Selbst die Knochensäge begeistert Freuler

Zürichs Museumsnacht brachte Licht an einen Ort, an dem stets Nacht ist: Franz Freuler zeigte mit Leidenschaft sein Zivilschutz-Museum.

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Die Luft riecht abgestanden wie die Vergangenheit, man steigt strenge Treppen hinunter und windet sich durch die Gänge, die Räume haben keine Fenster, die Betondecke hängt tief. Auch sonst kann man nicht behaupten, das Zivilschutz-Museum könne es mit den anderen Museen von Zürich aufnehmen. Es ist nicht in einem Schloss untergebracht, an den Wänden hängen keine Impressionisten, es gibt keine Kostbarkeiten zu sehen, dazu liegt es noch unter der Erde. Schon der Eingang in Zürich-Wipkingen, unter dem Landenberg-Park an der Habsburgstrasse, wäre leicht zu übersehen.

Bomben auf die Schweiz

Der dreistöckige Rundbunker mit einem Durchmesser von 25 Metern war 1941 als unterirdisches Spital und Unterkunft für Luftschutztruppen gebaut worden, während des Kalten Krieges diente er als Kommandoposten. Der Bunker bot auf 1500 Quadratmetern 100 Patienten Schutz und war mit einem Operationssaal für die Zivilbevölkerung ausgestattet, spielte aber im Zweiten Weltkrieg keine grosse Rolle. Dabei wurde in der Schweiz über 7000-mal Fliegeralarm ausgelöst, gegen 300 Bomben fielen auf das Land, es kam zu Grossbränden, es starben 84 Menschen. Der Bundesrat hatte Rationierung und Verdunkelung verordnet, auf der Sechseläutenwiese wurden Kartoffeln gezogen. Auch davon erzählt das Zivilschutz-Museum, wovon es weltweit nur noch vier andere gibt: drei in Europa, eines in den USA.

Unüberhörbare Leidenschaft

Wie ungünstig der Vergleich mit den vielen Museen der Stadt auch ausfallen mag: Dem Direktor des Zivilschutz-Museums hat man es vergessen zu sagen. Denn Franz Freuler, «Baujahr 1944», wie er von sich sagt, führt sein Publikum während der Zürcher Museumsnacht mit Leidenschaft durch seine Anlage. Der Museumsdirektor arbeitete bis zu seiner Pensionierung als Zürcher Zivilschutz-Kommandant und war früher Ausbildungschef, was man ihm anhört. Anschaulich erläutert er die Geräte, erklärt die Lüftung mit ihren riesigen Rohren, zeigt die Kochgelegenheiten und die Schlafplätze. Das Material sieht umständlich aus, aber formschön, das meiste ist aus Glas, Metall, Holz oder Email. «Schauen Sie einmal diese wunderbare Knochensäge», ruft Freuler im Operationssaal aus, weist auf die Schautafeln und Vitrinen, alles kommt ihm grossartig vor.

«Hätten die Leute länger hier bleiben müssen», räumt er ein, «hätte es wohl einige Probleme gegeben.» Aus internationalen Untersuchungen wisse man aber, «dass der Mensch weit mehr aushält, als er selber denkt – vor allem wenn die Gefahr draussen noch viel grösser ist.»

In die Anlage verliebt

Der Mann gleicht ein wenig seinem Museum: Er ist klein, gut gealtert, solid gebaut und für alle da, die hierherkommen. Sein Enthusiasmus mag im Widerspruch zur Düsterkeit der unterirdischen Anlage stehen, ergreift aber bald das Publikum und sorgt immer wieder für Gelächter. Er habe sich in die Anlage verliebt, gesteht er, «und ich dachte, so etwas muss man doch den Leuten zeigen». Weshalb sich Freuler dafür einsetzte, dass sie wiederhergestellt, mit Ausstellungsstücken aus anderen Zivilschutzbunkern aufgerüstet und vor einem Jahr als Museum eröffnet wurde.

Obwohl ein Krieg nicht von heute auf morgen ausbreche und der Zivilschutz andere Aufgaben wahrnehme, sagt er, bleibe die Schweiz für den Ernstfall gerüstet. Auch Zürich verfüge über Schutzräume für 90 Prozent seiner Bevölkerung, «und wenn man sich schmal macht, hat es Platz für alle.» Wer Glück hat, stösst in seinem Schutzraum auf den Direktor des Zivilschutz-Museums. Für Unterhaltung wäre damit gesorgt. Auch ohne Fenster, auch ohne Impressionisten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.09.2008, 07:42 Uhr

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