle von Beginn weg alle betroffenen Quartier- und Gewerbevertreter in einen transparenten Prozess miteinbeziehen. «Nur so lässt sich eine tragfähige Lösung finden.»

Leupi war gestern für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Rolf Vieli, Leiter des Projekts «Rotlicht», kündigt aber an, dass die Stadt ein Forum für alle Betroffenen inklusive Quartierbevölkerung schaffen wird. In einer ersten Phase jedoch beschränkt sich der Zirkel der Eingeweihten auf die erwähnte Arbeitsgruppe; diese besteht aus Fachleuten der städtischen Verwaltung, kantonalen Stellen und Organisationen wie Isla Victoria, einer Beratungs- und Anlaufstelle für Prostituierte. Die nächste Sitzung findet noch vor den Sommerferien statt. Laut Vieli ist es bereits zu ersten Gesprächen mit Bordellbesitzern gekommen.

Konkrete Vorschläge zu einer Neuzonierung lässt sich keiner der angefragten Politiker entlocken – zu brisant scheint das Geschäft. Anders der Zürcher Milieu-Anwalt Valentin Landmann. Er hat zwei Vorschläge:

Schlachthof: Beim Standort an der Baslerstrasse (siehe Karte) liesse sich ein Strassenstrich kombiniert mit Absteigen für die Prostituierten im Schlachthof einrichten. Laut Landmann wäre es sinnvoll, den Schlachthof mit Lokalen und anderen Dienstleistungsangeboten aufzuwerten. So entstünde eine soziale Kontrolle – anders als beim Sihlquai heute. «Eine einsame Strichzone ist für die Frauen gefährlich», warnt Landmann. Das Problem: Der Schlachthof wird noch genutzt. Das Areal gehört der Stadt. Der Vertrag unter anderem mit der Schlachtbetrieb Zürich AG läuft noch sicher bis Ende 2020. Was danach geschieht, ist offen. In der SF-Sendung «Schweiz aktuell» vom Dienstag hat Landmann gesagt, die Stadt erwäge diese Option. Vieli möchte dies allerdings nicht bestätigten.

Langstrasse/Hohlstrasse: In einer eng begrenzten Zone sollen die Frauen anschaffen dürfen, ebenfalls mit Absteigen in unmittelbarer Nähe. Dies würde laut Landmann zu einer «wünschenswerten» Konzentration des Strassenstrichs führen. Vorteilhaft wäre auch, dass sich diese Lösung in absehbarer Frist umsetzen liesse, wie Landmann sagt. Die Stadt müsste die baurechtlichen Voraussetzungen schaffen, damit Absteigen im Wohnquartier realisiert werden könnten. Landmann würde es als «grossen Schritt» taxieren, falls sich die Politik zu dieser Lösung durchringen könnte. Heute schon werben Prostituierte an der Langstrasse um Freier; dies ist jedoch verboten, da die Langstrasse nicht Teil des offiziellen Strichzonenplans ist. Wird eine Prostituierte dort mehr als einmal beim Anschaffen erwischt, droht ihr eine Busse von bis zu 500 Franken.

Mehr Bordelle bewilligen

Dass der neue Strichzonenplan zu erregten Debatten führen wird, zeigen die Reaktionen auf die skizzierten Vorschläge. Renata Taiana, Präsidentin des betroffenen Quartiervereins Aussersihl-Hard, wünscht «grundsätzlich» keinen Strassenstrich. An der Langstrasse wäre er zudem «nicht ideal», weil er in ein Wohnquartier zu liegen käme.

Skeptisch äussert sich auch SVP-Fraktionschef Mauro Tuena, Vizepräsident der gemeinderätlichen Polizeikommission, die den Vorschlag des Stadtrats behandeln wird. Gegen einen Strassenstrich an der Langstrasse würde sich Tuena wehren. «Es wäre unsinnig, zuerst die Fensterprostitution zu verbieten und dann einen Strassenstrich zu schaffen», sagt Tuena, der den Kreis?4 im Gemeinderat vertritt. Mit einer goldenen Lösung kann auch er nicht aufwarten. Ein Verbot der Strassenprostitution hält Tuena für nicht durchsetzbar. Das sagt auch SP-Fraktionschefin Marti: «Die Szene würde sich einfach in die Illegalität verlagern.»

Ideal wäre laut Tuena, wenn sich die Prostitution in legalen Bordellen in Industriezonen mit weniger als 20 Prozent Wohnanteil abspielen würde. Einen Teil des Problems ortet Tuena bei der Stadt: Für den Betrieb eines Bordells sei fast keine Bewilligung zu erhalten. «Bei einem Verbot der Strassenprostitution müsste die Stadt hier Hand bieten.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.06.2010, 22:40 Uhr

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