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Wenn Schüler Radau im Theater machen

Von Hélène Arnet. Aktualisiert am 18.02.2010 8 Kommentare

Weil sich die Schulklassen im Theater nicht zu benehmen wissen, schickt das Schauspielhaus den Lehrern einen Knigge. Damit die Schüler das Publikum nicht vergraulen.

Theater braucht Ruhe: Probe zu Gogols «Revisor» im Pfauen.

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Bild: Keystone

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Dienstagabend, in der Kammer des Schauspielhauses Zürich spielen sie Kafkas «Verwandlung». Oder sie versuchen, die «Verwandlung» zu spielen. Einige Schüler, die mit ihrer Lehrerin die Vorstellung besuchen, benehmen sich nämlich, als ob sie sich auf dem Pausenplatz befänden. Sie schwatzen, schreiben SMS, stehen auf, gehen umher. Eine Zuschauerin nimmt allen Mut zusammen und bittet um Ruhe. Nützt nichts. Am Schluss des Stückes steigt ein Schauspieler von der Bühne und beschwert sich bei den Jugendlichen.

Susanne Ackermann vom Theater Winterthur spricht von neuen Formen von Störungen, etwa das Benutzen des Smartphones. «Diese Geräte können mit ihren hellen Bildschirmen ziemlich stören.» Und Katja Stier vom Kurtheater Baden erzählt vom «typischen Teenager-Klassenverhalten»: Handy, Chips, Schwatzen. «Als ob sie zu Hause vor dem Fernseher sässen.» Sie erinnert sich an eine Vorstellung von «Frühlingserwachen» im letzten Jahr, in der einem Schauspieler der Kragen platzte und dieser von der Bühne herab nachdrücklich um Ruhe bat. «Die Schüler waren richtig platt. Danach war Ruhe.»

«Theaterknigge» für Klassen

«Solche Szenen sind die Ausnahme», sagt Petra Fischer, Leiterin des Jungen Schauspielhauses Zürich. Jährlich besuchen rund 8000 Schülerinnen und Schüler mit ihrer Klasse eine Vorstellung am Schauspielhaus. «Die allermeisten benehmen sich angemessen.» Wie aber sollen sich Zuschauer verhalten, wenn sie sich gestört fühlen? Petra Fischer plädiert dafür, dass vorderhand das Publikum selbst reagiert. «Wenn jemand aus dem Publikum Haltung zeigt, macht das in der Regel wirklich Eindruck.» Denn die meisten Störenfriede seien sich gar nicht bewusst, wie sehr Theater nur funktionieren könne, wenn auch das Publikum mitspielt. Deshalb schicke das Schauspielhaus Lehrerinnen und Lehrern, die mit ihren Klassen eine Vorstellung besuchen, vorab auch einen kleinen «Theaterknigge» zu.

In dem «Knigge» steht: «Theater ohne Publikum ist wie Wald ohne Bäume», oder wie «Zürich ohne See». «Theater ohne Publikum gibts nicht. Ihr seid wichtig. Herzlich willkommen.» Dann folgen einige Regeln: Handy ausschalten, im Zuschauerraum nicht essen und trinken, nicht fotografieren. Doch sind das nicht alles Selbstverständlichkeiten? Petra Fischer betont nochmals: «Es gibt Jugendliche, die noch nie im Theater waren und erst darauf eingestimmt werden müssen.» Und was ist mit den Lehrern? «Es kommt manchmal vor, dass Lehrer Billette für ihre Schulklassen bestellen, diese dann aber gar nicht in die Vorstellung begleiten.»

Vorbereitet auf krasse Fälle

Für krasse Fälle sei aber im Foyer oder an der Kasse stets eine Ansprechperson des Theaters zugegen. Das gilt auch in Winterthur und Baden. «Wir als Kurtheater haben ohnehin immer Leute vor Ort, weil ja auch die Theatergruppen selbst betreut werden müssen», sagt Katja Stier. Da sitze man dann meist etwas erhöht im Publikum und bekomme das allermeiste mit - und reagiere auch, wenn es sein müsse. «Die Schlachten finden aber bei uns, wenn überhaupt, immer auf der Bühne und nicht im Publikum statt.»

Das Team des Jungen Schauspielhauses Zürich ist lieber im Vorfeld aktiv. Theaterpädagogen bieten den Schulen ein breites und flexibles Angebot an. Kurze Einstiegshilfen oder ganze Projektwochen, zu einzelnen Stücken oder zum Thema Theater generell. Für alle Altersgruppen. Schauspieler besuchen die Klassen, oder die Klassen können die Entwicklung eines Stückes von der ersten Probe bis zum Endprodukt begleiten. Vor- und Nachbereitungen, alles ohne grossen Aufwand für die Lehrpersonen. Und gratis. «Nur ist offensichtlich unser Angebot an vielen Schulen noch gar nicht bekannt - wir hätten auf alle Fälle noch Kapazität.»

Frustrierende Schülervorstellungen

Während das Theater Winterthur und das Kurtheater Baden gerade deshalb reine Schülervorstellungen anbieten, weil die Zuschauer dort zum Vornherein wissen, dass es eventuell etwas unruhiger sein könnte, verzichtet das Schauspielhaus Zürich seit einiger Zeit darauf. Fischer begründet: «Zum Theatererlebnis gehört eben gerade, dass sich die unterschiedlichsten Menschen im Zuschauerraum treffen.» Zudem seien diese Vorstellungen für die Schauspieler oft frustrierend.

Petra Fischer betont erneut: Ein solcher Tumult wie an jenem Abend mit Kafka komme wirklich selten vor. Es habe deswegen jedoch Beschwerden aus dem Publikum gegeben. Und hat das für die Klasse und ihre Lehrerin Konsequenzen? Kann das Theater wie beim Fussball ein Stadions- beziehungsweise eben ein Theaterverbot verhängen? Die Frage habe sich noch nie gestellt - auch im vorliegenden Fall nicht. Die Lehrerin und einzelne Schüler haben sich sich im Nachhinein bei den Schauspielern schriftlich und glaubhaft entschuldigt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.02.2010, 14:37 Uhr

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8 Kommentare

Heidi Romann

18.02.2010, 14:52 Uhr
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Eigentlich müsste man den Knigge den Eltern schicken, denn die sollten eigentlich für die Erziehung der Kinder verantwortlich sein. Es hat m.E. nichts damit zu tun, ob die Eltern schon mal im Theater waren, sondern schlicht und einfach mit mangeldem Benehmen. Antworten


Marc Altheer

18.02.2010, 15:10 Uhr
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Ich frage mich wie man dazu kommt sich so zu verhalten in einem Theater. Man würde meinen dass junge Leute eine "normale" Erziehung genossen haben. Aber das ist bei Einigen offensichtlich nicht der Fall. Passt aber allgemein zum Wertezerfall der vor allem bei der Jugend vorherrscht leider. Einfachste Umgangs- und Anstandsregeln werden schlicht nicht eingehalten. Tja... Antworten



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