Sie bieten Lebensqualität am Ende des Lebens

Die Spitex-Fachstelle Palliative Care in Zürich steht schwerstkranken Menschen und deren Angehörigen bei. Sie wollen ihnen ein würdiges Lebensende bereiten.

Ursula Klein, Fachfrau fürs Sterben, im Haus eines «Kunden». Foto: Doris Fanconi

Ursula Klein, Fachfrau fürs Sterben, im Haus eines «Kunden». Foto: Doris Fanconi

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Es regnet Bindfäden. Ursula Klein von der Palliative Care Spitex fährt trotzdem auf dem Elektrovelo zu ihren «Kunden». «So geht es am schnellsten», sagt sie, «und das Velo kann ich im Unterschied zum Auto überall abstellen.» Dazu kommt ein unschätzbarer Wert für ihre Psychohygiene. Der kühle Fahrtwind hilft Ursula Klein, Distanz zu schaffen. Das braucht sie. Als Palliativfachfrau besucht sie schwerstkranke Menschen. Wenn sie an einer Tür klingelt, weiss sie nicht, was sie erwartet. «Der Gesundheitszustand dieser Patienten kann sich in kürzester Zeit sehr schnell verändern», sagt sie.

Beim nächsten Besuch öffnet die 86-jährige Aline Müller*. Sie trägt eine Schürze über ihren Hosen und bittet in die enge, blitzblank aufgeräumte 2-Zimmer-Wohnung in Aussersihl. Ihr Mann ist unheilbar krank. Ihn plagen nicht nur grosse Schmerzen, er leidet auch unter starken Atemproblemen. «Er ist völlig durcheinander», berichtet seine Frau. «Soll ich ihm ein Beruhigungsmittel geben?» Ursula Klein erklärt, warum das im Moment nicht nötig sei, und geht ins Schlafzimmer, wo der Mann in einem Pflegebett liegt. Dort wäscht sie ihn, kontrolliert dabei den Grad der Atemnot, den Zustand der Haut und der geschwollenen Beine.

Als sie in die Küche zurückkommt, hat sich der Mann beruhigt. Klein will von der Ehefrau wissen, welche gesundheitlichen Veränderungen sie bei ihrem Mann festgestellt habe. Sie kontrolliert die Medikamente, beobachtet, wie Aline Müller das Morphium für die Nacht in den Küchenschrank stellt, fragt, welche Medikamente zur Neige gingen, und checkt, ob der Notfallplan noch aktuell ist. «Mit diesem Plan können wir viele Spitaleinweisungen vermeiden», sagt Klein.

Warum Gespräche wichtig sind

Die Palliative Spitex ist nicht nur für den unheilbar kranken Menschen da. Sie sorgt auch dafür, dass ihre Angehörigen gesund bleiben. Aline Müller beispielsweise kann ihre Wohnung nur noch verlassen, wenn einer ihrer Söhne zu Besuch kommt. Auf unbekannte Personen reagiert ihr Mann misstrauisch und unruhig. Dazu kommt ein unregelmässiger Schlaf, weil ihr Mann oft mitten in der Nacht Pflege braucht. Der 86-jährigen Frau ist die Belastung anzumerken. Ursula Klein schlägt ihr verschiedene Massnahmen zu ihrer Unterstützung vor, Gespräche über die Situation können helfen, den Stress abzubauen.

Ursula Klein kommt zum Einsatz, wenn eine Person unheilbar krank ist und das Sterben absehbar wird. Palliative Care bedeutet, Menschen in dieser Phase die nötige Unterstützung zu geben, die Symptome zu lindern. Zentral dabei ist es, ein Netzwerk von Fachpersonen für die Kranken aufzubauen, besonders wichtig ist es bei Alleinstehenden. Klein hat in diesem Netz die Rolle einer Informationszentrale zwischen Hausarzt, weiteren an der Betreuung ­beteiligten Fachpersonen, Spitex und Angehörigen. «Aufgrund meines Besuchs schlage ich beispielsweise dem Arzt vor, eine Physiotherapie oder eine Nahrungsergänzung zu verordnen, wenn ich sehe, dass dies notwendig ist.»

Es geht weiter an den Zürichberg. Dort wohnt der 65-jährige Jürg Schmuki*, ein Akademiker. Er hat sich darauf eingerichtet, «als Toter auf Abruf zu leben», wie er selbstironisch sagt. Doch die Trauer im Unterton ist unüberhörbar. «Ich hatte so viele Projekte, die ich nach meiner Pensionierung realisieren wollte.» Stattdessen musste er notfallmässig ins Spital und bekam dort die Schockdiagnose: unheilbar krank. «Schlagartig wurde mir bewusst, dass ich nun mein Leben ordentlich ab­schliessen musste, sagt Schmuki.

Zusammen mit seiner Frau und Unterstützung von Fachpersonen im Spital wurde eine Patientenverfügung vorbereitet, ein Testament verfasst und Vorkehrungen für den Fall von Handlungsunfähigkeit getroffen.

Leben in die Wohnung holen

Bei Jürg Schmuki wird exemplarisch deutlich, wie wichtig ein Helfernetzwerk in dieser Situation ist. Er ist mit seinem Notfallknopf vom Roten Kreuz am Handgelenk ausgerüstet. Sollte er stürzen, kann er mit Knopfdruck Hilfe herbeiholen. Was typisch ist für das Paar, das selbstbestimmt zusammenlebt: Sie wollten Pflege und Beziehung nicht mischen. Deshalb kann seine Frau weiterhin ihr eigenes Leben führen. Die Schmukis haben Freunde und gute Nachbarn offen informiert und daraufhin sehr viel Zuwendung erfahren. «Wenn das Leben ausserhalb der Wohnung nicht mehr möglich ist, holen wir das gesellige Leben in die Wohnung», erklärt Anne Schmuki ihre Philosophie. Offenheit prägt auch das Verhältnis gegenüber der Palliativfachfrau. Gemeinsam mit Ursula Klein bespricht das Ehepaar, wohin Jürg Schmuki verlegt werden soll, wenn die Pflege zu Hause nicht mehr möglich sein sollte. Die beiden werden die verschiedenen Orte demnächst besichtigen wollen.

Die nächste Station, die Ursula Klein anpeilt, ist eine 2-Zimmer-Wohnung am Friesenberg. Als sie klingelt, öffnet die über 70-jährige Martina Woodtli* die Tür. Sie strahlt übers ganze Gesicht. Diese Frau hat nach ihrer Pensionierung sieben Jahre ihren an Alzheimer erkrankten Mann bis zum Tod gepflegt. Danach ist sie selbst unheilbar krank geworden. «Das ist meine treueste Patientin», sagt Klein. Sie freut sich, dass es ihr endlich gelungen ist, zusammen mit einer Schmerzärztin Martina Woodtli von ihren höllischen Schmerzen zu befreien und ihr so das Leben wieder erträglicher zu machen.

Wenn jemand leidet

Nach diesem letzten Patientenbesuch fährt Ursula Klein ins Büro, um Rapporte zu schreiben. Ihre «Kunden» besucht sie meistens alle ein bis zwei Wochen zwischen einer halben und einer Stunde, weil dem Gespräch eine wichtige Rolle zufällt. In einer akuten Situation bleibt sie auch länger. Die 49-Jährige hat Pflegewissenschaften studiert, einen Master in Palliative Care erworben, arbeitet 60 Prozent und hat zwei Kinder. Wie schafft sie es, mit schwerstkranken Menschen zusammen zu sein? «Das Schlimme ist nicht, dass jemand stirbt», sagt sie. «Schlimm ist, wenn jemand leidet, und da kann ich helfen.» Es geht in der Palliative Care nicht darum, das Leben zu verlängern, sondern die Lebensqualität im letzten Abschnitt zu verbessern. Das ist eine erfüllende Aufgabe.»

* Alle Personen wurden anonymisiert (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 17.01.2016, 20:54 Uhr)

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Nicht alle wollen bezahlen

Die Stadt Zürich übernimmt die Zusatzkosten für Palliative Care. Auf dem Land wird noch gefeilscht.

Im Kanton Zürich gibt es fünf auf Palliative Care spezialisierte Teams. Um gleiche Qualitätsanforderungen beim Personal, eine flächendeckende Versorgung sowie einen Notfalldienst zu garantieren, haben sie sich zu einem Verband zusammengeschlossen. Jetzt geht es ihnen darum, die Finanzierung einheitlich zu regeln. Es gibt einige Gemeinden, die sich weigern, die Mehrkosten dieser Pflege zu übernehmen. Deshalb müssen die Palliative-Care-Teams die Zusatzkosten aus Spenden finanzieren.

Demnächst stehen Verhandlungen zwischen dem Verband und den Gemeinden an. Andreas Weber, ärztlicher Leiter des Palliative-Care-Teams am Spital Wetzikon, arbeitet stationär und ambulant. Er hat ausgerechnet, dass die jährliche Mehrbelastung pro 1000 Einwohner gerade mal 700 Franken beträgt. Kommt dazu, dass Palliative Care dem Kanton hilft, Kosten zu sparen. Teure Spitaleinweisungen können so vermieden werden, und gleichzeitig wird der Wunsch, zu Hause sterben zu können, erfüllt. Bei einer Einigung könnten auch aufwendige bürokratische Abrechnungen vereinfacht werden.

Ein kantonales Netz für die mobile Palliative Care ist unbestritten. Gestritten wird auf juristischer Ebene. Der Kanton kommt für die Kosten der stationären Pflege im Spital auf. Die Gemeinden für die ambulanten Pflegekosten. So steht es im Gesundheitsgesetz. Tatsache ist, dass die mobilen Teams in Regionen tätig sind und dort auch in Gemeinden, die nichts vergüten.

Die Frage der Finanzierung ist erst in der Stadt Zürich geklärt. Sie übernimmt die Zusatzkosten für die Palliative-Care-Teams. Auf dem Land hingegen finden die Gemeinden, der Kanton stehle sich aus der Verantwortung, wenn er sich nicht an den ambulanten Pflegekosten beteilige, von denen er indirekt profitiere. Doch auch die Gemeinden profitieren, weil sich Pflegeheimkosten vermeiden lassen. Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger (FDP) hält deshalb fest, die Gemeinden seien zuständig für ambulante Angebote. Sie hätten einen Leistungserbringer zu bestimmen und die Mehrkosten zu bezahlen. (mq)


Palliative Care Zürich: Nachfrage steigt

Die Fachstelle Palliative Care gehört zur Spitex Zürich. Sie ist 2004 als Projekt gestartet worden. Dank medizinischem Fortschritt und einem Ausbau der Leistungen ist die Nachfrage nach ihren Diensten kontinuierlich gestiegen. 2013 und 2014 sind zwischen 250 und 280 Patienten behandelt worden. Die Zahlen für 2015 liegen noch nicht vor. Gegenwärtig arbeiten sieben Fachleute Teilzeit in diesem Bereich. Sie können über ein Nottelefon von 8 bis 22 Uhr erreicht werden. Der Tarif der Palliative Care beträgt neben den Spitex-Kosten zusätzlich 85 Franken pro Stunde. Die Kosten übernimmt die Stadt. (mq)

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