«Nur ein Kind hat Deutsch als Muttersprache»

Mario Bernet unterrichtet im Schulhaus Sihlfeld und steht vor Primarklassen mit vorwiegend Fremdsprachigen. Im Interview erklärt er, wie Schweizer Schüler trotzdem in die Sek A oder ins Gymi kommen.

Will keine Schulverlierer schaffen: Mario Bernet, Lehrer am Schulhaus Sihlfeld.

Will keine Schulverlierer schaffen: Mario Bernet, Lehrer am Schulhaus Sihlfeld. Bild: Jvo Cukas

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Wie hoch ist der Anteil an fremdsprachigen Schülern im Schulhaus Sihlfeld?
Der liegt bei etwa 80 Prozent. In meiner aktuellen Klasse ist der Anteil sogar höher. Nur ein Kind hat Deutsch als Muttersprache.

Wenn der Anteil an Fremdsprachigen derart gross ist: Welchen Herausforderungen und Schwierigkeiten muss man sich als Lehrer stellen?
In unserem Beruf braucht es viel Geduld und Beharrlichkeit. Mehrsprachige Kinder brauchen oft etwas länger, bis ihnen der Knopf aufgeht. Man muss es schaffen, die Kinder zu fördern, aber nicht zu überfordern, damit ihnen die Schule nicht verleidet. Da muss man immer dranbleiben. Auch bei den Hausaufgaben habe ich gemerkt, dass es besser ist, nicht zu viel aufzugeben und sie schon vorzubesprechen, damit sie die Schüler auch selbst machen können. Viele haben wenig Unterstützung zu Hause. Wenn man hier zu viel verlangt, müssen die Schüler Ausreden suchen, warum sie etwas nicht haben erledigen können. So schafft man Schulverlierer. Bei uns geben wir eher wenig Hausaufgaben, dafür mit klaren Vorgaben. Zudem müssen die Eltern mit einer Unterschrift bestätigen, dass sie die Hausaufgaben angeschaut haben.

Das klingt, als ob Sie kaum auf Leistung setzen.
Nein, das stimmt nicht. Kinder lernen am meisten, wenn sie gerne lernen. Wenn man zu viel verlangt und sie nicht nachkommen, verlieren sie die Freude daran. Und die Schüler kommen äusserst gerne zu uns. Wir haben einige, die kommen nach den Ferien in die Klasse und meinen: «Zum Glück sind die Ferien vorbei.» Ich bin nicht sicher, ob das an allen Schulen so ist.

Leiden deutschsprachige Kinder nicht darunter, wenn das Tempo den fremdsprachigen angepasst wird?
Das Tempo wird nicht angepasst. Wir fördern die Kinder möglichst individuell. Wer mehr leisten kann, tut dies auch. Es ist aber aufwändiger und anspruchsvoller einer Klasse mit vielen Fremdsprachigen, korrektes Deutsch zu vermitteln. Wir Lehrpersonen sind dann die einzigen Sprechvorbilder für die deutsche Sprache. Untereinander sprechen die Kinder beispielsweise oft mit Fallfehlern. Als Lehrperson muss ich dennoch dafür sorgen, dass sie ihre Deutschkenntnisse weiterentwickeln. Das ist anspruchsvoll.

Was unternehmen Sie dagegen?
Wir haben viele unterschiedliche Förderprogramme. Für Deutsch- wie für Fremdsprachige, für Lernschwache wie für Begabte. Ein Beispiel ist unsere Leseförderung. Da haben wir einen speziellen Raum eingerichtet, in dem die Kinder Geschichten lesen oder sie bei Hörstationen anhören können. Beides fördert die Sprachkompetenz ungemein. Zudem arbeiten wir mit jeder 3. und 5. Klasse an einem Theater mit professionellen Schauspielern als Kursleiter. Auch hier geht es primär um Sprachförderung. Die Kinder lernen sich mit Texten auseinanderzusetzen und diese vor Publikum vorzutragen. Diese und weitere Projekte können wir dank Quims (siehe Kasten) finanzieren – und sie zeigen Wirkung.

Gibt es Schwierigkeiten im Umgang mit den Eltern der fremdsprachigen Kinder?
Einerseits ist es ihnen oft nicht möglich, ihre Kinder so zu unterstützen, wie sie es gerne wollen. Wir haben viele Eltern, bei denen der Vater auf dem Bau, die Mutter als Reinigungskraft arbeitet. Oft kommen sie aus ländlichen Gebieten, haben selber nur eine minimale Schulbildung. Die Kinder bei Hausaufgaben zu unterstützen oder deren Fernseh- und Internetkonsum zu kontrollieren, ist ihnen kaum möglich. Trotzdem ist ihnen die schulische Karriere ihrer Kinder sehr wichtig. Oft wollen sie sie ans Gymnasium schicken, auch wenn ihre Kinder dazu die Leistungen nicht erbringen. Da müssen wir viel Überzeugungsarbeit leisten und aufzeigen, dass es in der Schweiz auch anders möglich ist, eine gute berufliche Laufbahn einzuschlagen. Natürlich gibt es auch sprachliche Barrieren. Dafür haben wir aber Dolmetscher.

Eine Studie der Erziehungsdirektion und der Universität Zürich ergab Erstaunliches: So wurde festgestellt, dass Fremdsprachige aus sozial benachteiligten Familien durchschnittlich bis zu einer halben Note schlechter benotet werden, als es ihre objektiven Leistungen erforderten. Woran liegt das?
Die Studie hat aber auch ergeben, dass dies bei Schulen mit hohem Fremdsprachigenanteil kaum passiert. Dies gilt mehr in Klassen mit wenigen Ausländern. Ich kann mir vorstellen, dass dort mehrsprachige Kinder unterschätzt werden, weil sie überfordert sind und disziplinarisch auffallen.

Gibt es an Ihrer Schule mehr Gewalt?
Wir hatten in den letzten Jahren keinen einzigen gravierenden Vorfall. Wenn es Konflikte gibt, gehen wir dem aber auch nach, versuchen herauszufinden, woran es liegt. Da wir aber unser Augenmerk sehr darauf legen, dass es keine Schulverlierer gibt, sind diese Probleme bei uns eher gering. Ich denke, gewalttätig werden vor allem Kinder, die sich als Verlierer fühlen.

Gibt es Schweizer Eltern, die ihre Kinder in einer anderen Schule platzieren wollen, weil sie Angst haben, ihre Kinder kämen bei Ihnen zu kurz?
Es gibt immer wieder besorgte Eltern. Wir können sie aber meist beruhigen, weil unsere deutschsprachigen Schüler fast ausnahmslos in die Sek A kommen.

Haben die Deutschsprachigen automatisch bessere Noten, weil ihre fremdsprachigen Mitschüler viel schwächer sind?
Nein, viele von ihnen werden aber von ihren Eltern mehr gefördert und unterstützt. Was bei bildungsfernen, ausländischen Familien fehlt, wird bei einigen Schweizer Eltern etwas übertrieben. Da beginnt man ja oft schon während der Schwangerschaft mit Frühförderung, indem man dem Kind im Bauch klassische Musik vorspielt.

Die SVP fordert eine Trennung in deutschsprachige und fremdsprachige Klassen. Würde dies nicht helfen?
Nein, mit all unseren Angeboten können wir dafür sorgen, dass es auch begabten Schülern nicht langweilig wird. Ich glaube nicht, dass der Vorschlag der SVP Chancen hat. Die Leute sehen, dass die Rahmenbedingungen verbessert wurden, dass es Fortschritte gibt. Getrennte Klassen – das ist pädagogische Steinzeit. Das hat unser Land nicht nötig.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 01.07.2011, 14:07 Uhr)

Quims

Qualität in multikulturellen Schulen (Quims) ist ein Förderprogramm im Kanton Zürich, welches Schulen mit einem Fremdsprachigenanteil von 40 Prozent und mehr unterstützt. So werden beispielsweise zusätzliche finanzielle Mittel für Sprachförderung gesprochen. Rund 90 Schulen im Kanton machen beim Programm mit.

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