Partei-Rebellin wider Willen

Bis vor einer Woche war Ursula Uttinger eine wenig bekannte Zürcher FDP-Gemeinderätin. Jetzt ist sie das bekannteste schwarze Schaf der Stadtpartei.

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Ursula Uttinger ist seit sechs Jahren FDP-Gemeinderätin. Sie hat ihre parlamentarische Arbeit fleissig, gewissenhaft und ohne grosses Aufsehen verrichtet. In der Öffentlichkeit wurde sie bisher kaum wahrgenommen. Doch nun ist sie plötzlich das Enfant terrible der FDP, das sich mit den Parteioberen anlegt. Was ist passiert?

Zuerst hat die Findungskommission der FDP den unbekannten Marco Camin als Stadtratskandidaten auserkoren. Er soll den zurücktretenden Martin Vollenwyder ersetzen. Camin hatte es bei den letzten Wahlen nicht einmal in den Gemeinderat geschafft. Von der Findungskommission übergangen wurde die mehrheitlich von den FDP-Frauen vorgeschlagene Carmen Walker Späh, eine FDP-Politikerin mit beträchtlichem Leistungsausweis und nationaler Bekanntheit. Das Übergehen von Walker Späh kann Uttinger nicht nachvollziehen. So werde Leistung nicht belohnt, sagt sie. Öffentlich kritisierte Uttinger die Nomination des männlichen Nobodys.

Uttinger für Frauenquote

Das zweite Ereignis betrifft die Motion, welche die SP am Mittwoch im Gemeinderat eingereicht hat. Die Sozialdemokraten fordern im städtischen Kader eine Frauenquote von 35 Prozent. Uttinger, Präsidentin der FDP-Frauen Stadt Zürich, unterstützt dieses Anliegen, doch ihre Partei verbot ihr, die Motion zu unterschreiben. «Für eine Frauenpräsidentin hätte man auch eine Ausnahme machen können», sagt die FDP-Gemeinderätin. Frauen seien in der Teppichetage krass untervertreten. Die Frauen der FDP Schweiz, die von Walker Späh präsidiert werden, befürworten deshalb eine Quote ebenfalls. «Selbst der Kanton Schaffhausen ist weniger autokratisch als die Stadtzürcher FDP», sagt Uttinger. Dort fordert sogar eine FDP-Frau die Einführung der Geschlechterquote.

Das dritte Ereignis schliesslich steht im Zusammenhang mit der Asylpolitik. Uttingers Partei unterstützte auf Rat von FDP-Gemeinderätin Tamara Lauber die Verschärfung des Asylgesetzes. Uttinger gibt in der FDP Gegensteuer: «Das entspricht nicht meinen liberalen Wertvorstellungen», sagt sie.

Im Altersheim aufgewachsen

So ist die unscheinbare Gemeinderätin über Nacht über die Stadtgrenzen hinaus bekannt geworden. Ganz unerwartet kam das nicht. Uttinger war nie eine pflegeleichte Politikerin, die sich klaglos der Parteiräson unterwirft. Bereits früher musste sie sich in einer Männerwelt durchsetzen, allerdings nicht in Zürich, sondern in St. Gallen. Dort wurde sie 2007 von der Regierung als erste Frau ins Kommando der Kantonspolizei gewählt. Seither weiss sie, was es bedeutet, die einzige Frau in einer Männerdomäne zu sein. «Ich hätte sehr gerne mindestens eine zweite Frau neben mir gehabt. Als einzige Frau kann man eine Kultur nicht verändern.»

Von der Polizei wechselte Uttinger zur Invalidenversicherung in St. Gallen. Sie geriet vom Regen in die Traufe. Schon kurz nach ihrem Stellenantritt wurden gegen den Leiter der Sozialversicherungsanstalt Vorwürfe wegen Vetternwirtschaft erhoben. Uttinger trat zurück, als sie erkannte, dass keine Aussicht auf Besserung bestand. «Ein solches Geschäftsgebaren war für mich nicht tolerierbar.» Seither ist sie Geschäftsführerin von Activita Care Management in Uster, einem KMU-Unternehmen, das sich mit der Reintegration von Kranken oder Verunfallten befasst.

«Ich bin eine Egoistin»

Liberalismus ist für Uttinger mehr als ein Wort. Sie lebt diese Werte nicht nur in der Politik, sondern auch privat. Sie lebt in einer festen Beziehung, will aber keine Familie gründen. «Ich bin eine Egoistin», sagt sie offen. «Am Morgen auf dem See rudern und am Wochenende in den Bergen klettern: Ein Kind würde da zu kurz kommen.» Uttinger weiss, wovon sie spricht. Sie ist in einem Altersheim in Zürich aufgewachsen – «ich hatte über 50 Grossmütter und Grossväter», lacht sie – und musste schon in frühen Jahren zupacken. Das Heim wurde zuerst von ihrer Grossmutter, später von ihrer Mutter geführt. Der Vater arbeitete auf der Post.

Im Altersheim lernte Ursula Uttinger nicht nur früh, was arbeiten heisst, sondern auch, was Toleranz bedeutet. «Bei uns arbeiteten zuerst Italienerinnen, dann Spanierinnen und am Schluss Frauen aus dem Balkan. Das hat mich offen gemacht für andere Kulturen.» Deshalb ist ihr eine humane Asylpolitik wichtig. Ihr Engagement für die Frauenquote ist hingegen nicht politischer Natur, sondern sie findet das volkswirtschaftlich schlicht eine Notwendigkeit. «Derzeit ist es der einzige Weg, einen Schritt weiterzukommen.» Überhaupt leidet sie darunter, dass die Politik immer populistischer wird, sich nur noch nach Wahlen und Meinungsumfragen ausrichtet. «Eigentlich müssten wir doch für die Gesellschaft Vorbilder sein beim Suchen konstruktiver Lösungen.»

Will Uttinger nun ihre Bekanntheit als Sprungbrett für eine Politkarriere nutzen? Sie winkt ab. «Ich will mich nicht anpassen müssen. Am Morgen möchte ich mit gutem Gewissen in den Spiegel schauen können.» Sie will auch nicht Stadträtin werden. «Nie im Leben.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 03.11.2012, 07:48 Uhr)

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Rudert gern auf dem See und hat politisch ihre Schlagzahl in jüngster Zeit erhöht: Ursula Uttinger. (Bild: Dominique Meienberg)

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