Uni-Professor: «Wir wehren uns gegen den Ausdruck deutscher Filz»
Von Stefan Häne und Stefan Hohler. Aktualisiert am 31.12.2009 46 Kommentare
Philip Ursprung, Professor Uni Zürich: «Wir wehren uns gegen den Ausdruck deutscher Filz. Er ist beleidigend und sachlich falsch.»
Roger Liebi, SVP–Stadtparteipräsident: «Es ist lächerlich, unseren Filzvorwurf als rassistisch zu bezeichnen.»
Artikel zum Thema
Stichworte
Etwas gesehen, etwas geschehen?
Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...
«Deutscher Filz macht sich breit: Denn Deutsche stellen vor allem Deutsche an – an der Uni und in den Spitälern.» Gegen diesen Vorwurf der SVP verwahren sich 207 Professorinnen und Professoren der Universität Zürich und der ETH Zürich. In einem Inserat in der NZZ von gestern schreiben sie: «Die rassistische und fremdenfeindliche Rhetorik, Ideologie und Politik der SVP torpediert die Ausbildung unserer Jugend und setzt unsere Zukunft aufs Spiel.» Die Hochschuldozenten reagieren damit auf die Kampagne der Stadtzürcher SVP zu den Stadtratswahlen vom 7. März. Dabei kritisiert die SVP in Inseraten unter anderem die «ausländische Arroganz, welche man den Linken und Naiven zu verdanken» habe.
Teurer Aufruf
Initiiert haben den Aufruf in der NZZ Professoren vom «Zentrum Geschichte des Wissens», einem wissenschaftlichen Kompetenzzentrum der Universität und der ETH. Mit dem Inserat habe man direkt auf die seit Jahren laufende fremdenfeindliche und rassistische Tendenz reagiert, sagt Mitinitiant Philip Ursprung, Uni-Professor für moderne Kunst. Ursprung nennt dabei auch die Abstimmung über das Minarettverbot. Gemäss Ursprung haben die Unterzeichner die 13'000 Franken für das Inserat aus dem eigenen Sack bezahlt; die Hochschulen hätten damit nichts zu tun. Von den 850 ordentlichen und ausserordentlichen Professoren der Uni und der ETH hat rund ein Viertel unterschrieben – für Ursprung ist dies ein «guter Erfolg» angesichts der kurzfristig über die Festtage organisierten Aktion.
Was hat es mit dem Filzvorwurf auf sich? Die Zahl der deutschen Professoren hat, wie die SVP korrekt festhält, im letzten Jahr zugenommen. Zwischen 2003 und 2007 belief sie sich an der Uni Zürich auf durchschnittlich 31 Prozent. 2008 waren von den 479 Uni-Professoren 164 Deutsche, was einen Anteil von 34 Prozent ausmacht. Der gesamte Ausländeranteil beträgt 50 Prozent.
Viele Rückmeldungen
Was den Filzvorwurf anbelangt, so bleibt die SVP einen schlüssigen Beweis schuldig. Um ihre These zu stützen, verweist sie in einem Communiqué auf Medienberichte, die seit 2007 erschienen sind und – auch im TA – kritische Stimmen zu den Deutschen an der Uni Zürich und in Schweizer Spitälern enthalten. Parteipräsident Roger Liebi beteuert zudem, er selber erhalte aus Universitäts- und Ärztekreisen Rückmeldungen von Schweizer Professoren, die sich darüber beklagen würden, «dass Deutsche vor allem Deutsche anstellen». Namen will Liebi keine nennen, auch keine Fallbeispiele. Für Uni-Professor Ursprung ist diese Aussage sachlich falsch: «Die Uni ist ein internationaler Betrieb, der Pass spielt keine Rolle.» Es sei eine Mär, dass deutsche Professoren mit einem ganzen Tross anreisen würden. In der Regel würden bei der Ausstattung eines Lehrstuhls die Stellen ausgeschrieben.
Die SVP reagiert mit Unverständnis auf das Inserat der «selbst ernannten Classe élitaire». «Wir erfinden keine Probleme», sagt Liebi. Die SVP wirft den Professoren vor, gegen jegliche «wissenschaftliche und intellektuelle Redlichkeit» zu verstossen. In einem Communiqué hält sie zudem fest, dass von den 207 Unterzeichnenden 63 deutsche Staatsbürger seien. Die Partei wird in den kommenden Wochen Plakate mit einem unterwürfig lächelnden Bundesrat Hans-Rudolf Merz (FDP) und Deutschlands Ex-Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) aufhängen lassen – mit dem Slogan «Immer mehr ausländische Arroganz». Auf die im Inserat enthaltene Kritik am «deutschen Filz» wird die SVP verzichten. Laut Liebi geschieht dies, weil Plakate nicht zu viel Text enthalten sollten – und nicht etwa aus Angst. Liebi: «Wir stehen weiter zu unseren Aussagen.»
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 31.12.2009, 06:41 Uhr





