Zürich

«Nun ist alles aufgeräumter»

Interview: Tina Fassbind. Aktualisiert am 24.11.2011 3 Kommentare

Acht Jahre lang betreute Rainer Klostermann als Strassenraumgestalter das Tram Zürich-West. Obwohl die ersten Wagen erst in zwei Wochen rollen, weiss er schon jetzt, wie es dort in fünf Jahren aussehen wird.

Probefahrt für die Medien: Die erste fahrplanmässige Fahrt des Trams Zürich West findet am 11. Dezember 2011 statt.

«Die Gestaltung des Aussenraums war allgemein eine Herausforderung»: Rainer Klostermann, Leiter Strassenraumgestaltung Tram Zürich West.

Rainer Klostermann

Rainer Klostermann ist diplomierter Architekt ETH Zürich. Seit 28 Jahren ist er als Architekt, Städtebauer und Raumplaner tätig. Er ist Mitinhaber des Ateliers Feddersen & Klostermann, das unter anderem die Gestaltung der Glattalbahn betreute. Er war zudem Experte in der Beratungsgruppe der Gestaltung AlpTransit Gotthard. Klostermann wurde 1958 geboren, ist verheiratet und Vater eines Sohnes.

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Virtuell im Tram unterwegs: Hier sieht man, wo die Bäume blühen werden.

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Herr Klostermann, das Tram Zürich-West wird am 11. Dezember 2011 den Betrieb aufnehmen. Sind Sie zufrieden mit Ihrem Projekt?
Ja, das bin ich. Es war eine sehr lange Planungszeit. Mindestens acht Jahre lang haben wir an diesem Projekt gearbeitet, dann ist man schon zufrieden, wenn das Werk fertig umgesetzt ist.

Worauf sind Sie besonders stolz?
Wir konnten das Beste aus der komplexen Situation, die sich an dieser Stelle bietet, herausholen. Es war eine grosse Herausforderung, die verschiedenen Ansprüche an dieses Projekt von Stadt, Kanton und Bund zu erfüllen und sowohl Strassen- als auch Tramlinienbau sowie die angrenzenden Stadträume kohärent zu verbinden.

Im Moment führt die Tramlinie aber noch ins Niemandsland.
Das stimmt. Im Moment gibt es entlang der Linie noch kaum Fussgänger. Sie werden mit dem neuen Tram erst kommen. Deshalb müssen auch die notwendigen Fussgängerräume entlang der Linie geschaffen werden. Wir haben mit dem Tram Zürich-West und der Autobahnzufahrt einen roten Faden mit zwei Hochleistungsverkehrsmitteln für dieses städtebauliche Entwicklungsgebiet geschaffen. Und das in einer Zeit, als Bauprojekte auf angrenzenden Arealen grösstenteils noch in der Planungsphase waren. Von den neueren Nutzungen waren nur der Technopark und die Migros bereits zu Beginn der Planungsarbeiten gebaut.

Wie wird es entlang der neuen Tramlinie in fünf Jahren aussehen?
Ich erwarte, dass die Bebauungen grosse Veränderungen bringen werden. Vor allem der neue Campus der Zürcher Hochschule der Künste auf dem Toni-Areal wird ein eigentliches Glanzlicht sein. Die Schüler werden das Quartier beleben und den neuen Raum nutzen. Auch entlang der Hardturmstrasse ist einiges im Gange. Das Quartier wird so vom Limmatufer bis zur Pfingstweidstrasse neu belebt werden. Das ist wichtig, denn die Pfingstweidstrasse war immer ein Kernstück des Projekts.

Warum?
Auf dieser Strecke verkehren täglich über 40’000 Fahrzeuge. Die Pfingstweidstrasse hat für innerstädtische Verhältnisse enorme Frequenzen. Sie soll aber nicht nur Einfahrtsachse für die Stadt Zürich sein, sondern auch Lebensraum. Dort für Fussgänger Aufenthaltsqualität zu schaffen, war eine echte Herausforderung. Natürlich ist sie auch jetzt kein Erholungsraum. Aber wir haben sie mit Bäumen und Haltestellen so gestaltet, dass man sich darauf bewegen will.

Trotzdem wird bereits der Vorwurf laut, es gäbe in Zürich-West zu wenig Grünflächen.
Der Schein trügt. Auf dem Mittelstreifen bei der Bernerstrasse haben wir bereits 80 neue Bäume gepflanzt. Auch bis zur Hardbrücke hin ist eine Bepflanzung mit 50 bis 60 Bäumen geplant. Die Pfingstweid- und die Aargauerstrasse sind ebenfalls auf der ganzen Länge mit Bäumen bestückt, genauso wie der Fahrbahnmittelstreifen zwischen Hardbrücke und Duttweilerbrücke. Diese Bäume müssen allerdings erst noch eingepflanzt werden und dann wird es etwas dauern, bis sie ihre volle Pracht entfaltet haben. Kommt hinzu, dass das Tramtrassee ebenfalls begrünt werden wird. Das alles braucht aber seine Zeit.

Das klingt mehr nach einem neuen Wald als nach einer neuen Tramlinie.
Wir haben tatsächlich jeden Raum genutzt, um eine Bepflanzung vorzunehmen und konnten so aus einer Strasse einen Lebensraum für alle schaffen. Allerdings konnten wir nicht alle Gebiete bepflanzen. Der Boden ist stark mit unzähligen Leitungen und Rohren belegt. Dass wir dort trotzdem so viele Bäume pflanzen können, war eine gewaltige Leistung der Ingenieure. Dafür wurden sogar Werkleitungen an neuen Stellen verlegt.

…was sicherlich höhere Kosten verursacht hat.
Nein, die Gesamtausgaben blieben deutlich unter dem Kostenvoranschlag.

Gab es besonders hohe Hürden, die für die Umsetzung des Projekts genommen werden mussten?
Die Gestaltung des Aussenraums war allgemein eine Herausforderung – nicht nur punkto Bepflanzung. Wir haben überall versucht, etwas Ruhe in das Erscheinungsbild zu bringen. So wurden beispielsweise alle Haltestellen gleich gestaltet. Alle Masten und die Möblierung sind in einem dunklen, zurückhaltenden Farbton bemalt. Auch die Kanten zum Ein- und Aussteigen in die Trams sind bei allen Haltestellen über die gesamte Länge von 43 Metern gleich hoch, damit man bei allen Zugängen ebenerdig in die Fahrzeuge einsteigen kann. Die Beleuchtung, Verkehrstafeln und Lichtsignale wurden auf der gesamten Strecke auf ein Minimum reduziert und Werbeflächen wurden rigoros abgebaut. Dadurch wirkt nun alles aufgeräumter. Das ist eine visuelle Beruhigung im Strassenraum.

Sind Sie in den vergangenen acht Jahren der Projektierung auch mal an ihre Grenzen gestossen?
Nein, so schlimm wurde es nie. Wir hatten ein ausgesprochen gutes Team von Ingenieuren und auch die Zusammenarbeit mit der Projektleitung war sehr konstruktiv. Sie hat unsere Gestaltungsvorschläge immer gut aufgenommen. Das war eine gute Grundlage für die Umsetzung eines einheitlichen Gestaltungskonzeptes. Einzig am Bauplatz des Stadions bleibt das Projekt wegen der anlaufenden Neuplanung unvollendet.

Wie wichtig ist der Bau des Stadions für die Entwicklung des Gebietes?
Das ist nicht relevant. Der Bauplatz wird sicher irgendwann für ein Projekt genutzt und es wäre sicher ein Highlight, wenn man dort ein Stadion bauen würde. Aber es könnte auch etwas anderes auf dem Areal entstehen. Ein Einkaufszentrum wäre aber zu viel gewesen für das Gebiet.

Wären auch ein Strichplatz, wie er für die Brache an der Aargauerstrasse projektiert ist, zu viel für das Gebiet?
Das ist schwer zu sagen. Sicher ist, dass das Verkehrsaufkommen auf der Strasse deswegen nicht wesentlich grösser werden würde.

Wo werden Sie sein, wenn am 11. Dezember das erste Tram über die neue Strecke rollt?
Dann werde ich selbstverständlich im Tram mitfahren. Das war bei der Eröffnung der Glattalbahn nicht anders, bei der ich auch im Projektteam war. Die erste fahrplanmässige Fahrt ist Tradition für einen Beteiligten, der mit Herz und Blut dabei war. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.11.2011, 12:21 Uhr

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3 Kommentare

Anastasia-Margarita Tse-Iosseliani

24.11.2011, 13:06 Uhr
Melden 7 Empfehlung

Klingt nach einer super Planung. Hoffentllich funktioniert sie auch. Antworten


Cluadio Morandi

24.11.2011, 15:11 Uhr
Melden 5 Empfehlung

ich freue mich auf diesem neuen Stadtstück. Das no mans land in Züri West, wo man früher nur so schnell wie möglich durchfahrte, ändert sich langsam aber sicher in ein attraktiver Stadtteil. Antworten



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