Schwere Vorwürfe gegen Umarmerin Amma

Die indische Guru-Frau, die regelmässig in Winterthur auftritt, soll Mitarbeiter schlagen und ein Vermögen horten. Das Buch einer Ex-Mitarbeiterin hat es in sich.

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Amma galt bisher als Ikone unter den spirituellen indischen Meistern. Ihre Anhänger bezeichnen sie gern als Heilige, viele verehren sie als Göttin. Ihr Markenzeichen: Sie umarmt fast täglich Anhänger zu Tausenden auf der ganzen Welt. Inzwischen sollen es 33 Millionen sein, denen sie auf diese Weise göttliche Energie zugeführt haben will. Die Amma-Szene in der Schweiz führt in Flaach ein Zentrum, ihre Meisterin tritt regelmässig in der Eulachhalle in Winterthur auf. Jedes Jahr pilgern Tausende zu ihr und hoffen, ein höheres Bewusstsein zu erlangen.

Jahrzehntelang schien die heilige Umarmerin, die im indischen Bundesstaat Kerala Sozialwerke aufbaute, unantastbar. Doch nun verliert ihr Heiligenschein an Glanz. Ein Buch kratzt am Mythos der sanften und gütigen Guru-Frau und führt die Leser hinter die Kulissen des riesigen spirituellen Imperiums von Mata Amritanandamayi, genannt Amma, Mutter. Nun herrscht Aufruhr in der Szene, denn die Autorin war eine von ihnen, sogar eine Kultfigur: Die Australierin Gail Tredwell alias Gayatri war rund 20 Jahre lang die rechte Hand von Amma und stets an ihrer Seite, also die intimste Kennerin der spirituellen Meisterin.

Der Titel des Buches ist Programm: «Holy Hell», «heilige Hölle», nennt Tredwell den Ashram von Amma. Auf 320 Seiten zeichnet die Autorin ihre Geschichte nach und thematisiert freimütig, dass sie Amma jahrelang naiv verehrt und geholfen habe, als Geheimnisträgerin Ungereimtheiten und Widersprüche zu vertuschen.

Aggressive Meisterin

Nach ihrer Befreiung lichtete sich der Schleier der Verklärung. Sie brauchte allerdings ein paar Jahre, bis sie die Zeit bei Amma verdaut hatte und begann, die Erlebnisse aufzuschreiben. Es dauerte nochmals fünf Jahre, bis sie das Buch formuliert hatte. Ihre Erfahrungen liegen also weit zurück, doch ihre Vorwürfe haben grundsätzlichen Charakter. Diese werfen nun hohe Wellen in der weltweiten spirituellen Szene.

Tredwell vermittelt das Bild von einer autoritären, gelegentlich aggressiven Frau, die auch mal ihre engsten Mitarbeiter körperlich malträtierte. Sie selbst sei bei Wutausbrüchen wegen Kleinigkeiten geschlagen, blutig gekratzt und gebissen worden. Weit mehr als die Schläge hatten Tredwell, die von Amma zur spirituellen Meisterin Swamini Amritaprana ernannt worden war, der emotionale Missbrauch geschmerzt.

Tredwell kratzt auch am Mythos, Amma habe als göttliche Inkarnation ein züchtiges Leben geführt, wie sie selbst betone. Sie habe heimlich Sex mit mehreren ihrer engsten Swamis gehabt, obwohl diese Mönche ebenfalls behaupteten, zölibatär zu leben, heisst es im Buch. Tredwell, die unmittelbar neben Ammas Zimmer wohnte, habe die Swamis nachts kommen und gehen sehen. Ausserdem habe sie klare Indizien für Ammas Liebesleben gefunden. Ein Liebhaber habe es ihr auch gestanden.

Sexuelle Übergriffe

Die Autorin beschuldigt auch den höchsten Swami von Amma, den Tredwell namentlich nennt, des sexuellen Missbrauchs. Er habe sie mehrfach «unter den Augen von Amma» vergewaltigt, und zwar «direkt neben ihrem Bett, während sie schlief – jedenfalls in ihrer göttlichen und heiligen Stätte und unter ihrem allwissenden Schutz». Bevor sie wahrgenommen habe, was mit ihr passiere, sei es schon geschehen, heisst es im Buch. Tredwell wagte nicht, Amma davon zu erzählen.

An eine Strafanzeige dachte sie schon gar nicht, weil sie sonst den Ruf des heiligen Ashrams gefährdet hätte. Ihre Überlegung: «Wenn es je ans Tageslicht käme, wäre ich diejenige, die darunter leiden müsste», schreibt sie. Denn in Indien herrsche die Vorstellung, westliche Frauen besässen wenig Moral. «Ich hatte Angst, aus dem Ashram geworfen zu werden oder Amma nicht mehr dienen zu dürfen.» Dabei litt sie nicht nur seelisch, sondern auch körperlich: Eines Nachts habe sie der Swami geschlagen.

Gail Tredwell vermutet, dass Amma die Übergriffe mitbekommen hat. Als allwissende Inkarnation der göttlichen Mutter hätte sie es erahnen müssen. Solche Erfahrungen nährten Tredwells Zweifel an Ammas göttlicher Inspiration. Zumal sie zwei Jahrzehnte lang an sieben Tagen pro Woche rund um die Uhr der heiligen Umarmerin unentgeltlich gedient und dabei ihre Gesundheit aufs Spiel gesetzt habe. So wie viele andere Anhänger, die teils auch ihr Vermögen einbrachten. «Ich war viele Jahre ihr Maultier», resümiert Tredwell.

Geld in Kühlbox versteckt

Die Autorin ramponiert auch den Ruf von Amma als bescheidene und selbstlose Heilige. Geld und Goldschmuck habe sie wie ein Magnet angezogen, und ihre Schatztruhe sei stets übergequollen, schreibt Tredwell. Die engsten Mitarbeiter hätten im Ausland mit Spendengeldern gekauften Goldschmuck unter ihren Mönchskleidern nach Indien geschmuggelt. Die Wertgegenstände seien der neunköpfigen Familie von Amma übergeben worden, die sagenhaft reich sei. Tredwell beschreibt weiter, wie sie Schmuck und grosse Geldsummen vom Ashram zur Familie von Amma bringen musste – versteckt in einer Kühlbox.

100 Millionen auf Konten

Amma sei auch parteiisch gewesen. Reiche und grosszügige Spender, die 100'000 Dollar abgeliefert hätten, habe sie bevorzugt behandelt und ihnen den roten Teppich ausgerollt, schreibt die Australierin. Alle glaubten, das Geld würde für soziale Werke verwendet, doch viele Spenden seien direkt an Ammas neunköpfige Familie geflossen.

Trifft diese Aussage zu, stellen sich grundsätzliche Fragen zur Verwaltung der Spendenströme, die im Lauf der Jahre zu einer Flut von Hunderten Millionen Franken angewachsen sind. Schon beim letzten Besuch von Amma in Winterthur im vergangenen Oktober deckte der «Tages-Anzeiger» auf, dass Amma knapp zwei Drittel der Spenden der letzten sechs Jahre, also gut 100 Millionen Franken, auf Bankkonten hortet. Während sie unermüdlich ihre Anhänger umarmte, erklärte die 60-jährige Inderin dem TA, das Geld sei als Reserve gedacht, denn sie wisse nicht, wie lang sie die spendenträchtigen Umarmungstouren noch durchführen könne.

Amma-Anhänger wehren sich

Seit der Publikation von «Heilige Hölle» ist in Ammas Ashram die Hölle los. Auf Internetforen greifen Amma-Anhänger und mehrere Swamis Tredwell frontal an und stellen sämtliche kritische Informationen grundsätzlich in Abrede. Sie zweifeln die psychische Gesundheit der Autorin an oder vermuten, sie leide unter Wahrnehmungsverschiebungen und Realitätsverlust. Als Kleinkind sei Tredwell traumatisiert worden und leide unter dem Syndrom der «falschen Erinnerungen». Weiter wird ihr vorgeworfen, sie sei verwirrt und von Hass zerfressen. Sie habe das Skandalbuch geschrieben, um reich zu werden.

Ammas Leute wehren sich konsequent. Dies erlebte auch die schweizerische Esoterikzeitschrift «Spuren», die auf ihrer Website ein Interview mit Gail Tredwell publizierte. Nach einer Klageandrohung nahm die Zeitschrift den Text wieder vom Netz. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 03.02.2014, 06:30 Uhr)

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Reaktion von Amma

Alles falsch
Als der TA Fragen zum Buch bei der Amma-Administration einreichte, meldete sich ein Anwalt aus den USA. Er habe Beweise dafür, dass die Anschuldigungen im Buch falsch seien. Weiter engagierte Amma einen deutschen Anwalt, der den TA warnte, falsche Anschuldigungen zu verbreiten. Wörtlich schrieb er: «Rein vorsorglich teilen wir Ihnen mit, dass nach bisherigem Prüfungsstand unserer Mandanten feststeht, dass es angebliche Vorfälle wie sexuelle Kontakte unserer Mandantin Amma mit Swamis, einen Missbrauch von Spenden bzw. Spendengeldern sowie angebliche Gewaltanwendungen von Amma gegenüber ihren Assistenten/innen tatsächlich niemals gegeben hat. Konkret haben weder engste Mitarbeiter von Amma mit Spendengeldern Goldschmuck gekauft, nach Indien geschmuggelt und ihren Familien übergeben, noch war oder ist unsere Mandantin Amma oft unbeherrscht und schlägt ihre Mitarbeiter, noch hat unsere Mandantin sexuelle Kontakte mit einem oder mehreren Swamis unterhalten. Sollten Sie diesbezügliche Vorwürfe, die Frau Tredwell offensichtlich erhebt, ohne diese beweisen zu können, in Ihrem Bericht verbreiten, ohne sich nicht ausdrücklich und deutlich hiervon zu distanzieren, so wären solche Äußerungen als unwahre Tatsachenbehauptungen unzulässig und könnten rechtlich verboten werden.»

Als sich Hugo Stamm 2010 von Amma umarmen liess.

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