Zürich
«Schade, fällt der Strich am Sihlquai weg»
Von Benno Gasser. Aktualisiert am 28.11.2012 9 Kommentare
Der Zürcher Anwalt Valentin Landmann war Mitinitiant des ersten legalen Bordells in der Stadt Zürich, des Petite Fleur in Wollishofen. (Bild: Keystone )
Dossiers
Artikel zum Thema
- «Das Geschäftsmodell Prostitution funktioniert auf dem Strichplatz besser»
- Strassenprostitution nur noch an drei Orten
- Die Prostituierten arbeiten bis zu 70 Stunden pro Woche
Teilen und kommentieren
Stichworte
Etwas gesehen, etwas geschehen?
Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an
4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...
Korrektur-Hinweis
Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.
Sie halfen mit, die neuen Regeln im Sexmilieu zu bestimmen. Dank Ihnen müssen Prostituierte in Boxen arbeiten und Tickets lösen, und Freier müssen Bussen zahlen.
(lacht) Die Verordnung stammt nicht von mir, sondern vom Gemeinderat und der städtischen Verwaltung. Ich wurde nur bei einigen Fragen punktuell beigezogen. Und jetzt bin ich in der Kommission, die die Prostitutionsgewerbeverordnung umsetzen soll.
Was war Ihnen bei Ihrer Mitarbeit wichtig?
Ich habe von Anfang an festgestellt, dass die Stadt mit einer guten Intention an die Arbeit geht. Sie will die Prostitution als Gewerbe möglichst normal regeln. Man hat das Sexgewerbe nicht an den Rand gedrängt und despektierlich behandelt.
Die Stadt hat den Strich aber geschrumpft – von 12 Kilometer Länge auf einige Hundert Meter. Kann das überhaupt funktionieren? Die Strichzonen und der Flughafen schlagen sich mit dem gleichen Problem herum: Jeder will den Flughafen benutzen, aber niemand will Fluglärm hören. Bei diesen 12 Kilometern muss man bemerken, dass viele Strichzonen in der Innenstadt praktisch nicht benutzt werden, weil es keine bezahlbaren Absteigen in der Nähe gibt. Die Auswirkungen eines legalen Strichs auf die umliegende Nachbarschaft werden stark überschätzt.
Die Anwohner des Sihlquais würden diese Aussage vehement bestreiten.
Beim Sihlquai ist die Situation aus dem Ruder gelaufen, weil die Absteigen verschwunden sind. Deshalb muss die Prostituierte mit ihrem Freier in einem Hinterhof, im Auto oder einer weit entfernten Absteige das Geschäft verrichten. Das ist eine unhygienische und potenziell gefährliche Situation für die Frauen. Ich bedauere allerdings, dass der Sihlquai als Strichzone wegfallen wird. Man hätte beim Sihlquai die Situation mit Nachtparkplätzen, Wohnmobilen, einem Duschcontainer und zusätzlichen Toiletten entspannen können. Politisch war dies aber nicht machbar.
Beseitigt der geplante Strichplatz in Altstetten diese Probleme?
Der Strichplatz ist positiv zu beurteilen und eine Alternative. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird er funktionieren. Ich hatte allerdings noch nie Sex in einem Auto gehabt. Das erwähnte ich einmal in einer Kommissionssitzung, worauf die Chefin für Sexualdelikte sich anerbot, mich aufzuklären. Nicht praktisch, aber theoretisch. Meine Meinung hat sich danach aber nicht geändert. Falls ich jemals Sex in einem Auto praktizieren sollte, bräuchte ich danach Feuerwehrleute, die mich aus dem Auto schneiden – und einen Chiropraktiker.
Werden die Freier des Sihlquais den sterilen Strichplatz ablehnen, weil er ihnen keinen Ersatz für den Strassenstrich bietet?
Der Strichplatz muss eine gewisse Atmosphäre bilden. Dafür sind zu einem Grossteil die Frauen verantwortlich, die sich in diesem Gynodrom entsprechend präsentieren. Mit einem Café-Container, in dem Freier und Prostituierte etwas trinken und das Treiben beobachten können, lässt sich ein Biotop mit Atmosphäre entwickeln.
Die stallähnlichen Sexboxen lassen aber jede Lust bereits im Keim verdorren.
Natürlich sind sie nicht romantisch. Das ist aber auch der Strassenstrich nicht. Wenn jemand mehr den Schmus will, geht er in ein entsprechendes Etablissement. In den Boxen ist die Romantik sicher an einem kleinen Platz. Den Autostrichfreier werden die Sexboxen aber nicht abschrecken.
Und die Prostituierten akzeptieren die Sexboxen?
Viele Frauen aus Etablissements würden nie dort arbeiten wollen. Das Gleiche lässt sich wohl von Frauen sagen, die im Niederdorf anschaffen. Sie arbeiten lieber in Absteigen. Glücklicherweise bleibt der Fussgängerstrich im Niederdorf bestehen.
Wäre es nicht besser, diesen aufzuheben und an die Langstrasse zu verschieben?
Dies ist politisch nicht durchsetzbar. Jeder Ansatz in diese Richtung wurde vehement bekämpft. In der Altstadt existiert der Strich seit Jahrzehnten. Das Milieu hat sich allerdings gewandelt. Heute stammen die Frauen mehr aus dem EU-Raum. Sie stellen aber keine Belastung dar, weil sie drei Monate hier arbeiten und dann wieder abreisen. Am besten lässt man sie selbstständig arbeiten. Man vergisst oft, dass Drogen und Prostitution verlinkt sind. Die jetzigen Prostituierten aus dem EU-Raum haben etwa bewirkt, dass die Drogenprostitution am Sihlquai verschwunden ist. Der Grund ist einfach: Der Junkie verdirbt das Geschäft, weil die Sicherheit sinkt und die Freier dadurch ausbleiben. Würde man den Strich im Niederdorf verbieten, könnte ich mir vorstellen, dass Drogen wieder zum Problem werden.
Hoteliers sehen das anders: Sie wollen keinen Strich im Niederdorf, weil dann die Gäste ausbleiben.
Das Rotlicht im Niederdorf ist sehr handzahm und geordnet. Dieses Quartier lebt entgegen der Meinung der Hoteliers auch vom Flair des Rotlichts. Es zieht Touristen an. Fehlt dies, haben wir nur noch potemkinsche Dörfer, wo geschrieben steht: «Hier war einmal Rotlicht.»
Werden die schärferen Bedingungen zu einem Rückgang des Sexmilieus führen?
Eine Anzahl Etablissements werden wegfallen, weil sie baurechtlich nicht in Ordnung sind. Wie viele es sein werden, kann ich nicht sagen. Die Anforderungen sind aber machbar. Neu wird es sogar einfacher, weil nur noch eine Stelle zuständig ist. Und die Prostituierte löst beim Strichplatz einfach ihr Tagesticket für fünf Franken.
Der Flohmarktverkäufer auf dem Bürkliplatz muss für einen Laufmeter seines Stands 12 Franken bezahlen. Ist das gerecht?
Die Stadt will schliesslich nicht die Prostituierten quälen. Es ist eine Taxe für die Benützung. Das ist kein Drama.
Der Strich im Niederdorf soll stärker eingeschränkt werden. Sprechen Kritiker zu Recht von einem Eingriff in die Gewerbefreiheit?
Jede Reglementierung ist ein Eingriff in die Gewerbefreiheit. Ich finde den Plan aber auch darum schlecht, weil sich dadurch der Druck auf die Prostituierten erhöht. Arbeiten sie unter Zeitdruck, werben sie möglicherweise auch aggressiver Freier.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 28.11.2012, 14:06 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
9 Kommentare
5 Stutz sind lächerlich, deckt vermutl. nicht mal die Kosten für Anschaffung und Betreuung der Automaten. Wenn ich V.L richtig interpretiere, könnte man aus Dörfli zwischen Mühlegasse und Central Rotlichtquartier machen. Wie es Amsterdam und Hamburg kennt. Bars und Nachtklubs mit Zimmern hat es zur Genüge. Würde dies legendäre Ausgangsviertel wieder beleben und Ruf gerecht werden, den es mal hatte Antworten

Bitte warten

























