Zürich
«Sie rotteten die Hirsche aus»
Von René Staubli. Aktualisiert am 05.12.2010 2 Kommentare
«Die Opernhaus-Pfahlbauer haben viel Zeit mit Spinnen und Weben verbracht»: Archäologe Niels Bleicher. (Bild: Nicola Pitaro)
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Der Grabungsleiter
Der 33-jährige Deutsche ist Archäologe und Botaniker. Niels Bleicher hat auf dem Thema Pfahlbausiedlungen doktoriert und sich als Dendrochronologe (Holzarchäologe) spezialisiert. Er ist wissenschaftlicher Leiter der Ausgrabungen, die seit dem 3. Mai von einem 59-köpfigen Team im Untergrund des künftigen Parkhauses Opéra beim Bellevue in Zürich durchgeführt werden. Gesamtprojektleiter ist Peter Riethmann von der Abteilung Unterwasserarchäologie der Stadt Zürich. Bislang wurden 13'400 Tonnen Material abgetragen, 15'500 Funde gemacht (Knochen, Holz-, Stein- und Feuersteingeräte, Keramik, Textilien) und 17'000 Hölzer geborgen. Einige Funde sollen später in einem geplanten archäologischen Fenster im Parkhaus Opéra ausgestellt werden.
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Die Ausgrabungen beim Opernhaus sollen insgesamt 12 Millionen Franken kosten. Decken sich Aufwand und Ertrag?
Die Auswertung früherer Grabungen am unteren Seebecken hat gezeigt, wie vielversprechend die Fundstelle ist. Wir können eine aussergewöhnlich grosse Fläche von 3900 Quadratmetern untersuchen, eine einmalige Chance.
In der Schule haben uns die Pfahlbauer fasziniert. Als wir später erfuhren, sie hätten ihre Häuser gar nicht im See, sondern auf Pfählen an Land errichtet, waren wir ernüchtert. Schreibt die moderne Archäologie die Geschichte der Pfahlbauer jetzt nochmals um?
Wir wissen heute, dass es keine riesigen Plattformen im See mit Häusern drauf gab, wie sie Ferdinand Keller Mitte des 19.?Jahrhunderts malte. Die Häuser der Siedlungen, die wir hier ausgraben, standen eindeutig im Uferbereich auf Pfählen, die zumindest im Sommer vom Wasser umspült wurden. Hätten die Leute an dieser Stelle ebenerdig gebaut, hätten sie nasse Füsse bekommen. Wir schreiben die Geschichte der Pfahlbauer nicht um, sondern versuchen, ihr Leben realitätsgetreuer darzustellen.
Welche Form von Wirtschaft haben die Pfahlbauer denn vor 5000 Jahren betrieben?
Sie waren Ackerbauern und Viehzüchter. Den grössten Teil ihres Nahrungsbedarfs deckten sie mit Getreide und dem Fleisch von Haustieren. Man hat damals auch gejagt, gefischt und gesammelt, doch diese Tätigkeiten hatten nur ergänzenden Charakter – mit einer Ausnahme: Im 37. Jahrhundert vor Christus gab es Missernten. In dieser Zeit haben die Menschen gezwungenermassen verstärkt gesammelt und gejagt. Dies führte dazu, dass am Zürichsee der Hirsch ausgerottet wurde. Erst später wanderte das Tier wieder ein.
Wie können Sie das alles wissen?
Aufgrund der botanischen und zoologischen Auswertungen der Zürcher Ausgrabungen in den Achtzigerjahren. Diese zeigten uns auch, wie der Mensch mithilfe von Viehherden den Wald zurückdrängte und sich Weideland eroberte: Die Tiere frassen die Schösslinge und hielten so die Lichtungen frei.
Welche neuen Erkenntnisse erhoffen Sie sich von Ihrem Projekt?
Unsere Ausgrabung wird viel detailliertere Aussagen über die damaligen Lebensumstände zulassen. Die Sedimente könnten uns verraten, wie sich der Seespiegel über die Jahrhunderte hob und senkte. Möglicherweise ergeben sich auch Hinweise auf das damalige Klima. Sicher werden wir über das Wechselverhältnis von Mensch und Natur bei der frühen Besiedlung in Zürich viele neue Erkenntnisse beitragen können.
Warum bauten die Menschen ihre Häuser überhaupt auf Pfählen am Seeufer?
Das Land war weitgehend von Wald überwachsen. Behausungen errichtete man am besten an den Seeufern, wo man weniger roden musste. Ein weiterer Grund war meiner Meinung nach das Wirtschaftssystem: Die Menschen bewegten sich in den Siedlungsräumen dynamisch und in kleinen Gruppen. Vermutlich konnten sie ihre Felder nicht kontinuierlich beackern, wenn sie deren Fruchtbarkeit erhalten wollten, und so weidete ein Teil der Sippe das Vieh am einen Ort, während die andern am zweiten Wohnsitz Ackerbau betrieben. Weil die Siedlungen am Ufer lagen, waren sie mit dem Einbaum gut zu erreichen. Indem sie mehrere Plätze besetzten, machten die Gruppen auch Besitzansprüche geltend.
Wie haben es die Leute bloss geschafft, die langen Pfähle ins Seeufer zu rammen?
In den damaligen weichen Seesedimenten reichte es, wenn man einen Pfahl gut anspitzte, oben Stricke darüberlegte und sich ein paar Männer mit ihrem ganzen Gewicht dranhängten, um ihn tief in den Grund zu versenken. Dabei entstand ein so starkes Vakuum, dass der Pfahl mit Menschenkraft nie wieder herausgezogen werden konnte.
Wie belebt war das Seebecken?
Man kann sagen, dass im Lauf der Jahrtausende ums ganze untere Seebecken Siedlungen entstanden und wieder aufgegeben wurden. Allein an unserer Ausgrabungsstätte gab es fünf Siedlungen – in einem zeitlichen Abstand von ein paar Jahrzehnten bis hundert Jahren oder mehr. In gewissen Siedlungen am Bodensee blieben die Leute nur acht Jahre, verschwanden dann für fünfzehn Jahre und kamen wieder für acht Jahre zurück. Nun wollen wir wissen, ob solche Rhythmen auch hier existierten.
Wie kommen Sie zu derart exakten Jahresangaben?
Da helfen uns Fundstücke aus Holz, denn Holz ist ein fantastischer Datenträger. Moderne Analysen erlauben es, das Alter auf Monate genau zu bestimmen.
Gab es schon damals Arme und Reiche?
Genau solche Dinge möchten wir mit unserer Ausgrabung klären. Wir untersuchen Haushalt um Haushalt und fragen uns: Wohnten die einen Menschen in grossen Häusern und andere in kleinen? Standen die Häuser in Reih und Glied? Gab es einen gemeinsamen Platz? Assen die einen mehr Fleisch oder anderes Getreide als die anderen? Gibt es in gewissen Haushalten Fundstücke aus fremden Gegenden – was auf überregionale Kontakte schliessen lässt – und in andern nicht?
Lebten die Opernhaus-Pfahlbauer friedlich oder kriegerisch?
Wenn wir beispielsweise eine übertriebene Dichte von Pfeilspitzen gefunden hätten, könnten kriegerische Handlungen der Grund sein. Man sollte sich aber vor Spekulationen hüten. Palisaden belegen nicht unbedingt die Furcht vor andern Menschen. Vielleicht dienten sie dem Schutz vor Wölfen oder Bären.
Können Sie aus den Funden auch die Krankheiten ableiten, die den Menschen zu schaffen machten?
Es ist ein Glücksfall, dass sich in den sauerstoffarmen Sedimenten sogar die Eier von Darmparasiten erhalten haben – das ist einfach fantastisch. Wir haben einen Parasitologen aus Frankreich beigezogen, der unsere Proben untersuchen wird. Er wird uns sicherlich einiges über den Gesundheitszustand der Siedlungsbewohner sagen können.
Das scheint Ihr Rezept zu sein: Spezialisten aus 15 Disziplinen liefern die Puzzleteile, aus denen ein Gesamtbild entsteht.
Genau. Gemeinsam können beispielsweise Botaniker, Knochenforscher, Bodenkundler und Experten, die sich mit Fischresten befassen, ziemlich genau sagen, wie gesund sich die Leute ernährten. Andere Wissenschaftler eruieren, wie gross die Getreidefelder maximal sein konnten, damit die Pfahlbauer sie mit ihren technischen Möglichkeiten noch beackern konnten. So entsteht ein quantitatives Modell ihrer Wirtschaft.
Weiss man denn, wie alt die Leute wurden und woran sie starben?
Mit dieser Frage tun wir uns schwer, weil es bei Pfahlbausiedlungen so gut wie keine Gräber gibt. Wir sind zwar auf Menschenknochen gestossen und können möglicherweise herausfinden, dass der Betreffende beispielsweise unter Blutarmut litt. Aber das sagt nichts aus über die ganze Population. Es wäre gigantisch, wenn man ein Gräberfeld aus jener Epoche finden und auswerten könnte.
Assen Pfahlbauer aus Tellern? Trugen die Frauen schöne Kleider? Auch das wüsste man gerne.
Wir haben Kochgeschirr und Holzschalen sowie eine Reihe von Holzlöffeln gefunden. Nun wollen wir chemisch analysieren, welche Nahrungsmittel da drin waren. Oder die Käsewirtschaft: Wann haben die Menschen angefangen, nicht nur Milch zu trinken, sondern Käse zu machen? Wir hoffen, dass uns die Ausgrabung auch in solchen Fragen weiterbringt. Was die Textilien anbelangt, so wissen wir, dass die Opernhaus-Pfahlbauer Stoffe trugen. Die Leute haben offensichtlich einen Grossteil ihrer Zeit mit Spinnen und Weben verbracht.
Ihr Team hat auch eine 5000-jährige Holztür gefunden, die weltweit Aufsehen erregte.
Die Tür ist für mich eine zwiespältige Sache. Wir wussten längst, dass die Menschen 5000 Jahre vor Christus in der Lage waren, Hölzer miteinander zu verbinden. Es war uns auch nicht neu, dass sie Häuser mit Türen bauten. So gesehen war mir der Rummel fast unheimlich. Stellen Sie sich vor: Das kanadische Radio interviewte mich, und Kollegen schickten E-Mails aus Kathmandu. Die Tür ging um die ganze Welt, während wir eigentlich lieber erklärt hätten, was für ein einzigartiges interdisziplinäres Netzwerk wir da unten aufbauen.
Lassen Sie mich trotzdem fragen: Die Tür wird nun wissenschaftlich untersucht. Welche Geheimnisse könnte sie verraten?
Natürlich handelt es sich um einen extrem seltenen Fund. Wir stossen nur selten auf handfeste Objekte, die über das Mass kleiner Werkzeuge hinausgehen. Weil es keinen einzigen erhaltenen Dachstuhl aus der Steinzeit gibt, können wir nicht sagen, wie die Balken miteinander verbunden wurden. Die Tür zeigt uns, wie man ohne Schrauben und Nägel und nur mit einem Steinbeil und einem Knochenmeissel bewaffnet ein solches Konstruktionsproblem löste.
Die Grabungen dauern noch bis Ende Januar, dann gehen die Bauarbeiten am Parkhaus weiter. Welche Ziele haben Sie sich gesetzt?
All das auszugraben, was technisch möglich ist. Wo wir nicht mehr flächig graben können, holen wir Bohrproben heraus.
Was fürchten Sie zu verpassen?
Nicht mehr viel. Die essenziellen Aussagemöglichkeiten sind gesichert, weil wir sehr schnell gearbeitet haben. Ich kann nicht genug betonen, wie stolz wir auf unser Ausgrabungsteam sind. Aus wissenschaftlicher Sicht können wir sagen: Das war gut investiertes Geld. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 05.12.2010, 07:51 Uhr
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2 Kommentare
Einerseits ist es ärgerlich, dass durch die Forschungen der schöne Platz durch die 'ewige' Parking-Baustelle länger als geplant verunstaltet wird. Andererseits stimmt es tröstlich zu sehen, dass in einer von ungebremstem Renditedenken geprägten Zeit die Prioritäten für einmal zu Gunsten von Geschichte und Kultur gesetzt wurden! Antworten
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