Raus aus den Stöckelschuhen, rein in die Gummistiefel

Zürich wird gesund und nachhaltig. Drei Kurzporträts von Jungunternehmern, die zeigen, wie man mit Bio gut verdienen und noch besser schlafen kann.

Gudrun Ongania in ihrem Geschäft «Veg and the City» in der Europaallee. Foto: Doris Fanconi

Gudrun Ongania in ihrem Geschäft «Veg and the City» in der Europaallee. Foto: Doris Fanconi

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In Zürich gibt es keinen vergleichbaren Laden. «Veg and the City» ist das Gegenteil eines typischen Bau- und Gartenmarktes: Über dem grossen Tisch hängen Blumentöpfe, rundherum wird verkauft, beraten und instruiert. Das Sortiment ist einzigartig: Um jeder Kundin, jedem Kunden seinen eigenen Garten sowohl in der Wohnung als auch auf dem Balkon zu ermöglichen, werden horizontal stapelbare Pflanzgefässe angeboten. Es werden Samen verkauft, und sobald es Frühling ist auch Setzlinge – alles aus der Schweiz. Auch Schnittblumen fehlen nicht. Das Angebot richtet sich nicht nach Trends, sondern nach der Saison. Momentan ist es klein, bestehend aus einheimischen Tulpen und Blumen aus Italien.

«Veg and the City» ist nicht irgendwo im Kreis 3 oder 4 angesiedelt, sondern in der neuen, ultramodernen Europaallee beim Hauptbahnhof. Und geführt wird der Laden nicht von einer alternativen Kunststudentin. Initiantin des grünen Projekts ist die 32 Jahre alte Unternehmensberaterin Gudrun Ongania. Sie hat Ende 2011 ihren Job bei einem grossen Industrieunternehmen in Zürich gekündigt und die Stöckelschuhe mit Gummistiefeln vertauscht: «Ich will gärtnern wieder populär und den Menschen bewusst machen, was Nahrung ist» sagt sie. «Wer selber anpflanzt, empfindet eine andere Wertschätzung für das langsam gewachsene Gemüse. Er verschenkt es lieber, anstatt es wegzuwerfen.»

Trifft den Nerv der Zeit

Urban Gardening ist in den USA weit mehr als ein Modehype. Städte wie Portland (Oregon) oder Seattle haben es bereits zum Bestandteil ihrer Stadtentwicklung erklärt. In Brooklyn gehört es ebenso wie in Berlin zum guten Ton, dass man auf Balkon und im Vorgarten selber gärtnert. Selbst in Zürich wird das Urban Gardening nicht mehr als Spleen von verschrobenen Grünen abgetan. Im Gegenteil. Die Szene ist bunt und facettenreich geworden. In den verschiedensten Quartieren existieren die verschiedensten Initiativen von Hobby- und Profigärtnern. «Veg and the City» trifft daher den Nerv der Zeit. Ongania hat mehr Interesse geweckt, als ihr lieb sein kann. «Ich bin mit meinem Onlineshop regelrecht überrannt worden.»

Weil es immer noch Menschen gibt, die glauben, Kohlrabi würden unter der Erde wachsen, hat Ongania Kurse wie «Urbanes Gärtnern» auf die Beine gestellt. Darin erklärt sie, wie man Kräuter und Gemüse auf Balkon und Terrassen anpflanzt. Der erste Kurs im neuen Laden ist bereits ausgebucht. «Den Leuten in der Stadt fehlt das Wissen, was sie wann, wo und wie anpflanzen können.» Schon im letzten Jahr entpuppten sich die Kurse bei Jung und Alt als Renner. «Die Leute kommen inzwischen aus der ganzen Schweiz und fahren nach drei Stunden mit ihren Töpfen zufrieden und stolz wieder nach Hause.»

Mit den Händen im Dreck

Inzwischen ist zum Onlineshop und dem Laden an der Europaallee auch noch ein 1000 Quadratmeter grosses Gartenareal in Affoltern dazugekommen. Gudrun Ongania konnte es Ende letzten Jahres von den SBB mieten. In verschieden grossen Beeten können ihre Kunden dort Gemüse anbauen oder anbauen lassen – je nach vorhandener Zeit. «Convenience Gardening», nennt Ongania das. Sie startet mit 16 Interessierten und stellt alles zur Verfügung, was es braucht: Dünger und Pflanzenschutz – ohne Chemie selbstverständlich. Last, but not least: Im März kommt ihr Gartenbuch heraus: «An die Töpfe, gärtnern, los!»

Gudrun Ongania hat ein sehr strenges Jahr hinter sich, aber auch ein sehr befriedigendes: «Ich habe viel Glück gehabt.» Die Gummistiefel passen, ein Zurück zu den Stöckelschuhen ist derzeit undenkbar.

Warum wollen erfolgreiche Businessfrauen und -männer umsteigen? Karin Frick, Leiterin Forschung der Gottlieb-Duttweiler-Institute (GDI), sieht darin eine Gegenbewegung zur Globalisierung. «Wir sehnen uns nach Natur und idealisieren sie, weil wir inzwischen naturfern leben», sagt sie. Unsere Welt ist technisch und unsinnlich geworden, wir verbringen unsere Zeit vor dem Bildschirm und lassen uns von Smartphone und Big Data regieren. Gärtnern ist zu einer Gegenwelt geworden. «Wir greifen mit den Händen in den Dreck, um ein echtes Erlebnis zu spüren», sagt Frick.

In Zürich ist der neue Trend zu gesund und nachhaltig an allen Ecken und Enden zu spüren. Hiltl und Tibits erhalten Konkurrenz von Bio-Take-Aways wie Hitzberger, Not Guilty oder Gärtnerei an der Stockerstrasse. Am Bahnhof Stadelhofen mischt John Baker die Lädeli-Szene auf. Die Backstube ist auch ein Geschäft. Wer etwas auf sich hält, kauft hier nicht nur seine Brötchen, er sieht auch zu, wie sie gemacht werden. Transparenz und Sinnlichkeit sind Trumpf. Geschäftsführer Jens Jung, Sohn einer Bäckerdynastie, ist charmant und bietet das richtige Produkt zur richtigen Zeit an: gesundes, frisches und ausgezeichnetes Brot. Der Laden ist erst seit Anfang Jahr geöffnet. «Wir wurden vom Andrang völlig überrumpelt», sagt Jung.

Der Jungbäcker duldet keine Zusätze in seinem Brot. Salz, Mehl, Wasser, basta. Die Hefe für den Teig züchtet er selbst. «Ich kaufe regional ein und kenne daher jeden einzelnen Produzenten.» Der Schinken fürs Sandwich stammt von einem Biohof, der auf Demeter-Basis produziert, wo Jung weiss, wie die Tiere leben. Gegen den Verpackungswahnsinn führt er ein Rabattsystem. Jung ist nicht nur Bäcker, sondern auch Missionar. «Ich will andere Bäcker aufrütteln und zeigen, dass es sich wieder lohnt, nachhaltig zu produzieren.»

Biomilch aus der Pfandflasche

In der gleichen Mission ist auch der Bio-Milchmann Lukas Furrer (34) unterwegs. Seine Milch kommt nicht im Tetrapack, sondern in der Glasflasche mit Pfand daher und stammt von einem streng biologischen Hof der Demeter-Schule. «Damit schalten wir den Zwischenhandel aus», sagt Furrer. Seinen Bio-Milchlieferdienst hat er vor anderthalb Jahren zusammen mit seiner Frau gegründet. Er sorgt dabei nicht nur für seine Familie, sondern auch für das Wohlergehen der Bio-Bauern und der Sennerei Bachtel in Wernetshausen.

Lukas Furrer war nicht immer Bio-Milchmann, sondern früher selbstständiger Treuhänder und noch früher mal Agronomiestudent. Als Bio-Milchmann bedient er seine Kunden dreimal pro Woche in Zürich und Umgebung mit Milch, Gemüse, Fleisch, Fisch, Geflügel, Tofu, Eiern und Brot, alles biologisch, regional und direkt von den Produzenten. Im Unterschied zu anderen Gemüselieferanten sind auch Kleinstmengen möglich, zu einer moderaten Liefergebühr von fünf Franken.

Die Idee zu diesem Hauslieferdienst entstand, als Furrers erstes Kind auf die Welt kam und er sich auf den Weg machte, zu schauen, woher die Bionahrung stammt, die bisher auf seinem Teller landete. Inzwischen beliefert er über 50 Kunden, obwohl er noch nie einen Werbefranken ausgegeben hat. Neben der Hauslieferung ist er am Samstag auf dem Wochenmarkt in Affoltern am Albis und am Dienstag und Freitag auf dem Wochenmarkt am Milchbuck anzutreffen. Die innere Zufriedenheit ist ihm jedoch weit wichtiger als der geschäftliche Erfolg. «Ich arbeite viel mehr als früher», sagt er lachend. «Aber ich habe das Gefühl, etwas Sinnvolles zu leisten.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 24.02.2014, 10:21 Uhr)

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