Zürich
Schneller Sex unter der Hardbrücke
Von Carmen Roshard. Aktualisiert am 18.02.2010 17 Kommentare
Die Spuren der Nacht: Überall liegen Kondome. (Bild: Dominique Meienberg)
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Die Parkfelder unter der Hardbrücke neben dem Wipkingerplatz sind übersät mit gebrauchten Präservativen, als hätte ein Lieferwagen eine ganze Ladung ausgekippt. Freier fahren mit ihren Prostituierten vom Strassenstrich am Sihlquai über die Wipkingerbrücke ins Quartier. Dort suchen sie sich ein düsteres Plätzchen für den schnellen Sex, denn im Auto ists am billigsten – und obendrein erlaubt.
Die Umgebung des Wipkingerplatzes macht den Quartierbewohnern schon lange Sorgen. Vor allem den versifften Parkplatz unter der Hardbrücke – zwischen Coop und ehemaliger Post – empfinden sie als Zumutung. Nicht nur, weil dort neuerdings Geschlechtsverkehr auf Bezahlung praktiziert wird. Am besagten Ort erledigen viele Autofahrer schon seit Jahren hemmungslos ihre Notdurft, dass es zum Himmel stinkt. Nun schirmen Baucontainer, welche wegen der Hardbrücke-Sanierung dort installiert sind, die Freier auf dem Autostrich ab.
Das jüngste Problem unter der Hardbrücke sei der Stadt bekannt, sagt Pressesprecherin Christine Stücheli vom Sozialdepartement. Man nehme sich der Sache an. Was das heisst, will sie nicht sagen.
Kondome auf Kinderspielplatz
Käuflicher Sex in Wipkingen hat auch vis-à -vis auf dem Parkplatz der städtischen Schule SHL Viventa an der Breitensteinstrasse Hochkonjunktur. Täglich entsorgt das Reinigungspersonal dort benutzte Kondome. Weiter flussabwärts nimmt das Treiben seinen Fortgang. Der Parkplatz neben der Fabrik am Wasser wird nachts ebenso häufig von Freiern und Prostituierten heimgesucht. Am Morgen danach bedecken Kondome und zerknüllte Papiertüchlein sogar den angrenzenden Kinderspielplatz. Besonders unappetitlich präsentiere sich die Lage an den Wochenenden, sagt SVP-Gemeinderat und Anwohner Rolf Stucker. Quartierbewohner hätten ihm zugetragen, dass der gewerbsmässige Sex im Auto neu überdies auch auf dem Parkplatz des Restaurants Freihof am Tobeleggweg Richtung Höngg hinauf gang und gäbe sei.
Rolf Vieli, der als Rotlicht-Verantwortlicher der Stadt die Strassenprostitution beobachtet und wenn nötig eingreift, ist sich bewusst: «Natürlich versuchen wir, wenn wir davon Kenntnis haben, solche Szenen sofort zu unterbinden. Denn wenn sich eine Szene einmal etabliert hat, wird es sehr schwierig, diese wieder aufzulösen.» Mit dem gewerbsmässigen Sex im Auto sei es schwierig, denn dieser lässt sich nicht regeln. Im Gegensatz dazu ist der Strassenstrich nur in bestimmten Gegenden gemäss städtischem Strichplan zugelassen ist. Auf privatem Grund können die Freier weggeschickt werden. Wie zum Beispiel auf dem Parkplatz beim Fabrikatelier am Wasser. Dort patrouillieren seit letztem Dezember Securitas, die mit Taschenlampen zu unregelmässigen Zeiten in die geparkten Wagen leuchten. Und manch ein Freier lässt sich davon abschrecken.
«Wir sind nicht gegen Prostitution», sagt Vieli, «sie soll aber die Quartierbevölkerung nicht belasten.» Das Problem sieht er aber an einem anderen Ort: «Das Quartier als Kern einer Stadt, in der man lebt, wird von der Öffentlichkeit nicht mehr wahrgenommen.» Leute in der Stadt müssten einfach alles ertragen. «Wenn ein Mann den schnellen Kick will, sind ihm das Quartier und seine Bevölkerung so ziemlich egal.»
Nachfrage nach dunklen Orten
Sowohl Rolf Vieli als auch SVP-Gemeinderat Rolf Stucker sind sich einig: «Es sind vor allem Frauen aus Ungarn, die in die Quartiere ausweichen.» Sie sollen auf dem Strassenstrich sehr aggressiv werben und mit ihren ungarischen Zuhältern Angst und Schrecken unter den Sexdienerinnen verbreiten. Mehr Prostituierte und mehr Freier bedeutet eben auch eine grössere Nachfrage nach dunklen Örtchen.
Für eine Dauerpräsenz am Sihlquai und in den betroffenen Quartieren habe die Polizei schlichtweg keine freien Kapazitäten. «Auch wenn wir immer vor Ort wären, würde es nichts nützen», so Vieli. Dann würden die Freier ihr Geschäft einfach anderswo erledigen.
«Der Wipkingerplatz, einst Paradeplatz von Wipkingen genannt, ist heute nur noch ein Dreckplatz», ärgert sich Quartiervereinspräsident Beni Weder. Für ihn ist klar, dass «die ganze Schweinerei» auch mit der Bauerei an der Hardbrücke zu tun hat. Er sieht die Sache mit dem Autostrich pragmatisch: «Ich bin für Sofortmassnahmen: grelles Licht und ein Robidog-Kübel.» Die Stadt habe dem Quartier eine Erneuerung des Wipkingerplatzes im Zuge der Tramgeleisesanierung 2012 versprochen. Glauben tut es der Quartiervereinspräsident erst, wenn es vollbracht ist. «Uns ist schon so viel versprochen worden – ich glaube nur noch, was ich sehe.»
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 18.02.2010, 04:00 Uhr
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