Polizist verurteilt, weil er Portemonnaie klaute

Zuerst gestand er, dann bestritt er, dass er ein gefundenes Portemonnaie eingesteckt habe. Der Richter schenkte dem Geständnis des 45-jährigen Stadtpolizisten mehr Glauben.

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«Glauben Sie an den Osterhasen?», hatte der Einzelrichter im vergangenen Mai den vor ihm sitzenden Polizisten gefragt. Die Skepsis, die in der Frage mitschwang, hat sich nun auch im vorliegenden schriftlichen Urteil niedergeschlagen. Der Richter hat den Wachtmeister wegen Veruntreuung verurteilt - zu einer bedingten Geldstrafe von 90 Tagessätzen à 130 Franken.

470 Franken im Portemonnaie gefunden

Dabei hatte alles gut begonnen. Mit zwei ehrlichen Findern, die am 1. April 2007 auf der Regionalwache Oerlikon ein gefundenes Portemonnaie mit 470 Franken abgegeben haben. Was dann passierte, muss dem älteren Geschwisterpaar wie ein schlechter Scherz vorgekommen sein:

Der einzige Polizist im Wachraum nahm die Börse entgegen und bückte sich hinter den Korpus. Als er wieder hochkam, war die Börse verschwunden. Die Finderin machte das stutzig. Ebenso wunderte sie sich, dass der Polizist ihren Namen nicht wissen wollte. Erst als sie nachhakte, notierte der Mann in Uniform ihren Namen auf einen «Fresszettel».

Bestreiten, gestehen, widerrufen

Und so nimmt ein Fall seinen Lauf, der an eine Krimigroteske erinnert. Ein Fall, in dem der Angeschuldigte zuerst bestreitet, dann unter Reue alles gesteht, nur um später sein Geständnis zu widerrufen. Ein Fall, in dem deswegen zehn Polizisten als Tatverdächtige zu einer Gegenüberstellung antreten müssen. Doch der Reihe nach:

Zwei Tage später besucht die Finderin die Wache erneut und erfährt vom diensthabenden Polizisten, dass er nichts von einem Portemonnaie wisse. Zwei Tage später, wieder auf dem Posten, trifft sie auf den Angeklagten. Er habe sie noch nie gesehen, sagt er. Sie: Er solle doch das Geld «füremache». Sein Vorgesetzter bekommt den Vorfall mit, und am 10. April kommt es zu einer Aussprache. Finderin wie Polizist beharren auf ihren Aussagen. 18. April: Vom Fundbüro kommt ein Couvert zurück. Inhalt: 470 Franken. Abgeschickt wurde es – über zwei Wochen nach dem Fund - von der Regionalwache Oerlikon.

Mit «falschen» Geständnis gegen Imageschaden

Von wem, will der Staatsanwalt wissen und vernimmt im Oktober den Angeklagten. Der bestreitet zuerst, dann legt er ein Geständnis ab: Ja, er habe das Portemonnaie gleich nach der Übergabe in seine Hosentasche gesteckt und die 470 Franken am 17. April aus schlechtem Gewissen ans Fundbüro geschickt. «Er bereue den Vorfall zutiefst.»

Doch offenbar nur kurz. Kaum erhält der 45-Jährige von der Staatsanwaltschaft einen Strafbefehl und wird mit Androhung der Kündigung vom Dienst suspendiert - er hatte offenbar nur mit einem internen Verfahren gerechnet - widerruft er. Vor Gericht begründete das der Anwalt dann so: Sein Mandant habe mit seinem «falschen» Geständnis die Stadtpolizei vor einem Imageschaden schützen wollen.

Anwalt will Berufung einlegen

Dass er aber gerade dadurch neun Kollegen in Tatverdacht gebracht habe – sie mussten vor dem Bruder der Finderin zur Gegenüberstellung antreten, wobei der mit einer Wahrscheinlichkeit von 70 bis 90 Prozent auf den Angeklagten tippte - ist nur einer der Widersprüche, die der Richter in seinem Urteil aufführt. Darin wertet er das Geständnis als um einiges glaubhafter als die Begründung für dessen Widerruf. Dass jemand für eine Tat, die er nicht begangen habe, seine Existenz aufs Spiel setze, sei kaum vorstellbar.

Fragen Richter nach dem Osterhasen, sieht es für den Angeklagten schlecht aus. Wie schlecht, lässt sich im konkreten Fall nicht beurteilen. Der Rechtsdienst der Stadtpolizei überprüft zurzeit das weitere Vorgehen, und der Anwalt will, wie er auf Anfrage sagte, Berufung einlegen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.09.2008, 08:46 Uhr

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