Zürich
Schon Zwingli blätterte in dieser Bibel
Titelbild der Bibel mit Holzschnitten
von Hans Holbein. (Bild: PD)
Infobox
Die Froschauer Bibel ist erstmals 1531 beim Zürcher Buchdrucker Froschauer erschienen. Am deutschen Text waren Ulrich Zwingli und Leo Jud (Pfarrer von St. Peter) massgeblich beteiligt. Die prachtvolle Bibel enthält zahlreiche aufwendige Holzschnitte von Hans Holbein, in wenigen Ausgaben wurden diese nachträglich handkoloriert. Die Erstausgabe erschien in einer Auflage von 3000 Stück, welche offenbar schnell vergriffen waren. Bei der Restauration des Grossmünster-Exemplars stellte sich nämlich heraus, dass dieses möglicherweise bereits einer zweiten Auflage angehört.
Restaurator Markus Keller zeigt sich sehr beeindruckt von der Qualität der kolorierten Abbildungen. Er attestiert ihnen eine geradezu verblüffende Dreidimensionalität. Weltweit sind noch drei Exemplare einer kolorierten Froschauer Bibel von 1531 bekannt: je eines in Kanada und den USA – und dasjenige im Grossmünster. Die Froschauer Bibel kostete, als sie neu herauskam, umgerechnet etwa ein Viertel des Monatslohns eines Pfarrers, wenn sie nicht koloriert war, koloriert das Doppelte. Ein Pfarrer verdiente etwa dreimal so viel wie ein Handwerker.
Die heute in den deutschsprachigen reformierten Kirchen gebräuchliche Zürcher Bibel basiert auf der Froschauer Bibel. Sie zeichnet sich durch eine grosse Nähe zum Urtext aus.(net)
Die Ausstellung
Die Ausstellung dauert bis Juli 2011; Eröffnung und Vernissage des Begleitbandes: Sa, 26. März, 11 Uhr; Festgottesdienst im Grossmünster: So, 27. März, 10 Uhr.
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Das Buch lag seit ewigen Zeiten in der Sakristei des Grossmünsters. Der Deckel abgegriffen, die Ränder ausgefranst, weitgehend unbeachtet. Bis der Grossmünster-Pfarrer Christoph Sigrist von einem Antiquitätenhändler eine Ausgabe einer Froschauer-Bibel (siehe Zweittext unten) angeboten bekam. Für ein Heidengeld. Da erinnerte Sigrist sich, ein ähnliches Exemplar unter den Bibeln in der Sakristei gesehen zu haben. Er zeigte es dem Händler und einem Experten der Zentralbibliothek Zürich, und die machten grosse Augen. Das sei eine von noch drei bekannten Erstausgaben aus dem Jahr 1531, in denen Hans Holbeins Holzschnitte nachträglich handkoloriert wurden. Gut restauriert, sei das ein wahrer Schatz, erklärten die Fachleute.
Glück für Christoph Sigrist, Pech für den Antiquitätenhändler, dessen Ausgabe nicht farbig und weit weniger einzigartig war. Der bibliophile Pfarrer aber konnte der Kirchenpflege für weniger Geld etwas viel Wertvolleres anbieten. Diese schlug dann auch ein. Die vergessene Froschauer-Bibel wurde restauriert. Sigrist sagt lächelnd: «Diese Geschichte passt doch wunderbar zum Evangelium, das uns gratis und franko unglaublich viel schenkt.»
Virtuell schmökern möglich
Das Winterthurer Atelier Markus und Barbara Keller arbeitete ein halbes Jahr an der Froschauer-Bibel, die Restauration kostet rund 25 000 Franken, viel weniger als der Ankauf der «neuen» Froschauer-Bibel aus dem Antiquariat. Die Prachtbibel ist in der jetzigen Form zweifellos ein wichtiges Kulturgut für die Kirchengeschichte und wird ab morgen Samstag im Chor des Grossmünsters in einer Vitrine ausgestellt. Zudem haben Mitarbeiter der Zentralbibliothek die rund 1400 grossformatigen Seiten eingescannt und eine Computeranimation erstellt, die ermöglicht, dass man nun in dem reich bebilderten Buch virtuell schmökern kann.
Dass diese Ausgabe der Froschauer- Bibel im Chor des Grossmünsters aufliegt, macht gleich mehrfach Geschichte lebendig. Zum einen zeigen Studien von Christoph Sigrist, dass die Übersetzung dieser ersten Zürcher Bibel genau an diesem Ort, im Grossmünster-Chor, entstanden ist. Hier haben einst Zwingli und sein Freund Leo Jud intensiv darum gerungen, wie der ursprünglich hebräische und griechische Text in Volkes Munde tönen soll. Zudem ist davon auszugehen, dass Ulrich Zwingli selbst in dieser Bibel geblättert hat. Das Werk kam im Mai 1531 heraus – Zwingli starb am 11. Oktober in der zweiten Schlacht bei Kappel.
Apfelkern statt Wurstzipfel
Und wenn der Restaurator Markus Keller im Begleitbuch zur Ausstellung schreibt, dass manche Flecken so anmuten, «als hätten frühere Leser nicht selten Speis und Trank während der Lektüre genossen», erscheint unvermittelt das Bild von Zwinglis fastenbrecherischem Wurstschmaus vor Augen, der in der Stube des Druckers Christoph Froschauer stattfand. Das Wurstessen, das landläufig als Ausbruch der Zürcher Reformation bezeichnet wird, fand allerdings bereits 1522 statt. Und Restaurator Keller hat keine Wurstzipfel, sondern einen Apfelkern in dem hier besprochenen Exemplar gefunden.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 25.03.2011, 22:40 Uhr
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