Probezeit, Leidenszeit
Von Judith Wittwer. Aktualisiert am 23.08.2010 10 Kommentare
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Dimitri, 13, ist bereit. Die A4-Hefte mit und ohne Rand, Karogrösse 4x4 Millimeter, sind gekauft wie alles andere Unterrichtsmaterial auf der langen Liste, welche die Kantonsschule Freudenberg den angehenden Gymnasiasten zum selbstständigen Erwerb zusandte. Schule und Probezeit können beginnen.
Der Ausnahmezustand
Für Schüler, Lehrer und Eltern droht es eine strenge Zeit zu werden. Bis Ende November reiht sich eine Prüfung an die nächste. Die neuen Gymnasiasten müssen sich im Aufsatzschreiben bewähren, Lateinwörter pauken, Mathe-Formeln lernen und auch sonst eine Unmenge von unbekanntem Stoff verarbeiten. Erstmals fahren viele Junge zudem mit dem Zug zur Schule. Sie essen am Mittag auswärts, können nicht abschalten. Das ganze neue Schulumfeld mit all den ungewohnten Abläufen und Gesichtern strengt an: Wer sind die neuen Freunde? Welcher Lehrer will welche Heftführung? Wie behält man den Überblick?
Die Ordnung und den Überblick zu behalten – davor hat Dimitri den grössten Respekt. Seine Mutter stellt sich für die nächsten Wochen auf einen «Ausnahmezustand» ein. Sie rechnet mit einem Zusatzaufwand von einer Stunde täglich. Dabei geht es um Organisatorisches: Sind die Hausaufgaben gemacht? Die richtigen Bücher eingepackt? Die Mutter steht aber auch bereit zum Wörter-Abfragen, Lernstrategien-Finden und Rechenaufgaben-Erklären. Sie macht sich schliesslich auch auf Gefühlsausbrüche gefasst: Tränen, wenn alles zu viel wird. Wutanfälle und Streit, wenn Selbstdisziplin und Leistung fehlen.
Globaler Leistungsdruck
Der Druck, der in der Probezeit auf Gymi-Schülern, Eltern und Lehrern lastet, ist seit jeher gross. Zuletzt scheint er im Empfinden vieler Beobachter aber nochmals zugenommen zu haben. «Befreundete Eltern sagen uns Einladungen oder Aktivitäten ab, wenn ihr Kind in der Probezeit ist», erzählt ein Vater. Andere berichten von extremen Prüfungsängsten, Appetitlosigkeit sowie Schlafproblemen ihrer Kinder. Logisch macht man sich da selbst auf das Schlimmste gefasst, wenn die eigene Tochter ins Gymi kommt – ob begründet oder nicht, ist irrelevant.
Remo Largo, der bekannte Schweizer Kinderarzt und Co-Autor des Bestsellers «Schülerjahre», spricht von «immer höheren Erwartungen». Er führt den Stress auf eine «existenzielle Verunsicherung» der Gesellschaft zurück.
Zusätzliche Vorbereitungslektionen
Noch vor 10 oder 20 Jahren habe sich der Schweizer Mittelstand in der Gewissheit gewähnt, mit einer soliden Ausbildung und einem tatkräftigen Arbeitseinsatz werde ihm die internationale Konkurrenz auf dem Stellenmarkt nichts anhaben können. Jetzt fürchten viele den sozialen Abstieg. Umso wichtiger werde da eine Schulkarriere: «Die meisten Eltern hoffen, dass ihr Nachwuchs immerhin die Matur schafft», meint Largo. «Sie investieren in ihr Kind wie nie zuvor.»
So beginnt der Erwartungsdruck für die Kinder bereits bei der Vorbereitung für die Aufnahmeprüfung ins Langzeitgymi. An einigen freien Mittwochnachmittagen alte Tests zu lösen, genügt nicht mehr. Immer mehr Volksschulen bieten zusätzliche Vorbereitungslektionen an. Das Angebot wird zum Zwang. Selbst Schüler und Eltern, die eigentlich locker drauf sind, reagieren zunehmend verunsichert. Welcher Lernaufwand ist noch vertretbar? Verbaut man seinem Kind etwas, wenn man es nicht in private Gymi-Vorbereitungskurse schickt?
Kein Kurs zu teuer
Beim Lernstudio Zürich bewegt sich die Nachfrage nach solchen Extrakursen seit Jahren auf hohem Niveau. Das Geschäft mit den Gymi-Anwärtern macht laut Schulleiter Klaus Loges inzwischen rund ein Viertel des Gesamtumsatzes in Zürich aus. Aus allen Ländern sowie Schichten seien die Eltern für den Schulerfolg ihrer Kinder heute bereit, Geld in die Hand zu nehmen. Für den ganzjährigen Gymi-Vorbereitungskurs blättern viele, ohne zu zögern, 3580 Franken hin.
So drängen immer mehr Junge in die Gymnasien. Vor etwa zehn Jahren galt die Faustregel, dass jeder zehnte Sechstklässler im Kanton Zürich ins Langzeitgymi wechselt. Inzwischen ist es fast jeder Sechste, in der Stadt Zürich gar jeder Fünfte. Nimmt man die Sekschüler dazu, die nach der zweiten oder dritten Klasse ins Kurzzeitgymi übertreten, geht heute jeder vierte Jugendliche in ein kantonales Gymi (siehe Grafik unten links).
Immer mehr Zürcher machen die Matur: Die Quote stieg über die letzten 20 Jahre von 12,5 auf 17,3 Prozent. Gesamtschweizerisch lag sie 2009 bei 19,4 Prozent. Für Patrik Schellenbauer von der Denkfabrik Avenir Suisse könnte sie gar noch höher sein: Die Schweiz könne sich angesichts der Demografie und des Aufholens anderer Standorte nicht darauf verlassen, dass künftig noch in gleichem Ausmass Hochqualifizierte zuwandern würden. Die Schweiz brauche mehr Gymnasiasten, nicht Lehrlinge.
Buben scheitern häufiger
Dabei gilt längst nicht mehr: ohne das Gymi keine höhere Bildung. Weiterentwicklungs- und Karrierechancen gibt es heute auch bei einer Lehre mit Berufsmaturität. Laut Bildungsexperte Rudolf Strahm begehrt der Arbeitsmarkt Fachhochschüler meist auch mehr als UniAbgänger; er bezahle sie sogar besser. «Gerade für Knaben, die oft schneller den Schulverleider haben als Mädchen, ist der Weg über Lehre und Berufsmittelschule eine gute und gleichwertige Alternative zum Gymi», sagt Urs Moser, Leiter des Instituts für Bildungsevaluation der Uni Zürich. Für viele Eltern bleibe jedoch das Gymi der Königsweg.
Buben scheitern laut Moser häufiger in der Probezeit, und auch später kehren sie dem Gymi – freiwillig oder nicht – eher den Rücken. Seit 1993 machen prozentual mehr Mädchen die Matur als Buben (Grafik unten rechts). Gymnasien entwickeln sich allmählich zu Höheren Töchterschulen. «Mädchen sind entwicklungsmässig weiter, fleissiger und angepasster», sagt Kinderarzt Largo. Mit 12 seien sie den Buben im Schnitt eineinhalb Jahre voraus. «Das schlägt sich vor allem im Sozialverhalten und in den sprachlichen Kompetenzen nieder.»
Auch einmal eine Auszeit nehmen
Dennoch lassen sich auch Mädchen in der Probezeit unter Druck setzen. «Am Anfang war ich sehr nervös», erzählt Aurelia. «Ich dachte, ich müsste dann jeden Tag fünf Stunden lernen und würde in den Prüfungen trotzdem lauter 2er und 3er schreiben.» Alles war dann halb so schlimm. Die heutige Zweitklässlerin bestand die Probezeit problemlos.
Auch Dimitris Schwester Johanna erinnert sich, wie sie einmal verzweifelt vor den Hausaufgaben sass und heulte. Geschafft hat es die inzwischen 15-Jährige dennoch. «Die Eltern sollen nicht zu sehr Druck ausüben», meint sie heute. Und rät den neuen Gymnasiasten, sich auch einmal Auszeiten zu nehmen. «Etwas Spass muss noch möglich sein.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 23.08.2010, 09:32 Uhr
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10 Kommentare
Ich kann jedem Schüler den Weg über die Sek in die Lehre mit Berufsmatur nur empfehlen. Ich lernte sogar schweissen und hartlöten - brauche ich privat noch gelegentlich. Im Beruf als Ingenieur hilft mir die Erfahrung, abzuschätzen, ob etwas mechanisch hält oder nicht. Ist auch beim Autokauf ein Vorteil, von Stahl und Mechanik eine Ahnung zu haben. Antworten
Warum nicht einen anständigen, ehrlichen Beruf erlernen? Wer es dann noch weiter bringen will, kann immer noch eine Berufsmatur oder FH Abschluss machen. Was sollen die eines tages studieren? Die "Abschuss"-quoten beim ersten Vordiplom werden noch steigen... zurück bleibt nur viel Frust! Antworten





