SBB-Geheimgang unter den Gleisen
Von Martin Huber. Aktualisiert am 22.05.2010
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«Tropfsteinhöhle» wird die rund 150 Meter lange unterirdische Passage unter dem Gleisfeld hindurch von SBB-Mitarbeitern genannt. Wegen der Kalkablagerungen, die sich im Lauf der Jahre gebildet haben und wie Stalaktiten in Höhlen von der Decke hängen. Der 1936 erstellte und in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannte Gang verläuft westlich der Langstrasse unter dem gesamten SBB-Gleisfeld hindurch und verbindet die beiden Lokomotivdepots an der Remisenstrasse im Kreis 4 und an der Neugasse im Kreis 5.
Der Tunnel verfügt über ein spezielles Tragsystem, wie Sven Flütsch, Leiter der Ingenieurbau-Überwachung Ostschweiz, bei einem Augenschein erklärt. Seine Decke besteht aus Hunderten von eng aneinandergereihten und einbetonierten Eisenbahnschienen. Diese müssen viel Gewicht tragen: Nur gerade einen Meter über ihnen donnern die Züge über das SBB-Gleisfeld.
Treppe mitten aufs Gleisfeld
Der «Personen-Durchlass zwischen Lokdepots», so die offizielle Bezeichnung, ist ein «reiner Dienstweg», wie Flütsch sagt – er ist für SBB-Mitarbeiter reserviert und nicht öffentlich. Die Zugänge befinden sich auf SBB-Arealen und sind teilweise mit Schlössern gesichert. Der Stollen wird laut Flütsch bis heute häufig als schnelle und sichere Verbindung zwischen den beiden Depots benutzt. Durch ihn gelangen Lokführer, Rangierarbeiter und Reinigungskräfte rasch zu ihren Arbeitsplätzen. Sie müssen nicht den Umweg durch die Langstrassenunterführung nehmen oder gar über die Gleise marschieren. Auf dem Schienennetz zwischen Stellwerk und Langstrassenunterführung sind die Züge mit beträchtlichem Tempo unterwegs. Im letzten Dezember wurde dort ein SBBArbeiter tödlich verletzt.
Eine Öffnung der Unterführung für die Allgemeinheit kommt für die SBB nicht infrage. «Das ist kein Thema», erklärt Sprecher Daniele Pallecchi. Dies wäre viel zu riskant, weil sich die Zugänge mitten im Vorbahnhof befinden. Mehr noch: In der Mitte der Unterführung führt eine Treppe direkt aufs Gleisfeld, wo Loks rangieren. Pallecchi: «Dort besteht für Passanten Lebensgefahr.»
Randständige schliefen im Depot
Doch trotz Sicherheitsvorkehrungen, Zäunen und mit Schlössern gesicherten Türen benutzen immer mal wieder betriebsfremde Personen die Unterführung. Darauf deuten auch mehrere Sprayereien neueren Datums in der «Tropfsteinhöhle». «Es gibt immer wieder Leute, die unerlaubterweise da untendurch gehen», berichtet ein Lokführer, der die Unterführung häufig benutzt. Früher, als die Zugänge noch weniger streng abgesperrt waren, seien noch häufiger fremde Passanten in dem Stollen aufgetaucht als heute.
Darunter seien auch immer wieder Randständige gewesen, die SBB-Wagen in den Depots als Schlafplatz benutzten. «Da hatte man dann morgens um 3 Uhr bei Arbeitsbeginn teilweise unangenehme Begegnungen», berichtet der Lokführer. Er erinnert daran, dass Clochards in der Gegend der SBB-Depots eine lange Tradition haben. Dies dokumentiert auch der Film «Hinter den sieben Gleisen» aus dem Jahr 1959, der im Kohledreieck gedreht wurde. In diesem Klassiker des Schweizer Unterhaltungsfilms von Kurt Früh versuchen drei ältere Stadtstreicher in ihrem Schuppen am HB – hinter den sieben Gleisen –, einer jungen Mutter zu helfen.
«Der kürzeste Weg in den Kreis 4»
Auch Quartierbewohner benutzten die Unterführung früher des Öftern, wie Robert Schönbächler, CVP-Gemeinderat aus dem Kreis 5 und ehemaliger Bähnler, erzählt. So seien seine Kinder jeweils durch den Tunnel hindurch zur Schulzahnklinik marschiert. «Das war der kürzeste Weg in den Kreis 4.» Allerdings habe das Bahnpersonal in den Depots keine Freude gehabt.
Der Personen-Durchlass von 1936 ist das Kernstück einer Reihe weiterer Unterführungen im Bereich HB-Gleisfeld. So verläuft vom Lokdepot F an der Remisenstrasse eine rund 50 Meter lange Fussgängerpassage, Baujahr 2002, bis zur Neufrankengasse. Eine andere, rund 100 Meter lange Unterführung führt unter diesem Depot hindurch zur Remisenstrasse, wo derzeit im Zusammenhang mit der Durchmesserlinie die Pfeiler der Kohledreieck-Brücke erstellt werden.
Das 1898 erstellte Lokdepot F ist ein spezieller baulicher Zeuge der Zürcher Eisenbahngeschichte. In der imposanten, rund 200 Meter langen Halle mit Gleisanlagen und Fahrleitungen wurden bis vor kurzem Loks gewartet, im Obergeschoss war die Betriebskantine einquartiert, von deren währschafter Kost SBB-Leute noch immer schwärmen. Derzeit steht die denkmalgeschützte Halle leer, die SBB nutzen sie vorderhand als Abstellhalle für Rollmaterial, wie Sprecher Pallecchi erklärt. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 22.05.2010, 10:46 Uhr





