Politiker halten Velostreifen in der Strassenmitte für gefährlich
Von Stefan Häne. Aktualisiert am 11.06.2010 29 Kommentare
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Tödlicher Unfall: Velofahrerin von Lastwagen überrollt
Mitten auf dem Stauffacherquai ist gestern Donnerstagmorgen eine 48-jährige Velofahrerin ums Leben gekommen. Die Frau geriet unter einen Lastwagen. Sie verstarb auf der Unfallstelle. Der Stauffacherquai war bei der Einmündung Werdstrasse bis kurz vor 11 Uhr gesperrt. Der 28-jährige Lastwagenchauffeur steht unter Schock und wurde durch den psychologischen Dienst der Stadtpolizei Zürich betreut. Derselbe Dienst kümmerte sich auch um zwei Zeugen. Spezialisten der Polizei und des Forensischen Instituts klären die Unfallursache ab. Dabei stellt sich die Frage, ob die verunfallte Frau, die mit ihrem Triathlonvelo unterwegs war, auf dem Velo-streifen fuhr oder die Spur wechselte.
Noch ist nicht geklärt, wie es zum tödlichen Unfall einer 48-jährigen Velofahrerin am Stauffacherquai gekommen ist. Auf den Stadtzürcher Strassen mussten in diesem Jahr damit drei Menschen ihr Leben lassen, je ein Velo-, Auto- und Töfffahrer. Zum Vergleich: Ende 2009 waren es neun; drei davon waren Velofahrer, dies bei insgesamt 305 Unfällen mit Velobeteiligung. Ähnlich hoch waren die Zahlen letztmals Ende der 60er-Jahre, was im Februar unter Fachleuten und Politikern eine Debatte über die möglichen Ursachen ausgelöst hatte. Im ersten Quartal dieses Jahres kam es in 34 Fällen zu Zusammenstössen mit Radfahrern (2009: 43).
Der Unfall von gestern Morgen wirft die Frage auf, ob das Stauffacherquai besonders heikel ist. Der Velostreifen verläuft nicht – wie üblich – rechts neben der Autospur, sondern in der Mitte. Die Strecke geniesst bei Velofahrern deshalb einen zweifelhaften Ruf. Dave Durner von Pro Velo Kanton Zürich hat sie bei seinen Durchfahrten zwar «nie als schlimm» empfunden. Er kann sich aber vorstellen, dass andere Radler das Stauffacherquai als diffizil taxieren. Dazu gehört der grüne Nationalrat und Velofahrer Bastien Girod. Die Verkehrsführung bezeichnet er als «sehr ungünstig».
Kantonsrätin fast angefahren
Girods Parteikollegin, die Zürcher Kantonsrätin Françoise Okopnik, fährt auf dem Weg zur Arbeit praktisch jeden Tag entlang dieser Strecke – mit einem «unangenehmen Gefühl». Links und rechts würden die Autos in ziemlich hohem Tempo vorbeirauschen, sagt sie. Vor rund einem Jahr wurde sie «um ein Haar abgeschossen»: Ein Autofahrer vor ihr wechselte abrupt die Spur – und übersah die Politikerin. Nur weil Okopnik reaktionsschnell stoppte, konnte sie einen Unfall verhindern.
Solch brenzlige Situationen liessen sich vermindern, indem man den Mittelstreifen aufs nahe Trottoir verlegen würde. Laut Durner würde dies jedoch keinen Sinn machen. Die Velofahrer müssten bei der Kreuzung neben der Helvetia-Bar wieder in den Verkehr einfädeln. «Das birgt ein gewisses Gefahrenpotenzial.» Zum Unfall selber möchte sich Durner wie alle anderen Befragten nicht äussern. In seinen Fahrkursen empfiehlt Pro Velo jedoch, in einer Kolonne immer vor oder hinter einem Lastwagen zu warten – nie daneben. Beim rollenden Verkehr könne die Lage jedoch rasch ändern, warnt Durner. «Eine unberechenbare Situation für die Velofahrer.»
Gemäss der städtischen Dienstabteilung Verkehr ist es in den letzten sieben Jahren im Bereich des Stauffacherquais zu keiner Kollision mit Velobeteiligung gekommen. Eine Änderung der Verkehrsführung, etwa eine Verlegung des Radstreifens an den rechten Strassenrand, sei derzeit kein Thema, sagt Sprecher Heiko Ciceri. «Wir werden die Situation aber analysieren, sobald wir den genauen Unfallhergang kennen.»
Bern: Mehr Platz für Velofahrer
Wie präsentiert sich die Mittelstreifen-Problematik in anderen Städten? In Bern etwa existieren ebenfalls Strecken mit zwei Fahrspuren in derselben Richtung samt Radweg dazwischen. Das rot-grüne Bern hat darauf reagiert und beschlossen, das Verkehrsregime auf solchen Abschnitten zu ändern: Einer der zwei Streifen für den motorisierten Individualverkehr soll einer Spur für Velos und die öffentlichen Verkehrsmittel weichen. An der Schwarztorstrasse in der Innenstadt ist dies bereits verwirklicht. «Dies schafft Raum für die Velofahrer», sagt Hugo Staub, Leiter der städtischen Verkehrsplanung in Bern.
Basel setzt auf rote Farbe
Anders sieht es in Basel aus. Laut Alain Groff, dem Leiter des Amts für Mobilität, könnte eine auffälligere, sprich: rote Markierung helfen, die Sichtbarkeit des Radstreifens zu verbessern und damit die Aufmerksamkeit der Verkehrsteilnehmer zu erhöhen. Bei der Elisabethenanlage, in der Nähe des Bahnhofs, ist dies der Fall. Groff spricht allerdings von einer Gratwanderung. Zu viel Farbe an weniger neuralgischen Stellen könne auch dazu verleiten, an anderen, nur gelb markierten Orten weniger aufmerksam zu fahren. Gegenüber Mittelstreifen für Velos herrscht in Basel generell Skepsis. André Frauchiger, Sprecher des Basler Tiefbauamts, hält es für grundsätzlich sinnvoller, den Velostreifen an den Strassenrand als in die Mitte zu setzen. Selbst diese Lösung sei für Radfahrer noch heikel genug, wie die Praxis zeige. «Ein Teil der Autofahrer akzeptiert auch diese Spur nicht.»
In Luzern «relativ problemlos»
Auch in Luzern bewegen sich die Radfahrer auf bestimmten Abschnitten zwischen zwei Fahrspuren, etwa am Schweizerhofquai entlang des Seebeckens. Unfälle hat es auf solchen Abschnitten zwar schon gegeben, aber keine schweren oder gar tödlichen, wie Luzerns Verkehrsplaner Martin Urwyler sagt. Sein Fazit: «Diese Art der Verkehrsführung ist relativ problemlos.» Im Fall des Schweizerhofquais ergibt sie laut Urwyler sogar viel Sinn: Eine Autospur zweigt nach links ab. Der Radstreifen in der Mitte der Strasse da sei sicherer, weil die Velofahrer frühzeitig vorsortieren könnten, sagt Urwyler. Es mindere sich so die Gefahr, dass ein Auto einen Velofahrer beim Abbiegen erfasse.
Grüne wollen Initiative starten
Zurück nach Zürich. Beim Stauffacherquai handelt es sich um eine überkommunale Strasse, die Hoheit darüber hat der Kanton. Er entscheidet also darüber, ob und wo genau die Stadt einen Velo-streifen realisieren darf, so geschehen am Stauffacherquai.
Die Grünen des Kantons Zürich wollen den Städten und Gemeinden künftig mehr Gestaltungsspielraum einräumen und so den Velo- und Fussgängerverkehr fördern, speziell in Zentren wie Zürich. Sie planen dazu eine Volksinitiative, die sie diesen Herbst oder Winter lancieren wollen. Im Sommer soll der definitive Entscheid fallen, wie Kantonsrätin Okopnik TA-Recherchen bestätigt. Der genaue Wortlaut der Initiative ist noch nicht formuliert. Die Städte und Gemeinden, so die Idee, sollen künftig die Kompetenz erhalten, auf den überkommunalen Strassen in ihrem Gebiet die maximale Fahrgeschwindigkeit auf Tempo 30 zu reduzieren. Beinhalten könnte dies auch bauliche Massnahmen: Parkplätze versetzt platzieren oder – analog zu Bern – auf Doppelspuren einen Fahrstreifen zugunsten eines Velowegs aufheben.
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Erstellt: 10.06.2010, 23:15 Uhr
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29 Kommentare
Wenn Velofahrer nicht wie Rennfahrer durch die Stadt flitzen würden, wäre es auch weniger gefährlich. Da wird links und rechts an Autos "vorbeigeschossen", bei Rot über Kreuzungen gefahren, vom Radweg auf den auf grün geschalteten Zebrastreifen geswitcht etc. Wenn die Velofahrer mehr Verständnis erwarten sollten sie auch kultivierter und dem Verkehr angemessen fahren; siehe Kopenhagen und Amsterda Antworten





