Zürich

Puppy und andere Sitzobjekte

Von Marcel Reuss und Thomas Wyss. Aktualisiert am 26.10.2009

Ein Streifzug durch die internationale Möbelausstellung Neue Räume 09 in Zürich-Oerlikon.

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Am Samstag, 24. Oktober 2009, hat die 5. Internationale Wohnausstellung «Neue Räume 09» ihre Tore in Zürich Oerlikon eröffnet. (Bild: Neue Räume 09)

   

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Ein Tisch war früher mal ein Tisch, ein Stuhl war ein Stuhl. Doch die Zeiten haben sich geändert. Seit sie am Samstag die 5. Internationalen Wohnausstellung Neue Räume besucht haben, wissen die Reporter: Ein Stuhl kann heute auch Sitzobjekt sein, während eine Bank, die wie ein Sofa aussieht, manchmal wirklich nur Bank ist. Ein Gesprächsprotokoll, das in der Eingangshalle beginnt.

Reuss: Und jetzt? Wyss: Was und jetzt? Jetzt schauen wir die Möbel an. Zum Beispiel diesen giftgrünen Pudel. Reuss: Ich nehm an, der geht als pflegeleichter Haushund durch. Wyss: Nein, da steht Sitzobjekt. Reuss: Du meinst Stuhl? Wyss: Nein, Sitzobjekt.

Grosse Lampen und bequeme Betten

Wir einigen uns darauf, dass ein Sitzobjekt ein Ding ist, worauf man sitzen kann, aber nicht wie ein Stuhl aussieht. Plötzlich stehen wir staunend vor einer Lampe im XXXXL-Format: Aufblasen, eine clevere Strategie, um Gewohntem einen ungewohnten Auftritt zu verschaffen. Reuss aber sticht bereits ein Bett ins Auge – natürlich nicht wörtlich.

Reuss: Die Grossbuchstaben auf dem Gestell, toll! Wyss: Mich erinnern sie an D&G-Unterhosen. Oder an DKNY-Jeans. Reuss: Ich habe das Gefühl, dir fehlt es am nötigen Ernst. Wyss: Ist es dir gar nicht aufgefallen? Reuss: Was? Wyss: Mein Style. Von oben bis unten schwarz. Wie ein Designer. Reuss: Jetzt, wo du es sagst. Ach schau, dort, ein Berufskollege von dir.

Gerade läuft ein wichtig wirkender, attraktiver Mann vorbei. Er vertritt, wie sich zeigen wird, den Sofa- und Lounge-Chair-Produzenten La Cividina. Er trägt von oben bis unten Schwarz. Aber – und das macht ihn zum genuinen Designer – er hat eine glänzende Glatze.

Küche wie aus dem Sci-Fi-Film

Ein dunkler Monolith gegenüber lenkt unsere Aufmerksamkeit ab. Der Kommentar einer Walliserin verrät, worum es geht: «E hüeregeili Chüchi!» Tatsächlich sprudelt auf dem Kubus von Wiesmann-Küchen Wasser. Die Bedienleiste der Küche erinnert an Sci-Fi-Filme aus den Sechzigerjahren. Aber wo sind die roten Heizflächen? Es gibt sie nicht.

Reuss: Wenn man den Kubus als Sitzobjekt bräuchte, würde man sich aber ganz schön den Hintern verbrennen. Wyss: Wie funktioniert das? Beraterin: Per Induktionsschleife. Die Platte erhitzt sich nur, wenn eine magnetische Pfanne drauf steht.

Vom Küchentraum zum weissen Luxus-Sessel für 1792 Euro – und dem zuvor erwähnten «Man in Black».

Reuss, sitzt ab: Fühlt sich hart an, ist aber trotzdem sehr bequem. Mann in Schwarz, auf Englisch: He (er meint Stuhldesigner Stefano Bigi) is a French-Italian person. He is born in Paris and now lives in Milano.

Spätfolgen der Industrialisierung

Bald darauf weckt ein auf archaisch getrimmter, geschwungener Holztisch der Firma Living Dreams unser Interesse.

Reuss: Ich finde es komisch, wenn man auf Natur macht, diese dann aber zähmt, glatt poliert und abschleift. Wyss: Dafür kannst du nicht die Designer verantwortlich machen, das ist eine Spätfolge der Industrialisierung. Reuss: Ach was. Das diktatorische «Form follows function»-Prinzip schreit danach, die Natur zu knebeln! Wyss: Ola, der Fachmann. Ich mag Formen, die aus der Form fallen. Disharmonie. Individualismus. Einzelstücke.

Der Ikea-Stand bringt uns auf andere Gedanken. Wir stehen vor dem VW-Golf der Bücherregale, dem Billy. Wie die Vertreterin stolz meint, das einzige Ikea-Möbel, dass alle mit Namen kennen.

Wyss: Billy ist doch einfach cool. Reuss: Zuerst sagst du, dir gefallen Objekte mit individuellem Charakter, und jetzt lobst du Billy, den Prototyp der Massenware. Der totale Widerspruch. Wyss: Zeig mit ein Billy-Regal, das noch ganz ist. Gibt es nicht. Individualität entsteht auch durch Abnützung.

Kuschelig

Und schon wirds kuschelig. Mit Radius und Safretti präsentieren gleich zwei Anbieter ihre Indoor-Cheminées, die im modernen Jargon «Home Flame» und «Firespaces» heissen.

Wyss: Das Leben war auch schon einfacher. Früher hat man die Kaminfeuer-DVD reingeschoben, und schon wurde es warm ums Herz. Reuss: Die Popularität dieser Wärmespender liegt an unserer gesellschaftlichen Eiszeit. Function follows society. Wyss: Das klingt ja wie Content for people. Wie wärs mit eme feine Käffeli?

Wir landen in der Gastro-Ecke, an Mario Bottas 12-Meter-Holztafel. Zwergkiefer? Eher Grössenwahnbuche. An der Bar regiert deutsche Internationalität.

Wyss: Cappuccino und Schale.

Servierdame: Schale?

Wyss: Ja, Schale. Auch bekannt als Caffelatte.

Servierdame: Ah, eine Latte.

Serviert wird ein Latte macchiato und ein Café Crème mit Schäumchen. Wir geniessens und sehen Rolf «Mister Langstrasse» Vieli vorbeilaufen. Kurz darauf stehen wir im halboffenen Wigwam von Diesel. Das artifiziell abgef***te Interieur erinnert an den Übungsraum einer harten Rockband.

Das Traum–Sofa

Wyss, hysterisch: Das ist es! Das Sofa!! Mein Sofa!!! Ich habe davon geträumt, ohne zu wissen, dass es existiert!!!!

Es existiert übrigens für 3784 Euro. Kurz später wundert sich Reuss über ein weisses Sofa, weil es für ihn «reduced to a bank» wirkt. Die Beraterin stellt klar, dass es tatsächlich eine Sitzbank ist. «Und zwar von Sir Norman Foster!»

Wyss: Ob Rolf Vieli mit diesen Bänken die Yuppiesierung der Langstrasse vorantreiben will?

Wer weiss. Bei Tossa entdecken wir eine karge, aber doch anmutige Ansammlung von Bäumen. Reuss erkundigt sich, ob man die auch kaufen könne. Die Vertreterin verneint, sie verkaufe nur Tische und Bänke. Wyss hat ein Heureka. Er wird solche Miniwälder herstellen, verkaufen, reich werden und sich dann das geile Diesel-Sofa leisten.

Vorbei an Objekten, die mal aussehen wie H.-R.-Giger-Stühle in Plüsch (Tom Dixon) und mal wie grosse weisse Sitzaschenbecher (Moroso) gelangen wir zum Ausgang – und zum Fazit.

Wyss: Eine sehr schöne Ausstellung. Nicht überfrachtet, übersichtlich.

Reuss: Und nette Beraterinnen, keine Boxenluder wie am Genfer Autosalon.

Wyss: Hier wären es wohl Sofaluder. Aber Du hast Recht. In Genf lautet das Motto «Function follows body», hier eher «Body follows function».

ABB Event-Halle, Birchstr. 150, bis 1. 11.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.10.2009, 04:00 Uhr

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