«Ohne starken Finanzplatz haben wir auf die Dauer ein massives Problem»
Von Janine Hosp. Aktualisiert am 19.09.2011 28 Kommentare
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Herr Vollenwyder, halten Sie nach dem Milliardenverlust bei der UBS an Ihrer früheren Prognose fest, dass diese bald wieder Steuern in Zürich zahlen wird?
Ich habe damit gerechnet, dass die UBS 2014 wieder in der Lage dazu ist. Allerdings erst in geringem Umfang. Die Frage ist, wie sich ihre Erträge entwickeln. Es kann nun tatsächlich sein, dass sie erst 2015 wieder Steuern bezahlt – immer unter der Voraussetzung, dass sich keine weiteren Kriminal- und anderen Zwischenfälle ereignen. Es dünkt mich, dass es bei der UBS mittlerweile in einem gewissen Rhythmus einschlägt.
Als Aussenstehende hat man den Eindruck, dass die Banken immer wieder dieselben Fehler machen und nicht mehr aus dem Schlamassel herauskommen.
Sie machen nicht unbedingt dieselben Fehler. Was mich verwundert, ist, dass das Sicherungssystem offenbar versagt hat. Sonst könnte nicht jemand zwei Milliarden abziehen.
Was haben Sie gedacht, als Sie von dem Betrugsfall hörten?
Ich dachte: nicht schon wieder! Der grösste Schaden ist nicht, dass die UBS ein Jahr später Steuern zahlt, sondern dass ihre Reputation beschädigt ist. Das Grundvertrauen ist angeknackst, und ohne dieses ist es wahnsinnig schwierig, Geschäfte zu machen. Die Bank hat zwar mühselig begonnen, das Vertrauen wieder aufzubauen, doch manchmal bekomme ich in Diskussionen den Eindruck, dass nicht mehr alle Leute bei der UBS wissen, was am 8. Oktober 2008 geschehen ist: dass an diesem Tag um ein Haar alles den Bach hinunter wäre. Ganz nach dem Motto «Nichts gelernt und alles wieder vergessen».
Der Reputationsschaden ist grösser als der finanzielle Schaden?
Mich hat der Vertrauensschaden am meisten getroffen, denn es geht ja nicht nur um die UBS. Es entsteht der Eindruck, dass die Schweizer Banken allgemein nicht in der Lage sind, ein Geschäft sicher abzuwickeln.
Nun steht das Investmentbanking wieder in der Kritik. Würde man es nicht besser abschaffen?
Natürlich kommen jetzt die Forderungen wieder, dass man die Banken aufteilen oder das Investmentbanking abschaffen soll. Es ist sicher zu gross gewesen, doch ganz ohne geht es in der globalisierten Wirtschaft nicht. Aber welche Argumente können Sie heute für das Investmentbanking anführen, wenn dauernd Fakten geschaffen werden, die das Gegenteil nahelegen?
Plötzlich schreibt die UBS für ein Quartal rot statt schwarz. Wie geht der Stadtrat mit dem immer volatileren Bankgeschäft um, mit dem ständigen Auf und Ab?
Es wäre nett, wenn es wieder einmal ein Auf wäre. Grundsätzlich haben wir einen intakten Finanzplatz, die Grossbanken leiden aber wie die ganze Branche an den Folgen der Finanzkrise. Ein Teil ihrer Steuerausfälle ist durch die Steuern der natürlichen Personen kompensiert worden und zum Teil, man höre und staune, durch die Industrie. Wir haben eine ABB, eine MAN Turbo oder eine Sika. Die Situation ist beherrschbar. Aber: In den Jahren 2013, 2014 und 2015 müssen wir wieder mit Defiziten rechnen. Dank ihres Eigenkapitals kann die Stadt Zürich diese abfedern.
Das Eigenkapital wird immer kleiner.
So klein ist es nicht: Zurzeit haben wir 720 Millionen Franken auf der hohen Kante. Ich sagte einmal, wir müssten Ende 2010 noch ein Eigenkapital von 400 Millionen haben, worauf ich ausgelacht und als Schönfärber bezeichnet wurde. Wir stehen vor grossen Herausforderungen, und es wird uns durchschütteln. Aber ich weigere mich, in das Weltuntergangs-Gejammer einzustimmen. Wir können die Situation bewältigen, sofern sich die Weltwirtschaftslage nicht dramatisch zuspitzt – und ein UBS-Angestellter in London nicht alle zwei Jahre Milliarden abzieht.
Die Regierung will den kantonalen Steuerfuss um 7 Prozentpunkte erhöhen. Und der Stadtrat?
Wir können unseren Steuerfuss mindestes in den nächsten drei Jahren halten, aber nicht senken. Es ist sehr gewagt, wenn der Kanton sagt, die Gemeinden könnten die Steuern dank der neuen Spitalfinanzierung senken. Unsere Berechnungen zeigen etwas anderes. Schon bei der Pflegefinanzierung hat sich der Kanton happig verschätzt.
Sie sagen, die Stadt werde die nächsten Jahre dank ihres Finanzpolsters bewältigen. Müsste der Stadtrat das Klumpenrisiko Banken nicht aktiv angehen?
Wir haben Unternehmen in der Stadt angesiedelt, und wir haben mehr Einwohner gewonnen. Heute zahlen die natürlichen Personen 100 Millionen Franken mehr Steuern als noch vor sechs Jahren. Wir haben viel getan und werden in Zukunft weiter aktiv sein. Wir möchten zum Beispiel mehr Start-ups und Spin-offs ansiedeln. Finanztechnisch schenkt das aber frühestens im Jahr 2025 ein.
Es gibt also keine Alternative zu den Banken?
Man muss sich bewusst sein, dass die Steuern aus dem Finanzdienstleistungssektor für Zürich matchentscheidend sind. Im bisher besten Jahr kam er für 87 Prozent der Steuern der juristischen Personen auf. Einen solchen Anteil bringt man mit Start-ups oder KMU einfach nicht hin. Wir brauchen einen starken Finanzplatz, ob man das wahrhaben will oder nicht. Ohne ihn haben wir auf die Dauer ein massives Problem.
Mittlerweile kommt nur noch rund ein Viertel des Steuerertrages von den Unternehmen. Die Grossbanken zahlen seit 2007 gar keine Steuern mehr, und trotzdem ist der Steuerertrag nicht eingebrochen. Ginge es nicht ohne Banken?
Nein. Dieses Jahr erreichen wir wahrscheinlich eine ausgeglichene Rechnung, und das nächste Jahr wird auch nicht allzu dramatisch sein. Aber in der Industrie sinken die Margen wegen des starken Frankens; bald wird sie einen kleineren Teil der Steuerausfälle der Banken kompensieren können.
1992 erwirtschafteten die Banken jeden achten Franken in der Stadt, heute ist es in guten Jahren jeder vierte. Beunruhigt Sie das?
Ich neige nicht zur Beunruhigung. Wir haben einen 20-jährigen Strukturwandel hinter uns, diese Verschiebung ist die Folge davon.
Kam es früher schon einmal vor, dass beide Grossbanken gleichzeitig keine Steuern zahlten?
Nein, da erlebe ich eine Premiere. Es ist schon vorgekommen, dass eine Grossbank keine oder nur sehr wenig Steuern bezahlte. Aber es haben nie beide gleichzeitig und nie so lange keine Steuern bezahlt. Die Banken verfügen über markante Verlustvorträge.
Vielleicht verhindern auch die Banken selber, dass andere Branchen erstarken – wenn man bei ihnen mehr Geld verdient, ist der Anreiz klein, ein Geschäft aufzubauen.
Das glaube ich nicht. Der Tüftler, der Kreative, der Innovative, sie schlagen schon von Anfang an einen anderen Weg ein. Wir haben eher das Problem, dass Studenten das Geld fehlt, um ihre Ideen zu vertiefen. Da liegt Potenzial drin. Banken sind auch keine Innovationshemmer, sie fördern im Gegenteil mit ihren Krediten die Innovation. Sie können nicht als Selbstzweck existieren – auch wenn sie selber manchmal den Eindruck vermitteln, das sei so. Im Grunde ist die Bank eine Vermittlerin zwischen dem, der eine Idee und kein Geld hat, und dem, der Geld hat und keine Idee. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.09.2011, 19:08 Uhr
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28 Kommentare
Die UBS ist nicht in den Griff zu bekommen. Wird das Investmentbanking nicht massiv verkleinert oder abgetrennt sowohl bei der UBS als auch der CS , wird der Finanzplatz ein Dauerproblem bleiben. Die Misere wurde von den Banken selbst eingebrockt. Mit der Staatsgarantie im Rücken wird sich weder was verändern noch verbessern. Dieses Geplapper von starkem Finanzplatz kann man nicht mehr hören. Antworten
Dann muss die Politik halt endlich dafür sorgen, dass die Banken bei schlechten Leistungen zuerst die Bonuszahlungen einstellt und nicht die Steuerzahlungen. Aber das hat bekanntlich die Partei von Herrn Vollenwyder bisher sehr erfolgreich verhindert. Antworten

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