Sexboxen: 52,6 Prozent Ja, Anwohner dagegen

Das Nein aus Altstetten war chancenlos: Zürich wird als erste Stadt der Schweiz Sexboxen für den Strassenstrich bauen.

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Dreimal Nein und neunmal Ja: 52,6 Prozent der Zürcher sind für die Sexboxen.


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Im Industriequartier von Zürich-Altstetten werden Sexboxen errichtet. Das Stadtzürcher Stimmvolk hat am Sonntag den 2,4-Millionen-Kredit für den Strichplatz mit 46'545 Ja- zu 41'883 Nein-Stimmen angenommen. Die Stimmbeteiligung lag bei 41,8 Prozent.

Der Strichplatz entsteht auf einer stadteigenen Brache in Zürich- Altstetten. Der am Sonntag bewilligte Objektkredit beträgt knapp 2,4 Millionen Franken, davon sind eine halbe Million für die Altlastensanierung des Areals vorgesehen. Dazu kommt noch eine Jahresmiete von 92'500 Franken.

Auf zehn Jahre beschränkt

Erstellt werden auf dem Areal zehn garagenähnliche, offene Boxen. Die Freier können dort mit dem Auto hineinfahren und die sexuelle Dienstleistung beziehen. Zudem gibt es auf dem Areal eine Betreuungsstelle für Prostituierte sowie Toiletten. Langfristig soll auf dem Areal ein Tramdepot errichtet werden. Die Nutzung als Strichplatz ist denn auch auf zehn Jahre beschränkt.

Die Stadtzürcher Stimmberechtigten bewilligten den Strichplatz mit 52,6 Prozent Ja-Stimmen. Sechs Wahlkreise sagten Ja, drei Nein. Eine deutliche Abfuhr erlitt die Vorlage im betroffenen Quartier Altstetten mit 64,0 Prozent Nein-Stimmen. Am meisten Zuspruch erhielt sie mit 65,3 Prozent Ja-Stimmen im Wahlkreis 4/5, wo sich der Sihlquai-Strassenstrich befindet.

Stadt erleichtert über Resultat

Sozialvorsteher Martin Waser (SP) zeigte sich am Sonntag erleichtert über das Ergebnis: «Das Resultat war knapp, aber klar», sagte Waser vor den Medien. Die Stadt nehme aber zur Kenntnis, dass es in der Bevölkerung eine grosse Skepsis gebe.

Der Strichplatz wird gemäss Waser sicher nicht in diesem Sommer eröffnet. Noch sind nämlich drei Rekurse gegen die Baubewilligung hängig. Waser hofft, dass die Gerichte im Laufe diesen Jahres entscheiden. Schlimmstenfalls könne es jedoch auch länger dauern. Polizeivorsteher Daniel Leupi (Grüne) ist aber zuversichtlich, dass die Stadt Recht bekommen wird, wie er sagte.

550'000 Franken Zusatzkosten

Gemäss Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) gibt es keine Garantie, dass der Strichplatz funktionieren werde. Es sei aber eine Lösung für den Strassenstrich am Sihlquai. Die Stadt werde alles daran setzen, gute Rahmenbedingungen zu schaffen. So wird etwa eine Begleitgruppe die Erfahrungen auswerten.

Betreiberin des Strichplatzes ist das Sozialdepartement, es mietet den Platz vom Finanzdepartement. Insgesamt rechnet der Stadtrat mit jährlichen Zusatzkosten von rund 550'00 Franken. Diesem Mehraufwand stehen Kosten in unbekannter Höhe gegenüber, die nach Schliessung des Strassenstrichs am Sihlquai wegfallen.

Referendum der SVP

Das Stadtparlament hatte das Projekt im vergangenen September mit 74 zu 30 Stimmen gutgeheissen. Die SVP ergriff dagegen das Referendum und erzwang damit die Volksabstimmung. Der Partei war das Projekt zu teuer. Prostitution sei eine private Angelegenheit, für die keine öffentlichen Gelder aufgewendet werden sollten.

Die SVP wertet das Abstimmungsergebnis vor allem als ein Nein zu den unhaltbaren Zustände am Sihlquai, wie SVP-Gemeinderat Sven Dogwiler auf Anfrage sagte. Das Resultat zeige, dass die Bevölkerung der Stadt Zürich nicht hundertprozentig hinter dem Strichplatz- Projekt stehe.

Premiere in der Schweiz

Mit dem Strichplatz will die Stadt Zürich der problematischen Situation in der Stadt entgegenwirken. Schlagzeilen machte in den letzten Jahren vor allem die Strassenprostitution am Sihlquai im Kreis 5. Mit der Eröffnung des Strichplatzes wird dieser Strich geschlossen, andere Strichzonen werden deutlich reduziert.

Für die Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ) ist wichtig, dass diese anderen Strichzonen unbedingt weiter bestehen, wie Doro Winkler vom FIZ auf Anfrage sagte. Der Strichplatz sei nicht für alle Frauen der richtige Ort. Das FIZ begrüsst aber, dass die Bevölkerung die Vorlage angenommen hat.

In der Schweiz ist es das erste solche Angebot. Erfahrungen mit Sexboxen haben holländische und deutsche Städte, darunter Utrecht, Essen und Köln. Polizeivorsteher Leupi hatte sich in diesen Städten vorgängig umgesehen. Nach Ansicht der Zürcher Stadtregierung funktionieren die dortigen Strichplätze gut.

(lcv/sda)

(Erstellt: 11.03.2012, 12:27 Uhr)

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Der neue Strichplan

Der neue Strichplan Der Stadtrat von Zürich hat ein Massnahmenpaket zur Prostitution in Zürich präsentiert. Neu werden Verrichtungsboxen eingeführt.

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