Ökosünder wider Willen

Obwohl es in der Stadt Zürich eine Grünabfuhr gibt, können viele ihre Küchenreste nur in den Müll werfen. Schuld sind die grossen Liegenschaftenverwalter.

Sache der Vermieter: Eine grüne Tonne gibt es nur mit einem Abo. Foto: Nicola Pitaro

Sache der Vermieter: Eine grüne Tonne gibt es nur mit einem Abo. Foto: Nicola Pitaro

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Man nehme ein fettes Poulet, nage das Fleisch ab, werfe die Knochen in den Abfalleimer und gönne sich nach drei Tagen einen tiefen Zug durch die Nase. Voilà: Schon hat man das Argument, weshalb im Prinzip jeder Stadtzürcher seine Küchenabfälle mit der Grünabfuhr entsorgen müsste, selbst wenn er für Ökologie wenig übrig hat. Es zieht übrigens ebenso für Vegetarier: Zwiebeln oder Kartoffeln verrotten genauso ekelhaft, bis der Abfallsack endlich voll ist und nach draussen kommt.

Auch finanziell spricht wenig dagegen, den Küchenabfall vom Rest zu trennen: Die Bioabfall-Entsorgung kostet in der Stadt Zürich zwar Geld, 180 Franken pro Jahr für einen 140-Liter-Container. Dafür füllt man die Züri-Säcke weniger schnell, und die sind auch nicht gratis. 2 Franken kostet das 35-Liter-Standardmodell pro Stück.

So viel zum Prinzip. In der Praxis wirft die Mehrheit der Stadtbewohner ihre Speisereste nach wie vor in den Müll. Seit Zürich vor gut vier Jahren die kombinierte Grünabfuhr einführte, die neben Gartenabfällen nun auch Küchenabfälle mitnimmt, ist die Zahl der Entsorgungsabos zwar gestiegen. Allerdings nur von 12'000 auf 16'000, und die Zunahme flachte zuletzt ab. Bei 35'000 Wohnhäusern in der Stadt Zürich könnten es doppelt so viele Abos sein. Viele jener Mieter, die nicht mitmachen, tun dies wider Willen. Das liegt an der Konstruktion des Zürcher Systems: Es ist nicht auf die Bedürfnisse der grossen Liegenschaftenverwaltungen zugeschnitten – und ohne die geht gar nichts.

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Denn wer als Mieter ein Bioabfallabo will, braucht eine Bewilligung vom Verwalter, sonst schickt Entsorgung und Recycling den Antrag zurück. Das wusste der Stadtrat, bevor er das neue System einführte: «Der Erfolg hängt nicht vom Willen zum Mitmachen der Mieterinnen und Mieter ab, sondern in erster Linie von der Teilnahmebereitschaft der Immobilienverwaltungen.» Die Verwalter waren laut einer Umfrage damals schon grossmehrheitlich skeptisch, und sie sind es geblieben.

Laut Filialleiter Andrei Roth von Wincasa, die in Zürich fast 190 Häuser verwaltet, verfügt nur ein «sehr kleiner Teil» davon über ein Bioabfallabo. Wer das als Mieter ändern möchte, muss damit rechnen, abzublitzen, wie ein Beispiel zeigt. Wincasa leitet solche Anfragen an die Eigentümer weiter. Bei einer Zusage müssten die Verwalter ein Abo fürs ganze Haus lösen und den Preis über die Nebenkostenabrechnungen auf die einzelnen Mieter verteilen. Laut der Verwaltungsfirma Livit ist das ein unerwünschter Zusatzaufwand.

Wäre Bio-Sackgebühr besser?

Ein besseres System wäre laut Livit-Marketingleiterin Marietta Hersche, wenn die Stadt den Bioabfall wie anderswo gratis entsorgen würde. Finanzieren lasse sich dieser Service mit dem Gewinn aus dem Verkauf des Biogases, das beim Vergären des Materials entsteht.

In Zürich geht diese Rechnung aber offenbar nicht auf, wie eine Antwort des Stadtrats auf eine parlamentarische Anfrage zeigt. Demnach fliessen die Erträge aus dem Vergärwerk Werdhölzli heute schon in die Gesamtrechnung ein und reduzieren so die Abopreise. Sie decken aber nur ein Drittel der Kosten, die beim Sammeln und Vergären des Abfalls entstehen. Das könnte sich allerdings ändern: Ein Pilotversuch im Vergärwerk hat gezeigt, dass sich die Gasproduktion um 60 Prozent steigern lässt. Eine andere Alternative, die den grossen Liegenschaftenverwaltern entgegenkäme, wäre das Bio-Pendant zum Züri-Sack: Wer seinen Küchenabfall getrennt entsorgen will, zahlt die Gebühr beim Kauf biologisch abbaubarer Bioabfallsäcke, die er dann in den grünen Container wirft. So müssten sich die Verwalter nicht mit Abos rumschlagen.

Seperate Sammlung «nicht sinnvoll»

Laut Leta Filli von Entsorgung und Recycling war eine solche Lösung bei der Entwicklung der Zürcher Bioabfall-Abfuhr nie ein Thema. Dagegen spreche, dass die Grünabfuhrcontainer nicht nur für Küchen-, sondern auch für Gartenabfälle gedacht sind, die sich kaum in Säcke stopfen lassen. Dass man die beiden Abfallsorten mischt, war seinerzeit ein bewusster Entscheid. Eine separate Sammlung von Küchenabfällen hätte laut einer Studie zu mehr Fahrten geführt und wäre teurer geworden. Fazit des Stadtrats: «ökologisch und ökonomisch nicht sinnvoll».

Filli hat nur einen Rat für Mieter, deren Liegenschaftenverwaltungen sich gegen ein Bioabfallabo sträuben: sich mit anderen Interessierten im Haus zusammenschliessen und auf eigene Kosten ein Abo bestellen. Da sich die Container per Schloss abschliessen lassen, kann sie nur benutzen, wer auch bezahlt. Ohne das Okay der Verwaltung geht aber auch diese Lösung nicht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.05.2017, 09:08 Uhr

Sie holen nur ab, was die Stadt nicht mitnimmt

Weshalb sammeln die privaten Entsorgungsdienste eigentlich keinen Kompost?

Recycling im Haushalt heisst: trennen und zurückbringen. Glasflaschen und Konservendosen zur Glassammelstelle, Putzmittel- und PET-Flaschen zum Grossverteiler, Elektroschrott ins Fachgeschäft. Und da dies (zumindest im Vergleich zum normalen Hauskehricht) mühsam ist, bieten in diesem Bereich private Firmen ihren Service an.

Je nach Abo holen sie einmal pro Monat oder einmal pro Woche diese «Wertstoffe» zu Hause ab. Das ist doppelt bequem: Man darf den Abfall nämlich unsortiert in den farbigen Müllsack werfen – trennen tun dann andere. Neben Glas, Blech und Plastik wird allerhand weiteres entgegengenommen: Nespresso-Kapseln, Korkzapfen, Glühbirnen, Batterien und Druckerpatronen. Aber eben keine kompostierbaren Abfälle.

Mr Green ist der Pionier in der Stadt Zürich, sein Geschäftsmodell haben inzwischen mehrere Anbieter kopiert. Ein Abonnement kostet für Private ab 17.90 Franken pro Monat, für Betriebe ab 22.90 Franken. Das Geschäftsmodell ist die Ergänzung der städtischen An­gebote. «Was das ERZ einsammelt, nehmen wir nicht entgegen», sagt Valentin Fisler von Mr Green. Papier, Karton, Grünabfälle: Sache der Stadt.

Die Idee ist kein Geschäft

Das war vor acht Jahren anderes. Damals startete Mr Green in der Stadt Zürich. Und damals sammelte Entsorgung und Recycling Zürich (ERZ) noch keine Grünabfälle, das tut sie erst seit 2013. Also bot Mr Green auch hierfür Abhilfe. Das Angebot fand allerdings keinen Anklang, lediglich einer von hundert Kunden habe vom Service Gebrauch gemacht, sagt Fisler. Man stellte ihn wieder ein, noch bevor die Grüncontainer des ERZ «auf den Markt kamen». Dass es nun eine städtische Grünabfuhr gibt, findet Fisler wichtig und richtig.

Und dass Privathaushalte ihre Essensreste, den Kaffeesatz, die lampigen Kopfsalate und angegrauten Zucchiniblüten via private Unternehmen wie Mr Green entsorgen könnten, weil der Hausbesitzer keine Grüntonne zur Verfügung stellt? Die Idee taugt laut Valentin Fisler nicht. Weil die Städter eben seit einer Ewigkeit daran gewöhnt seien, alles in den Züri-Sack zu werfen, was nicht gerade Glas, Metall oder Batterien seien. «Das hat viel mit Gewohnheiten zu tun.» Wer vom Land in die Stadt ziehe, könne kaum glauben, dass der kompostierbare Abfall nicht getrennt wird. «Ein solcher Zuzüger war dann wohl dieser eine Kunde, der unser Angebot nutzte.» Heute zählt Mr Green in der Stadt gegen 1500 aktive Kunden – für 15 davon eine Grüntour zu organisieren... nun, das rechne sich keinesfalls.

Bei den anderen Anbietern heisst es ebenfalls, dass man die Stadt beim Abfall nicht konkurrenziere. Zudem sei das Sammeln von kompostierbaren Abfällen nicht so einfach. Weil sie gammeln, müsse der Sammelrhythmus höher sein als einmal im Monat.

Ein vielversprechender Versuch

Die Stadt Zürich brauchte einige Zeit, bis sie sich zur Sammlung von Grüngut durchringen konnte. Obwohl es vor rund 30 Jahren einen Versuch gab – und dieser sehr vielversprechend ausfiel, wie die Zeitschrift «Schweizer Ingenieur und Architekt» 1986 berichtete (im Geburtsjahr von Mr Green-Fisler, übrigens). Von einem «erstaunlichen Erfolg» war die Rede. «Wer ist schon bereit, seine Abfälle gesondert zu sammeln?», fragte der Autor.

Verantwortlich für den Versuch war das damalige Gartenbauamt, das zwei Testgebiete definierte. Im Quartier Sihlfeld im Kreis 3 leerten die Bewohner während eines Jahres ihre organischen Abfälle in bereitgestellte Container, im «peripheren Quartier» am Holbrig in Höngg kompostierten die Bewohner «diese Abfälle» direkt vor Ort.

Die Beteiligung der Bevölkerung war in beiden Versuchsgebieten hoch. Im Sihlfeld lag sie am Ende bei 51 Prozent, im Holbrig sogar bei 66 Prozent. Das Gartenbauamt erkannte den Trend und beschloss mehrere Massnahmen. Die meisten davon betrafen «dezentrale Kompostanlagen». Eine Kompostabfuhr hingegen war keine davon.

(Tages-Anzeiger)

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