Schweizerdeutsch bürgert sich ein

Im Zürcher Gemeinderat reden die Mitglieder Dialekt. Hochdeutsch wird nur ausnahmsweise gesprochen. Daran soll sich nichts ändern.

Schweizerdeutsch bleibt die Amtssprache: Zürcher Gemeinderat. Foto: Reto Oeschger

Schweizerdeutsch bleibt die Amtssprache: Zürcher Gemeinderat. Foto: Reto Oeschger

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In der letzten Gemeinderats­debatte am vergangenen Mittwoch trugen die Ratsmitglieder ihre Voten ausnahmsweise auf Hochdeutsch vor. Der Grund für den Wechsel von Mundart auf Schriftsprache sass auf der Zuschauertribühne – eine Integrationsklasse. Kurz nachdem die Schüler die Tribühne wieder verlassen hatten, sagte Ratspräsidentin Dorothea Frei (SP): «Ich glaube, wir können wieder Schweizerdeutsch sprechen.» Erleichterung machte sich breit.

Früher wurde im Stadtparlament Hochdeutsch gesprochen. Dies änderte sich vor etwas mehr als 30 Jahren. «Mitte der 70er-Jahre sprachen Parteien wie die Poch oder die PdA vermehrt Mundart im Rat», sagt Sabrina Baumgartner von den Parlamentsdiensten. Mit der Zeit seien auch andere Parteien dazu übergegangen, und das Schweizerdeutsch bürgerte sich ein. Niklaus Scherr (AL) sitzt seit 1978 im Gemeinderat und hat den Wandel miterlebt. «Ich und ein paar SP-Mitglieder waren die wenigen, die Mundart sprachen.» Deshalb sei er damals auch gerügt worden. Scherr sieht keinen Notwendigkeit, die Debatten auf Hochdeutsch zu führen. Im Gegensatz zum Kantonsrat, der in seiner Geschäftsordnung Hochdeutsch für die Debatte vorschreibt, kennt der Gemeinderat keine solchen Regeln. Für eine Regeländerung bräuchte es einen Antrag. Über das Thema werde zwar immer wieder mal diskutiert, doch einen Fürsprecher hat das Hochdeutsch nicht, sagt SP-Fraktionschefin Min Li Marti. «Ein solcher Antrag würde hochkant abgelehnt.» Marti ist überzeugt, dass dank Mundart die Debatten lebendiger und spontaner sind. Im Kantonsrat seien diese manchmal sterbenslangweilig, was sicher auf die Hochdeutsch-Pflicht zurückzuführen sei.

Lebendige Debatten auf Mundart

Gegen eine entsprechende Änderung in der Geschäftsordnung des Gemeinderats würde er sich mit Händen und Füssen wehren, sagt SVP-Fraktionschef Mauro Tuena. Auch Tuena ist sich sicher, dass wegen der Mundart die Debatten lebendiger sind als im Kantonsrat. Schliesst der Rat dadurch nicht Besucher auf der Tribühne aus, die Mundart nicht verstehen? «Nein», sagt Tuena. Er sei seit 16 Jahren im Büro des Gemeinderates, das den Ratsbetrieb organisiert, und er habe diesbezüglich noch nie eine Reklamation erhalten. Falls sich trotzdem jemand beschweren würde, müsste man die Sache natürlich prüfen. Die ehemalige National- und Kantonsrätin Katharina Prelicz-Huber (Grüne), die neu im Gemeinderat sitzt, schätzt die Debatten auf Mundart. «Ich finde, in ihnen steckt mehr Authentizität.» Über die mit Helvetismen gespickten Reden im Nationalrat musste sie manchmal schmunzeln. Im Gemeinderat notieren gewisse Mitglieder ihre Reden auf Deutsch und übersetzen sie direkt ins Schweizerdeutsche, was zuweilen auch etwas seltsam klingt.

Mit Übersetzungen in die umgekehrte Richtung beschäftigen sich die Rats­angestellten, die aus dem schweizerdeutschen Audioprotokoll ein deutsches Protokoll erstellen müssen. Als diese Regelung vor ein paar Jahren eingeführt wurde, habe es anfänglich Probleme gegeben, sagt Mauro Tuena. Doch seither laufe alles bestens.

Vorurteile gegen Deutsche

Eine Studie der Universität Leipzig hat sich mit dem Verhältnis Dialekt - Hochdeutsch beschäftigt. Die Abneigung der Schweizer gegenüber der Schriftsprache sehen die Studienverfasser begründet in einem «schwer zu entwirrenden Bündel von Ängsten, Antipathien und Vorurteilen gegenüber den Menschen aus dem ‹grossen Kanton›, wie Deutschland manchmal verräterisch scherzhaft genannt werde». Die Studie folgert, dass die Schule viel zur negativen Einstellung zum Hochdeutschen beiträgt, weil diese als Lern- und Prüfungssprache wahrgenommen wird. Dialekt hingegen gelte als Sprache der Freizeit, der Gefühle, als nicht normierte Sprache. Peter Rütsche, Dozent für Deutsch und Linguistik, sieht in der andauernden Verschiebung im Verhältnis von Dialekt und Hochsprache «politischen Zündstoff». Viele Deutschschweizer betrachteten Hochdeutsch als «importierte» Sprachform, als Fremdsprache. In Umfragen beurteilten Schweizer – darunter auch sehr gut ausgebildete – die eigenen Hochdeutschkompetenzen mehrheitlich als eher bescheiden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.06.2014, 02:27 Uhr

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