«Schluss mit der Besatzung»

Jüdinnen und Juden haben heute Mittag auf dem Zürcher Paradeplatz gegen den Krieg in Gaza demonstriert. Sie stellen sich in diesem Konflikt weder auf die Seite Israels noch Palästinas.

Demonstration für den Frieden: Am Paradeplatz werden Plakate in die Luft gereckt.

Demonstration für den Frieden: Am Paradeplatz werden Plakate in die Luft gereckt. Bild: Doris Fanconi

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Wie aus dem Nichts steht plötzlich eine aufgeregte Touristin vor den Demonstranten, die auf dem Paradeplatz stehen. Sie beschimpft die Frauen und Männer, die ein Tuch mit einer Friedensforderung halten. Ihre Stimme wird immer lauter, schriller. Sie schreit die Demonstranten auf Hebräisch an: «Was wisst ihr schon? Jeden Tag höre ich die Raketen, meine Freundin hat ihren Sohn verloren. Schämt euch!» Die Israelin kann sich kaum beruhigen. Sie ist so aufgebracht, weil sie sieht, dass es sich bei den Friedensaktivisten vor allem um Jüdinnen und Juden aus der Schweiz handelt.

Es sind gegen 50 Zürcher Jüdinnen, Juden und ihre Unterstützer, die sich auf dem regnerischen Platz versammelt haben. Zur Kundgebung aufgerufen hat die Bewegung «Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden zwischen Israel und Palästina», ein Verein mit Sitz in Zürich und Partnerorganisationen in der ganzen Welt. Die Forderungen: eine Feuerpause in Gaza, der Abzug der Panzer, Schluss mit Siedlungen auf Palästinensergebiet und Bomben auf die Zivilbevölkerung.

«Alle leiden an diesem Krieg»

Mitorganisatorin Sibylle Elam lässt der Gefühlsausbruch der israelischen Touristin nicht kalt. Für sie ist er ein Zeichen, dass «alle an diesem Krieg leiden». Gerade deshalb sei es so wichtig, für Frieden einzustehen – und sich nicht nur für die eine oder andere Seite einzusetzen. Sie weiss aber auch, dass sie mit ihrer Haltung aneckt, auch in der jüdischen Gemeinde. Gerade auch, weil die Bewegung Jüdische Stimme die israelische Politik und Militäraktion verurteile. Das werde auch als antisemitisch ausgelegt, habe damit aber nichts zu tun. Sie sagt: «Es braucht eine Lösung, es braucht keinen Krieg.»

Der Protest der Friedensbewegung richtet sich ausdrücklich gegen den Krieg, will dem Frieden eine Stimme geben. Hinter der Bewegung stehen Juden aus der Schweiz, die sich solidarisch zeigen wollen mit den «oft überhörten, aber wichtigen Stimmen der Friedens- und Menschenrechtsbewegung in Israel und in Palästina». Die Demonstranten wehren sich auch gegen die antisemitischen Reaktionen, die es im Zusammenhang mit diesem Krieg in Europa und in der Schweiz gibt.

Ihre Kundgebung stösst aber nicht nur auf die wütende Reaktion einer Touristin. Eine Familie aus Dubai lässt sich vor der Friedensfahne fotografieren. Die Mutter sagt: «Wir sind Muslime und wollen alle dasselbe: Frieden.» Sie begrüsst die Forderungen nach einem einvernehmlichen Frieden sehr.

Mehrere Demonstrationen in Zürich

Seit der Krieg in Gaza Ende Juni aufgeflammt ist, haben in Zürich verschiedene Gruppen zu Demonstrationen aufgerufen. Am 18. Juli fand eine Pro-Palästina-Kundgebung statt, an der rund 1000 Männer und Frauen teilnahmen. Sie forderten mit Buhrufen das Ende des Krieges und Freiheit für Palästina.

Im Vorfeld dieser Demonstration kam es zu judenfeindlichen Äusserungen, die nun zu einer Strafanzeige geführt haben. Deshalb wollen Privatpersonen am Donnerstagabend in Zürich eine weitere Kundgebung durchführen, diesmal pro Israel.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 29.07.2014, 12:10 Uhr)

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