Pop-Art nach Zürcher Art

An den Wänden der Baustelle für den Kunsthaus-Erweiterungsbau prangt eine Hommage an Roy Lichtenstein. Gemalt in einer nächtlichen Aktion.

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Auf den ersten Blick sieht das Bild aus wie vom Meister selber. Die satten Farben, der Comic-Stil inklusive Sprechblasen, die charakteristischen gepunkteten Flächen: Das muss ein Bild der Pop-Art-Ikone Roy Lichtenstein sein.

Auf den zweiten Blick spricht dagegen nicht nur, dass der Künstler schon zwanzig Jahre nicht mehr lebt und das Bild als Graffito auf eine Holzabsperrung bei einer Baustelle gemalt wurde. Auch die Details wurden abgeändert. So macht die telefonierende, weinende Frau auf dem Bild ihrem Ärger über eine (verflossene?) Liebe auf Schweizerdeutsch Luft – wenn auch angereichert mit einem englischen Fluchwort: «Ui nei! … Grad vorher han ich ihn mit dere Bitch gsee!» Und durch ein Fenster sind die Türme des Zürcher Grossmünsters zu sehen.

Legale Strassenkunst

Das Graffito an der Absperrung der Baustelle für die Erweiterung des Kunsthauses Zürich an der Rämistrasse fällt auf. Nicht nur die Bezugnahme auf einen bildenden Künstler ausserhalb der Graffiti-Szene ist aussergewöhnlich. Auch die Liebe zum Detail, die aufwendige Machart und der Zürich-Bezug sind bemerkenswert.

Eine aufwendige Malerei mit Bezug zu einem Klassiker der bildenden Künste – Auftragsarbeit? Mitnichten. Das Bild wurde in einer nächtlichen Aktion angebracht, wie eine Diskussion auf der Onlineplattform Ronorp zeigt. In der Rubrik «Frag die Zürcher» wollte ein Benutzer herausfinden, wer das Kunstwerk zu Wand gebracht habe. Ende März hat sich Userin «alice_k» gemeldet: Die Malerei sei von ihrem Vater entworfen worden, sie habe dann bei der nächtlichen Umsetzung geholfen.

Ein Spielplatz für Hobbykünstler

Dass das Bild nach derart langer Zeit immer noch in (fast) voller Pracht begutachtet werden kann, ist alles andere als selbstverständlich. Graffiti werden oft übermalt – sei es von konkurrierenden Sprayern oder der Stadt. Hier aber hat jeder die Lizenz zum Malen.

Man habe abgewägt, wie man die Baustelle mit Kunst bespielen könne, sagt Björn Quellenberg, Mediensprecher des Kunsthauses. «Eine Möglichkeit wäre gewesen, mit Künstlerinnen und Künstlern zusammenzuarbeiten.» Dagegen hätten aber nicht zuletzt budgetäre Überlegungen gesprochen. Nun können sich seit Baubeginn im Jahr 2015 Hobbykünstler austoben, ohne dass die Graffiti entfernt werden. «Lediglich auf der Südseite Richtung Heimplatz überstreichen wir die Wände regelmässig – aus Gründen der Verkehrssicherheit», sagt Quellenberg. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.04.2017, 11:21 Uhr

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