Zürich
Sexboxen in Altstetten: Die Freier haben Angst, erkannt zu werden
Von Stefan Häne. Aktualisiert am 13.02.2012 37 Kommentare
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Plötzlich rumpelt es. Der Blick krallt sich am blauen WC-Häuschen fest. Die Tür öffnet sich, und ein Mann tritt nach draussen. Eilends entschwindet er. Wenig später folgt eine Frau. Beim Vorübergehen bleibt sie stehen. Mädchenhaft ist ihr Blick – die Frage nicht: «Ficken, blasen?» Kopfschütteln. Gegenfrage. Nein, antwortet sie. Von der Abstimmung am 11. März weiss sie nichts. Sie arbeitet dort, wo sie Geld verdient, gibt sie zu verstehen – ihre Kollegin nickt. «Ich muss. Und hier besser als nach Hause», sagt sie in gebrochenem Deutsch. Sie meint Rumänien, ihre Heimat. Noch keine Woche sind die zwei Frauen hier.
Sex im Freien trotz Eiseskälte
Es ist nach Mitternacht. Unter der Kornhausbrücke warten einige Frauen auf Kundschaft. Und die Männer kommen. Von weit her, die Autoschilder verraten es: Zug, Schwyz, Aargau, Solothurn, Deutschland. Die meisten halten am Strassenrand und laden eine Frau ein. Wenige parkieren unter der Brücke oder entlang des Strichs in Richtung Hauptbahnhof. Trotz klirrender Kälte sind sie offenbar heiss genug für Sex im Freien. Ein Mann, eben seinem Auto entstiegen, duckt sich bei der Brücke in den Schatten. Er winkt eine Frau zu sich. Sie verschwinden um die Ecke. Als er zurückkehrt, wehrt er Fragen mit einer Handbewegung ab. Er steigt ins Auto und braust davon. Auch andere Männer, die herumschleichen, geben sich zugeknöpft. Der Freier ist ein scheues Wesen. Und ein misstrauisches. Was nicht nach käuflichem Sex aussieht, ist ihm suspekt. Der Journalist wird gefragt, ob er ein «Bulle» sei. Er verneint. Man glaubt es ihm trotzdem nicht.
Am Sihlquai den «Kick» holen
Endlich – nach wiederholter Zusicherung absoluter Anonymität – spricht ein Freier: «Natürlich wärs in einem Nuttenschuppen gemütlicher. Doch hier», sagt er und deutet auf einen Hinterhof, «habe ich den Kick.» Die Sexboxen in Altstetten? Er schüttelt den Kopf. «Idiotisch! Zu kontrolliert.» Ein anderer Freier sagt: «Ich möchte nicht, dass meine Alte mich auf einem Video beim Vögeln sieht.»
Das Misstrauen scheint gross. An drei Abenden der letzten Woche findet sich kein Freier, der den Sexboxen etwas Positives abgewinnen kann. Julia* ist darüber nicht erstaunt. Die 35-jährige Zürcherin bietet ihre Dienste seit fünf Jahren am Sihlquai an. Sie hat Stammkunden, Manager und Büezer, Junge und Alte, Vergebene und Singles. «Alle sind skeptisch», sagt Julia. «Sie haben Angst davor, gefilmt und erkannt zu werden.» Dasselbe sagt Silvia, ebenfalls eine Schweizerin mit langjähriger Erfahrung am Sihlquai: «Ich kenne keinen Mann, der die Sexboxen gut findet.» Silvia befürchtet, dass ihre Kunden ausbleiben werden, wenn das Sihlquai geschlossen wird.
Keine Kameras, Skepsis bleibt
Zwar versichert die Stadtpolizei, dass am geplanten Strichplatz Depotweg – so der offizielle Name – keine Kameras installiert werden. Die Polizei wird vor Ort aber sichtbar präsent sein, Patrouillen werden das Gelände regelmässig kontrollieren. Die Prostituierten sollen zudem von Fachleuten mehr Betreuung erhalten als heute auf dem Sihlquai. Alles in allem, so ein Freier, «ist das zu viel Überwachung, dazu in einem eingezäunten Gelände».
Nachteile erwartet auch Fernanda, eine Prostituierte aus Venezuela. Sie arbeitet am Sihlquai auf eigene Rechnung. Am Abend reist sie jeweils mit dem Zug nach Zürich. Vom Hauptbahnhof ist sie in wenigen Minuten am Sihlquai. «Die Lage ist sehr gut, auch weil es Laufkundschaft gibt, selbst im Winter.» Fernanda hofft, dass die Stadtzürcher gegen das Sihlquai-Verbot stimmen werden. «Mein Geschäft geht sonst kaputt.» Auf dem neuen Strichplatz, so fürchtet sie, «werden die Ostfrauen noch dominanter auftreten als heute».
Auf die Langstrasse ausweichen
Auch Julia sieht ihre Zukunft nicht auf dem neuen Strichplatz. Sie will vermehrt an der Langstrasse Kunden anlocken. Dass Strassenprostitution dort verboten ist, kümmert Julia nicht. Die Gefahr, verzeigt zu werden, sei minim. Tatsächlich muss die Stadtpolizei gemäss eigenen Angaben einen «beträchtlichen Aufwand» leisten, um einer Frau ihr Treiben nachweisen zu können. Eine legale Ausweichmöglichkeit sind die Parkplätze in der Brunau. Doch Julia winkt ab. «Am besten wäre es, der Sihlquai würde offen bleiben.»
* Alle Namen geändert (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 12.02.2012, 19:13 Uhr
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37 Kommentare
Ach was, der Shilquai gehört geschlosen. Man kann auch nicht an jeder Stelle seinen Kebapwagen oder Maronistand aufstellen. Und was die Freier gerne möchten interessiert sowieso am wenigsten. Wenn man die eigene Frau hintergehen will, dann soll man gefälligst dazu stehen. Antworten
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