Zürich

Oerlikons wichtigstes Industriedenkmal verschwindet

Die ABB wehrt sich gegen die Verschiebung des MFO-Gebäudes. Deshalb muss der Backsteinbau beim Bahnhof Oerlikon abgerissen werden.

Das markante MFO-Gebäude (links) mit dem Restaurant Gleis 9.

Das markante MFO-Gebäude (links) mit dem Restaurant Gleis 9.
Bild: PD

Die Pläne haben sich zerschlagen, das ehemalige Verwaltungsgebäude der Maschinenfabrik Oerlikon (MFO) durch eine Verschiebung zu retten. Damit verschwindet das wohl wichtigste Industriedenkmal des Zürcher Quartiers. Das 1889 erstellte Backsteingebäude beim Bahnhof Oerlikon, in dem unter anderem das Restaurant Gleis 9 eingemietet ist, wird abgebrochen. Dies hat das Zürcher Hochbaudepartement gestern mitgeteilt. Dass das Gebäude dem Ausbau des Bahnhofs Oerlikon weichen muss, ist unbestritten und war bereits in den Sonderbauvorschriften zur Entwicklung von Neu-Oerlikon vorgesehen. Die Stadt versuchte, das Haus dennoch zu erhalten. Eine vor drei Jahren ausgearbeitete Studie zeigte, dass das 5600 Tonnen schwere Gebäude durch eine Verschiebung um 63 Meter gerettet werden könnte. Die Immobiliengesellschaft Swiss Prime Site (SPS) zeigte sich bereit, die 2 Millionen Franken teure Verschiebung vom Boden der ABB auf ein SPS-Areal zu bezahlen und das Haus für 5 Millionen Franken instand zu setzen. Es sah nach einem Happy End aus.

ABB befürchtete Nachteile

Doch dann verlangte plötzlich die ABB als Eigentümerin des Hauses eine Entschädigung von den SBB. Dem Vernehmen nach geht es um 8,5 Millionen Franken. Die SBB weisen die Forderung zurück. Die ABB habe sich in den Sonderbauvorschriften für Zürich-Nord von 1998 verpflichtet, das Gebäude bei einem Ausbau des Bahnhofs entschädigungslos abzubrechen und das Areal altlastenbereinigt zu übergeben, sagt SBB-Sprecher Daniele Pallecchi. «Aus dem Umstand, dass das Gebäude nun versetzt statt abgebrochen werden sollte, lässt sich unserer Ansicht nach kein Entschädigungsanspruch ableiten.»

Die ABB bestreitet, dass der Abbruch entschädigungslos erfolgen müsse. Warum sperrt sich die Firma gegen die Verschiebung? Hätte sie ihre Forderung nicht trotzdem weiter geltend machen können? «Nach der Verschiebung wäre das Gebäude nicht mehr auf unserem Land gestanden, was für unsere Entschädigungsforderung negative Konsequenzen hätte haben können», sagt ABB-Sprecher Lukas Inderfurth. Man habe deshalb den Entscheid der Schätzungskommission abwarten wollen. Dieser steht bis heute aus. Weil die SBB das Areal bereits ab Mai 2012 für den Bahnhofsausbau benötigen, gibt es laut Hochbaudepartement keine andere Möglichkeit mehr, als das Haus abzubrechen.

Enttäuschung im Quartier

Christian Relly, Vizepräsident des Quartiervereins Oerlikon, ist enttäuscht: «Wir bedauern es ausserordentlich, dass das MFO-Gebäude nicht gerettet werden kann.» Der Backsteinbau sei prägend für das Quartier, vor allem auch als Eingangstor zu Neu-Oerlikon.

Von einer Schande spricht Roman Bolt, Inhaber des Restaurants Gleis 9. Nur des Geldes wegen werde eines der wichtigsten Industriedenkmäler der Schweiz geopfert. Zudem gingen durch den Abbruch Arbeitsplätze verloren. «Das Gleis 9 war ein wichtiger Treffpunkt für Neu-Oerlikon.» Er sei enttäuscht, dass der ABB als MFO-Nachfol-gerin nichts daran liege, ihr historisches Erbe zu bewahren. Bolt hofft auf Widerstand aus der Bevölkerung. «Die Verantwortlichen müssen zu spüren bekommen, dass ihr Entscheid falsch ist.»

Auch die Stadt bedauert, dass das MFO-Gebäude verloren ist. «Wir haben uns bis zuletzt für eine Lösung eingesetzt», sagt Urs Spinner, Sprecher des Hochbaudepartements. Eine positive Meldung gebe es dennoch: «Die Verhandlungen mit der ABB über die künftige Nutzung der ABB-Halle 550 in Neu-Oerlikon verlaufen erfreulich.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.07.2010, 22:14 Uhr

WRITE A COMMENT







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

5 Kommentare

Marc Wyss

23.08.2010, 16:32 Uhr
Melden

Ich wohne nun seit einem Jahr in Neu-Oerlikon - träume davon jedoch schon Jahre länger. Lange hab ich mich gefragt warum wohl das Restaurant direkt neben dem Gleis 6 'Gleis 9' heisst, irgendwann kam ich dann durch die Info der 'Durchmesserlinie' dahinter. Das heisst also das 'Gleis 9' hat mit Gleis 7 + 8 gerechnet. Und jetzt muss es weichen? Stellt das Gebäude unter Denkmalschutz! Antworten


Harry Lütolf

01.08.2010, 11:24 Uhr
Melden

Sehr bitter: Ein einziger Akteur macht einen guten Plan zur Rettung dieses Denkmals zunichte! Bei der ABB dürfen ein paar Heimatlose über die Zerstörung unserer Baugeschichte entscheiden. Aus reiner Profitgier! Die ABB scheint mit der Schweiz nicht mehr verwurzelt zu sein. Ihre Verantwortlichen sind meist Arbeitsnomaden mit Top-Gehältern, die sich um Schweizer Kultur nicht zu scheren brauchen... Antworten


Anton Fels

31.07.2010, 14:07 Uhr
Melden

Wir gehen heute, in leidlich wohlhabenden Zeiten, mit unserer Stadt- und "Natur"- Landschaft so "rücksichtsvoll" um wie energiesüchtige, torkelnde Bulldozzer (s zB Ewald&Klaus, 'ausgewechselte Landschaft'). Wie wird's dann erst sein, wenn die wirklich schweren Wirtschaftskrisenjahre ausbrechen werden u der Satz "wir haben kein Geld für sowas" so häufig ausgesprochen werden wird wie "guten Tag"? Antworten


René Mathis

31.07.2010, 11:46 Uhr
Melden

Die ABB ist ein Weltkonzern, die interessiert die Geschichte nicht, nur Geld muss gescheffelt werde. Wie sollen sonst die Kaderboni und goldenen Fallschirme bezahlt werden ? Antworten


Adriano Granello

31.07.2010, 09:47 Uhr
Melden

Um 8,5 Millionen Franken geht es hier also, bei einem Vergleich wohl nicht mal um die Hälfte, also rund 4 Mio. Und dabei ist es nicht mal ausgeschlossen, dass diese Entschädigungszahlungen auch bei einem Abbruch fällig werden. Wenn man die Ausgabefreudigkeit der Stadt in zig anderen Bereichen zum Vergleich heranzieht, muss doch irgendwo noch ein Kässeli für das Indurstriedenkmal vorhanden sein! Antworten



Zürich

Populär auf Facebook Privatsphäre

Lokalverzeichnis

Werbung

Lokale Suche

Marktplatz