Schlechtes Klima im Obergericht

Das 82 Millionen teure Minergie-Haus in der Zürcher Altstadt beschert dem Personal ausgetrocknete Schleimhäute, Juckreiz, Kopfweh und brennende Augen.

Eine Immobilie mit Problemen: Neubau des Obergerichts am Hirschengraben.

Eine Immobilie mit Problemen: Neubau des Obergerichts am Hirschengraben. Bild: Sophie Stieger

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Zürich – Energiesparen auf Kosten der Gesundheit? Schon wieder gerät ein Prestigeobjekt des Kantons Zürich ins Schussfeld: Diesmal ist es der prunkvolle Erweiterungsbau des Obergerichts, eingeweiht vor knapp einem Jahr. Noch sind zwar weder ein Oberrichter noch eine Sekretärin in Ohnmacht gefallen, wie dies kürzlich einem Studenten während der Gesangsstunde in der neuen Pädagogischen Hochschule Zürich widerfuhr (TA vom 1. Dezember). Doch auch im Minergie-Haus am Hirschengraben herrscht in den Büros ein stickiges Raumklima. Der Grund: die zu geringe Luftfeuchtigkeit von maximal 25 Prozent. Dies sagen mehrere Mitarbeitende übereinstimmend. Sie dürfen aber ihre Kritik nicht namentlich an die Öffentlichkeit tragen, sondern dies lediglich in internen Umfragen kundtun.

Messungen alle zwei Wochen

Dass das Personal mit seinen Beanstandungen nicht falsch liegt, bestätigt das Obergericht: «Wir haben von einzelnen Mitarbeitenden Rückmeldungen erhalten, dass die Luftfeuchtigkeit zu niedrig sei», sagt Mediensprecherin Andrea Schmidheiny. Seit etwa einem Monat lasse man alle zwei Wochen in acht Büros Messungen durchführen, um genauere Daten zu erheben. Oberstes Ziel sei es, die Einstellung der Lüftungsanlage zu verbessern, ohne den Energieverbrauch zu erhöhen. Wie die schlechteste Messung ausgefallen ist, bleibt geheim: «Zu konkreten Messwerten äussert sich das Obergericht nicht.»

Das frustrierte Personal beklagt vor allem die zu hohe Temperatur in den engen Büros, die bis zu 24 Grad betrage und auf den Körper schlägt – auf die Schleimhäute, auf die Haut in Form von Juckreiz und insbesondere bei Linsenträgern auf die Augen. Private Luftbefeuchter darf man nicht installieren ohne die ausdrückliche Genehmigung des Hausvorstandes. Individuell steuern lässt sich die neue Bodenheizung nicht, die Regulierung muss der Haustechnik gelingen. «Wir sind darum bemüht, eine Einstellung zu finden, die allen Ansprüchen gerecht wird und die um die 22 Grad beträgt», hält Schmidheiny fest.

Private Luftbefeuchter darf man nicht installieren ohne Genehmigung des Hausvorstandes.

Wegen der Schwierigkeiten mit der Lüftungs- und Heizungsanlage stehen der Haustechnik jetzt Experten der kantonalen Baudirektion beratend zur Seite. Mindestens zwei Heizperioden seien für die «Einregulierung und Justierung» vonnöten, wie es im Fachjargon heisst.

Mitte Februar 2012 hatten an die 300 Mitarbeitende das verwinkelte Gebäude in der Zürcher Altstadt bezogen. Die ältesten Bauteile stammen von einem Barfüsserkloster aus dem 13. Jahrhundert. Nach dem Umbau und der Erweiterung verbindet ein L-förmiger, lichter Neubau die beiden bestehenden Bauten am Hirschengraben 13 und 15. Ein permanent ideales Raumklima werden sie dort nie vorfinden. Das hätte gemäss der Zürcher Baudirektion nur mit einer Klimatisierung der Räume «mit entsprechend hohem technischem, energetischem und finanziellem Aufwand» sichergestellt werden können. Eine solche Klimatisierung mit Befeuchtung sei im Projekt Obergericht indes bewusst nicht realisiert worden. So oder so befand Baudirektor Markus Kägi (SVP) anlässlich der Eröffnung des neuen Obergerichts: «Dem Kanton Zürich ist ein grosser Wurf gelungen.»

Aktentransport ohne Lift

Erklärtes Ziel des Erneuerungsbaus war in erster Linie die «Optimierung des Gerichtsbetriebs und der Organisationsabläufe». Dies steht so in der umfangreichen Einweihungsdokumentation, die auf der Website der Baudirektion aufgeschaltet ist. Auch dieses Ziel hat der Kanton nicht allenthalben erreicht. So müssen Sachbearbeiterinnen in einem denkmalgeschützten Gebäudeteil Tonnen von Akten zu Fuss eine gediegene Treppe hinauf- und hinunterschleppen, wo sie diese doch im Altbau noch mit Wägelchen transportieren konnten.

Sachbearbeiterinnen müssen in einem denkmalgeschützten Gebäudeteil Tonnen von Akten zu Fuss eine gediegene Treppe hinauf- und hinunterschleppen.

Die Folge des Kraftakts: Rückenschmerzen mit anschliessender Physiotherapie. «Ein Lift war aufgrund der räumlichen Situation nicht möglich», erläutert dazu Mediensprecherin Schmidheiny. Bei der Treppe handle es sich um einen normalen Übergang, der sowohl vom Amt für Wirtschaft und Arbeit als auch von der Feuerpolizei sowie der Baupolizei abgenommen wurde. Schmidheiny weist obendrein darauf hin, dass im Altbau längst nicht alle Büroräume mit Aktenwägelchen erschlossen werden konnten. Doch auch dieses Problem will das Obergericht nun anpacken, «weil der interne Wunsch geäussert wurde, die betreffende Stelle mit einem Aktenwägelchen zu passieren». Jetzt stehe der Einbau einer Rampe «als Lösungsansatz im Fokus», so Schmidheiny. Entsprechende Abklärungen seien im Gang, über «allfällige Kosten» lasse sich derzeit aber nichts sagen.

«Ein Jahr voller Veränderungen neigt sich dem Ende zu», schreibt Obergerichtspräsident Rolf Naef in der eben erschienenen Hauszeitung. Und weiter: «Eben noch beklagten wir die zu warmen Büros, was für dieses Jahr der Vergangenheit angehört.» Und fürs kommende? Für bissig kalte Winter- und hitzige Sommertage?

Medienfrau Andrea Schmidheiny legt Wert darauf, dass diese Äusserung des Obergerichtspräsidenten in der Hauszeitung in keinem Zusammenhang stehe mit den aktuellen Schwierigkeiten, die derzeit die Haustechnik auf Trab halten. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 15.12.2012, 07:18 Uhr)

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