Schlittschuhlaufen ohne Eis unter den Kufen

Zum ersten Mal stellt die Stadt Zürich eine synthetische Eisfläche zur Verfügung. Die Bilanz: Weniger Stürze. Wie kommen aber Profis damit zurecht?

Es ist ganzjährig befahrbar und spart Strom: Das synthetische Eis. (Video: Lea Blum)

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Schlittschuhlaufen ohne Eis – das hätten sich die niederländischen Boten wohl nicht träumen lassen, die vor einem knappen Jahrtausend in Holzschuhen mit Eisenkufen auf den Kanälen Hollands den Adel belieferten. Genauso unvorstellbar mochte diese Idee für all jene Zürcher anmuten, die sich anlässlich der letzten Seegfrörni im Winter 1962/63 auf dem Zürichsee tummelten. Seit vergangenem Samstag ist, was damals undenkbar war, aber Realität: Die Städter sind bis am 28. Februar weder auf kalte Temperaturen noch auf Eis angewiesen, wenn sie ihre Schlittschuhe ausführen wollen.

Das Zürcher Sportamt hat im Sihlhölzli ein 200 Quadratmeter grosses Feld errichtet. Was aus der Ferne wie Eis aussieht, führt den technischen Namen Koterm 500 HMWPE und wird in Slowenien hergestellt. Den weissen Kunststoff geliefert hat die Grüter-Handels AG. Sie ist eine von einer Handvoll Anbietern, die in der Schweiz das Kunststoffeis vertreiben. Und obschon die Nachfrage wächst, stellt Franz Sigrist, Miteigentümer der Luzerner Aktiengesellschaft, klar: «Davon leben kann wohl keiner von uns.» So ist der Eisersatz nur einer der Bodenbeläge, die sein Unternehmen auf dem Markt hat.

Versuch mit dem ZSC

Mit dem Kunstfeld will das Sportamt herausfinden, wie die synthetische Gleitfläche bei der Bevölkerung ankommt. Es reagiert damit auf einen Vorstoss der GLP-Gemeinderäte Martin Luchsinger und Isabel Garcia. Sie verlangten, dass der Stadtrat synthetisches Eis bezüglich seiner energetischen Vorzüge und tieferen Betriebskosten für den Breitensport prüfe. Die Stadt mietet die Puzzle-artigen Platten, die seit Samstag im Sihlfeld liegen, von der Luzerner Firma für 22'000 Franken – Transport, Auf- und Abbau inklusive.

Laut Roland Bächler, Projektverantwortlicher und Leiter des Sportzentrums Heuried, ist dies nicht der erste städtische Test mit diesem Material. «Wir haben mit dem ZSC in Oerlikon bereits einen Feldversuch lanciert.» Aus sportlicher Sicht vermöge der Kunststoff das Eis nicht zu ersetzen, auch wenn seine energetischen Vorteile unumstritten sind. Ihm mangle es im Vergleich zum Eis an Gleiteigenschaft.

Schwierige Umstellung für Routiniers

Sibylle Huber unterrichtet unter anderem für den Eislauf-Club Zürich und hat diesen Herbst bereits auf einem synthetischen Eisfeld Erfahrung gesammelt. Sie weiss: «Eine gute Läuferin gleitet mit einem Abstoss auf dem Eis zwischen 20 und 30 Meter weit. Auf dem Kunststoff fährt sie mit demselben Aufwand aber höchstens zwei Meter.» Viel habe aber auch mit Gewohnheit zu tun. Je routinierter und professioneller ein Läufer den Sport betreibe, desto automatisierter seien seine Bewegungen. «Da ist die Umstellung von echtem auf synthetisches Eis sehr schwierig.»

Das hat eines ihrer Synchroneislaufteams, die Starlight Diamonds, am eigenen Leib erfahren. Sie waren an der Eröffnung des Sportzentrums Burkertsmatt auf dem Mutschellen eingeladen, das seit vergangenem Herbst über eine Bahn mit Kunststoffplatten verfügt. «Die neun Damen zwischen 30 und 65 Jahren hatten zu Beginn derart Mühe, dass sie beinahe wieder zusammenpackten. Glücklicherweise hat es nach einiger Angewöhnungszeit aber doch noch geklappt.» Nichtsdestotrotz findet die Zürcher Trainerin die synthetische Unterlage für die breite Öffentlichkeit eine gute Sache: «Wer echtes Eis nicht kennt, hat auf den Kunststoffplatten sicher ebenfalls viel Spass.»

Keine Option für Dolder Eisbahn

Der Mitorganisator des Anlasses «Schnällscht Zürischlifschue», Wolfgang Stummer, fungiert als Preisrichter im Eiskunstlaufen sowie Eistanzen und schnürt die Schlittschuhe selbst als Eistänzer. «Der kleinere Gleiteffekt des Kunststoffes erfordert von den Athleten mehr Kraft beim Abstossen.» Wie Bächler bezweifelt auch er, dass die Kunststoffplatten das Eis in naher Zukunft ganz ablösen werden. «Anders könnte es aber im Publikumseislauf aussehen. Ein solches Feld dürfte eine gute Ergänzung zur Eisbahn im Dolder darstellen, wo oft ein Grossandrang herrscht.»

Dominic Lanz, Geschäftsführer der Dolder Kunsteisbahn, hat sich mit dem Thema bereits eingehend beschäftigt. Er wirkte bei der Organisation des Zürcher Weihnachtsdorfes auf dem Sechseläuten-Platz mit. «Wir haben für das Eisfeld diese Alternative geprüft – uns aber dagegen entschieden.» Auch hier spielte die Gleiteigenschaft eine Rolle. «Der Widerstand ist darauf 25 bis 30 Prozent höher, was vor allem die Anfänger zu spüren kriegen, die auf diesem Material eher gehen als gleiten.» Die Kunststoff-Alternative kommt laut Lanz in naher Zukunft für die Anlage der Dolder Kunsteisbahn als Eisersatz nicht infrage. «Wir werden aber den Test auf der Bahn im Sihlhölzli mit Interesse mit verfolgen.»

Weniger Stürze auf dem Kunststoff

Für Gleitbelagvertreiber Franz Sigrist ist klar, dass der Kunststoff dem Vergleich mit Eis nicht standhält. «Das ist als würde man Äpfel mit Birnen vergleichen.» Beim Eis fahren die Kufen über eine dünne Wasserschicht, dieser erlaube lange Gleitdistanzen. Anders beim Kunststoffbelag: Dort reibt ein trockenes Eisen direkt auf dem trockenen Material. Der dadurch kleinere Gleiteffekt sei aber nicht nur ein Nachteil. So nutzten namhafte Eissportler das Produkt im Training. «Gerade der grössere Widerstand und der dadurch erforderliche Kraftaufwand haben einen schnelleren Muskelaufbau zur Folge. Das macht die Athleten auf dem Eis schneller und ausdauernder.»

Der Unternehmer hat denn auch nicht den Anspruch, dass sein Produkt dereinst das Eis in den Stadien ersetzen soll. Er versteht es vielmehr als Ergänzung. Gerade wegen der geringeren Gleiteigenschaft stürzten Anfänger oder ungeübte Läufer auf Kunststoff seltener als auf Eis. Er mache also dort Sinn, wo diese Zielgruppen unterwegs seien. Etwa an Weihnachtsmärkten oder auf Feldern, die wie in Montreux oder Oberengstringen im Winter als gesellschaftliche Treffpunkte dienen.

Vorläufer auf Pfingstweidbrache

Bächler vom städtischen Sportamt geht mit Sigrist einig und sieht die Kunststoffplatten vielmehr als Ergänzung zu den Eisflächen, etwa im künftigen Sportzentrum Heuried. «Nach dem Bau der Halle wird nur noch eines der beiden Aussenfelder mit Eis belegt. Denkbar ist, dass wir die freiwerdende Fläche teilweise mit dem Kunststoff auslegen.»

Das städtische Kunststoffeisfeld im Sihlhölzli ist nicht das erste in der Stadt Zürich. Auf einer 80 Quadratmeter grossen Fläche gleiten in der Pfingstweid seit Mitte Dezember und noch bis Ende Januar Hobbyläufer über synthetische Platten derselben Firma. Initiant der kleinen Anlage ist Marco Engesser, Präsident des Vereins Kulturweid. «Das synthetische Eis ist ein ökologischer Kompromiss. Wir können damit auch in warmen Wintern Spass haben.»

Das kleine Eisfeld auf der Pfingstweidbrache in Zürich. (Bild: pd)

Das Feld auf der Pfingstweidbrache sei für wirklich gute Eisläufer aber zu klein: «Bei uns haben vor allem Familien und Anfänger ihren Spass, auch wenn sie die Schlittschuhe selber mitbringen müssen.» Engesser liess es sich nicht nehmen, die synthetische Unterlage selbst zu testen. Sein Fazit: «Zu Beginn kann es sich durchaus harzig anfühlen. Sind die Kufen aber mal warm gelaufen, kommt man auf dem Kunststoff ebenfalls richtig gut vorwärts.»

Das 200 Quadratmeter grosse Kunstfeld im Sihlhölzli ist täglich von 9 bis 21 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist gratis. Das Sportamt bittet die Bevölkerung um Feedback. Dieses kann per Formular übermittelt werden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 09.01.2016, 13:41 Uhr)

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