Zürich
«Sie dürfen sich auf keinen Fall eine Zigarette am Leuchter anzünden»
Von Jvo Cukas. Aktualisiert am 19.12.2011 11 Kommentare
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Ein Bild zeigt ein Skateboard. An dessen Seiten sind zwei Davidsterne aufgemalt, acht weisse und eine blaue Kerze darauf angeklebt. Hebräische Buchstaben sind mit Glitter über das Brett verteilt. Erlaubt sich hier jemand einen üblen Scherz und nimmt die jüdische Kultur auf die Schippe? Weit gefehlt: Das Skateboard ist Teil eines Wettbewerbes an der jüdischen Schule Noam in Zürich. Die Kleinen sollen ihren ganz persönlichen Chanukka-Leuchter basteln, sozusagen den achtärmigen, kleinen Bruder der Menora, dem berühmten siebenärmigen Leuchter, den auch jeder Nichtjude kennt.
Doch was hat es mit dem Leuchter auf sich, dass sich die Kinder eifrig ins Zeug legen und mit Witz und Phantasie um die Wette basteln? Spurensuche, bei einem, der es wissen muss: Rabbiner Michael Goldberger von der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich. Der Weg zu ihm ist schwer gesichert. Nur wer sich ausweist und seine Taschen öffnet, wird durch die modernen Sicherheitstüren gelassen. «Hier ist noch nie etwas wirklich Schlimmes passiert», meint Goldberger in breitestem Baslerdeutsch, «wohl auch, weil alles gut gesichert ist. Es mag für Besucher eigenartig sein, aber wir haben uns in all den Jahrzehnten daran gewöhnt.»
Der längste Feiertag
Auch in seinem Büro erinnert ein Chanukka-Leuchter bereits an das bevorstehende jüdische Weihnachten, obwohl man es eigentlich nicht so bezeichnen kann, weil seine Ursprünge weit vor unserer Zeitrechnung beginnen. «Mit einer Dauer von acht Tagen ist es der längste jüdische Feiertag», erklärt Goldberger. Anders als bei anderen, wie dem Sabbat, gebe es aber keine erschwerenden Verbote, an die man sich halten müsse: «Wir dürfen dann Autofahren, Kochen und Einkaufen. Deshalb ist Chanukka ein besonders fröhlicher Feiertag.» Die Fröhlichkeit ist gar in gewissem Sinne Pflicht. «An Beerdigungen halten wir in dieser Zeit keine Trauerreden.»
Das Fest finde jeweils in den acht dunkelsten Tagen und Nächten im Jahr statt. In diesem beginnt es am Vorabend des 21. Dezember. «An jedem der acht Tage, zünden wir ein neues Licht am Chanukka-Leuchter an, bis am Ende alle leuchten.» Der Leuchter stehe heutzutage immer am Fenster der Wohnung. Das Licht dürfe aber nicht benutzt, sondern solle einfach betrachtet werden. «Sie dürfen sich auf keinen Fall eine Zigarette daran anzünden oder mit dem Licht ein Buch lesen.»
Die Zeit, in der es brenne, werde deshalb stets für Spiele mit den Kindern genutzt. Darunter ein Würfelspiel, bei dem es darum geht, so viele Erdnüsse, wie möglich zu ergattern. «Eine Art jüdisches Kinderpoker», meint Goldberger und lacht. Die Kinder bekämen auch Geschenke, obwohl sich Goldberger sicher ist, dass dies von den Christen übernommen wurde. Genauso, wie die Melodien einiger Lieder, die gesungen werden.
Symbol der Freiheit
Zudem werden vor allem Speisen zubereitet, die in Öl gebacken werden, wie Berliner oder Kartoffelpuffer. Dies hat einen konkreten Hintergrund, wie auch der Chanukka-Leuchter selbst. Die Tradition geht auf eine Geschichte zurück, die im Talmud steht. Als sie im Jahre 165 v. Chr. den Tempel in Jerusalem wieder in ihre Hand brachten, wollten die Priester diesen reinigen. Dazu gehörte auch das Zünden eines heiligen Leuchters. Dies durfte nur mit geweihtem Öl gemacht werden und die Priester fanden nur noch eine Portion für einen Tag vor. Um genügend Öl für den Leuchter herzustellen, brauchten sie jedoch acht Tage. Sie zündeten die letzte Portion an und - wie durch ein Wunder, brannte sie acht Tage lang bis neues Öl hergestellt war.
Die Geschichte, die den historischen Hintergrund für Channuka berichtet, steht in den Makkabäerbüchern, die aber niemals in den heiligen jüdischen Kanon der Juden aufgenommen wurden. Sie erzählt, wie der Tempel von den Griechen zurückerobert wurde, von einer kleinen traditionell gläubigen Minderheit, den Makkabäern. «Damals herrschte in Jerusalem ein wahrer Kulturkampf. Auch viele Juden übernahmen die griechische Lebensweise», erklärt Goldberger. Mit der Rückeroberung ihres heiligsten Bezirkes und der Zerstörung einer Zeusstatue, die dort mittlerweile stand, konnten sie verhindern, dass ihre Kultur für immer ausgelöscht wurde.
Wenn Wunder geschehen
Beide Geschichten zusammen formten die Symbolik von Chanukka, erklärt Goldberger. In den dunkelsten Tagen im Jahr werde man daran erinnert, wie man sich einem drohenden Untergang stellen oder seine Freiheit verteidigen könne. «In manchen Situationen ist es richtig zu kämpfen, in anderen darauf zu vertrauen, dass ein göttliches Wunder geschieht. Denn Wunder geschehen, auch wenn dies unsere Ratio manchmal nicht glauben mag.» Das Fest feiere also gleichzeitig eine Erneuerung und den Durchhaltewillen, seine Traditionen zu bewahren. «In Liedern besingen wir denn an Chanukka auch immer unsere Freiheit, die durch beides anhält.»
Goldberger setzt sich an seinen Computer, der während des Gespräches wiederholt abstürzte, um einige Fotos zu suchen. Plötzlich funktioniert er wieder und der Rabbi lacht: «Sehen Sie, es geschehen auch heute noch Wunder!» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 19.12.2011, 13:34 Uhr
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11 Kommentare
Sehr interessant!
Ich finde das Judentum eine der denkfördernsten Religionen, die es gibt. Im Gegensatz zum Christentum geht es um die Interpretation der heiligen Schriften, nicht um die doktrinäre Auslegung durch die Kirchen-Elite.
Es ist wohl kaum Zufall, dass es soviele brilliante jüdische Denker gibt.
Auch ihre Traditionen scheinen symphatisch, ebenso die Orthodoxen in Zürich-Wiedikon.
Antworten
Interessante Geschichte! Schade ist nur, dass es solche Sicherheitsmassnahmen immer noch braucht. Eigentlich unglaublich, dass in der heutigen Zeit mit all den Informationen die wir haben, billige Klischees und Antisemitismus nicht schon lange Geschichte sind. Antworten
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