Zürich
«Sie sind der letzte Abschaum»
Von Simon Schmid. Aktualisiert am 28.11.2011 150 Kommentare
Grosskontrolle im Hauptbahnhof
Der Zürcher Verkehrsverbund hat 2011 sein Sicherheitskonzept modifiziert (siehe Artikel). Neu werden Zugbegleiter in Nacht-S-Bahnen stets von Sicherheitspersonal und Polizeikräften begleitet. In regelmässigen Abständen riegelt die Bahn auch ganze Perrons für Kontrollen ab – so wie in der Novembernacht, in der diese Reportage entstand.
Wie der Bericht zeigt, kommt es während solchen Perronkontrollen zuweilen zu ärgerlichen Zwischenfällen. Die Bahn nimmt dazu folgendermassen Stellung: «Die SBB bedauert sehr, dass Passagiere auf Grund von Perronkontrollen den Zug verpassten, obwohl sie ein gültiges Ticket und einen Nachtzuschlag besassen. Die SBB versucht, die Verzögerungen für die Passagiere auf ein Minimum zu reduzieren.»
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«Schaut einmal, die Polizei!» Es ist Samstagabend, kurz vor elf Uhr. Unter den Jugendlichen im Zürcher Hauptbahnhof herrscht ausgelassene Stimmung. Jungs in dicken Winterjacken albern herum, Mädchen in High Heels kichern. Die Nacht ist kalt, etwas Vodka wärmt den Körper.
Eine Gruppe von Zugbegleitern durchquert die Bahnhofshalle – es ist das Team von Monica Zeiter, Chefin Zugpersonal Regionalverkehr aus Rapperswil. Zeiters Leute sind von der Transportpolizei zu einer Grosskontrolle aufgeboten worden. Das Ziel des heutigen Abends: Reisende ohne gültiges Ticket sollen bereits vor dem Einsteigen in die Nacht-S-Bahn abgefangen und zum Kauf von Zugbillett und Nachtzuschlag angehalten werden – zur Sensibilisierung der Reisenden, wie es von Seiten der Bahn heisst.
Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat die SBB-Mitarbeitende und ihre Mannschaft eine Nacht lang begleitet.
23.00 Uhr: Antreten in der Tiefgarage
In einer Lagerhalle unter der Bahnhofshalle warten sechzig gelb uniformierte Einsatzkräfte auf letzte Anweisungen. Breitschultrig stehen die Polizisten da – auch das SBB-Kontrollpersonal hat sich bereits zu Einsatzgruppen formiert. Mit der ersten «Spinne» von Nacht-S-Bahnen um ein Uhr werden sich die Gruppen aufteilen, um den Zutritt zu den Perrons im Untergeschoss des Hauptbahnhofs zu kontrollieren.
«Akzeptieren wir auch falsch gelöste Nachtzuschläge?» fragt ein SBB-Angestellter den Einsatzleiter der Polizei. Nach kurzer Diskussion beschliesst man, dass keine Ausnahmen gemacht werden: Erst per Fahrplanwechsel im Dezember werden Reisende in angrenzende Verbundnetze keine separaten Nachtzuschläge mehr lösen müssen, weil dann ein einheitlicher Nachtzuschlag eingeführt wird.
Bereits drängt die Zeit – eine Kontrollfahrt in der S8 nach Oerlikon steht noch an. Mit ihrem Team eilt Monica Zeiter zum Gleis 54 bei der Sihlpost – «auch Kontrolleure verpassen manchmal einen Zug», scherzt ein Kontrolleur während des Laufens.
23.50 Uhr: Ein Imbiss vor der Anstrengung
Said Chakma begann vor zwanzig Jahren als Krankenpfleger in der Schweiz zu arbeiten. Später wechselte er zur SBB, wo er seither als Zugbegleiter arbeitet. «Neunzig Prozent der Kundenreaktionen sind positiv», erzählt er. Die Gruppe hat eine Pause im SBB-Personalhaus eingelegt.
Der Bahnangestellte und seine Chefin besprechen eine Rückmeldung, die kürzlich beim Kundendienst eingegangen ist: Eine ältere Frau hat sich beschwert, weil Chakma es versäumt haben soll, einen Punk vor dem Aussteigen aus der 1. Klasse zu kontrollieren. «Aus der anschliessenden Diskussion ist ein Streit entstanden», erzählt Chakma. Die aufgebrachte Dame sei einfach nicht mehr zu beruhigen gewesen; beim Aussteigen habe sie ihm sogar den Finger gezeigt.
Die Gruppe der Zugbegleiter lacht. Vorurteile, Aufmüpfigkeiten und Pöbeleien ist man sich gewohnt, verletzende Aussagen gegenüber dem Zugpersonal gehören zum Tagesgeschäft. Auch die 21-jährige Claudia Aebersold weiss um die Schwierigkeiten im täglichen Umgang mit den Kunden. In dieser Nacht ist sie zum ersten Mal auf einer Perronzutrittskontrolle dabei.
00.45 Uhr: Es regnet Münzen
Die Rapperswiler Gruppe hat sich inzwischen beim Eingang zur S-Bahn am Sihlquai aufgestellt: Je zwei Kontrolleure fangen die Passagiere vor den Rolltreppen ab, hinter ihnen steht ein Securitas-Mitarbeiter. Zwei Polizisten sind in unmittelbarer Nähe postiert, zwei weitere Securitas stehen weiter hinten bereit.
Viele Zugsreisende sind wegen des Aufmarsches an «gelben Männchen» irritiert. Sie reagieren unterschiedlich. Ein Mädchen im Teenageralter lacht verschmitzt, weil es an der Rolltreppe keinen Nachtzuschlag vorweisen kann. Ein Jugendlicher aus einer Gruppe spielt sich vor den Kontrolleuren auf: «Vielen, vielen Dank, dass Sie da sind – ich fühle mich nun viel sicherer am Zürcher Hauptbahnhof.»
Später leert einer aus Wut sein Portemonnaie über dem Steinboden aus. Offenbar hat ihn das Bahnpersonal nicht durchgelassen, weil er den falschen Nachtzuschlag gekauft hat. Der Herr um die Vierzig verwirft die Hände und deckt die Beamten mit Flüchen ein. Auf die Rolltreppe wird er trotzdem nicht vorgelassen.
01.55 Uhr: Rush Hour im HB-Untergeschoss
Bahnpassagiere hätten gegenüber dem Zugpersonal immer weniger Respekt: Dies sagt der Zugbegleiter Rolf Tschanz, der seit 1975 im Dienst der SBB steht. Auch er muss sich im Verlauf der Nacht so einiges anhören.
Ab halb zwei Uhr nachts steht das Rapperswiler Kontrollteam vor einem der zentralen S-Bahn-Abgänge im Hauptbahnhof. Dort kommen die Fahrgäste kurz vor der vollen Stunde in Scharen an: Lange Schlangen bilden sich an den Billettautomaten, vor den Rolltreppen drückt die Menge. Die anstehenden Fahrgäste strecken den SBB-Angestellten ihre Tickets und Mobiltelefone entgegen, auf denen die Berechtigung zum Zugfahren angezeigt ist.
Die Zeit drängt – denn auch während der nächtlichen Kontrollaktion fahren die S-Bahnen pünktlich ab. Ein Touristenpaar hat gleich drei verschiedene Nachttickets gekauft: Hauptsache nicht nochmals anstehen.
02.10 Uhr: «Sie sind der letzte Abschaum»
Einige Fahrgäste verpassen wegen der zusätzlichen Wartezeit den Zug. Dies löst Diskussionen aus. Eine junge Frau mit Rollkoffer steigt wieder die Treppe hoch: Dies sei der letzte Zug mit einem Busanschluss gewesen, beschwert sie sich bei Zugbegleiter Tschanz. Ob er ihr nun etwa die zweihundert Franken für eine Übernachtung in Zürich zahle? Der SBB-Angestellte verneint und fragt die Frau seinerseits, warum sie nicht etwas früher zum Perron gekommen sei.
Seine Bemerkung veranlasst die Frau zu einer Schimpftirade: «Die Nachtzuschläge sind überflüssig und verursachen nur unnötigen Aufwand.» Und überhaupt: Tschanz und seine Kollegen von der SBB seien der letzte Abschaum und nur darauf aus, die Kunden auszunehmen. Der Kontrolleur zuckt mit den Schultern – die Regeln hat die Politik beschlossen, er selbst ist nur da, um sie anzuwenden.
02.30 Uhr: Ebbe am Hauptbahnhof
Zwei weitere Passagiere haben den Zweiuhrzug verpasst. Die Wartezeit bis zur nächsten vollen Stunde vertreiben sie sich mit einer Plauderei mit dem Kontrollpersonal. Wozu das ganze Polizeiaufgebot mit Gummischrotschützen und Polizeihund nötig sei, fragen die Reisenden. Eine Polizistin erklärt: Sie sei da, «um für Recht und Ordnung zu sorgen und korrektes Verhalten einzufordern » – wie dies im Polizeialltag eben üblich sei.
Dem Einbezug der Polizei stehen auch manche SBB-Angestellten kritisch gegenüber. Für sie steht der Auftritt der Bahn als Dienstleistungsunternehmen im Vordergrund: Den Kunden soll ein Service geboten, aber kein Schrecken eingejagt werden. Zumindest bezüglich ihrer Kleidung sollten sich Polizei und Zugpersonal stärker unterscheiden, meinen einige.
03.05 Uhr: «Machen Sie Platz, ich muss auf den Zug»
Wieder rückt die volle Stunde näher, wieder kommt Hektik auf. Die Streitpunkte zwischen Bahnpersonal und Reisenden bleiben auch nachts um drei Uhr dieselben. Doch unter Einfluss von Alkohol und Müdigkeit nehmen manche Konversationen absurde Züge an.
«Ich habe an der Maschine ein Ticket nach Baden gekauft», redet ein Engländer in seiner Muttersprache auf den Kontrolleur ein. «Sie brauchen noch ein anderes Ticket für die Nacht», antwortet dieser nicht ganz so sprachgewandt. «Aber ich habe an der Maschine ein Ticket nach Baden gekauft …» – der identische Dialog wiederholt sich mehrmals, bevor der Reisende vom Kontrolleur ablässt und zurück zum Ticketautomaten torkelt.
Mehrmals greifen nun auch die Sicherheitskräfte ein. Einige Passagiere in Eile versuchen, über die Metallgitter zu klettern oder an ihnen vorbei zum Perron zu gelangen. Von Polizisten und Securitas zurückgehalten, werden sie zur Seite geführt und einer Personenkontrolle unterzogen. Es sind bei weitem nicht nur Jugendliche, die an diesem Abend «Stress» machen.
03.20 Uhr: Die Nacht ist lang
In der letzten Stunde der Kontrollaktion ist Durchhalten angesagt. Viele der Einsatzkräfte haben kalte Füsse, Kontrolleur Chakma klagt über Rückenschmerzen. Müdigkeit kommt bei Novizin Aebersold auf. Sie ist den gesamten Einsatz hindurch neben den Frontleuten gestanden und hat Strichlisten geführt: Wieviele Passagiere wurden die Rolltreppen hinunter gelassen, wieviele wurden zurückgewiesen?
Am Ende der Aktion wird sich herausstellen, dass rund ein Fünftel der Passagiere ohne gültiges Billett unterwegs gewesen wären. Die Statistik spricht gemäss SBB dafür, auch in Zukunft solche Zugangskontrollen durchzuführen. «Auf manchen Patrouillen kommen wir vor lauter Bussen verteilen kaum einen halben Waggon weit», berichtet ein Kontrolleur.
Monica Zeiter erwähnt, dass der Anteil Schwarzfahrer seit Umstellung der Strategie zurückgegangen sei und wieder mehr Nachtzuschläge gekauft worden seien – nachdem die Einnahmen in den Jahren zuvor jeweils gesunken waren.
04.00 Uhr: Durchbruch am Zugang zwei
Auch um vier Uhr früh reisst der Strom heimkehrender Nachtschwärmer nicht ab. Für die Einsatzkräfte gilt es, noch eine letzte Welle zu bewältigen. Zwischenzeitlich vermischen sich nun die Rollen: Während ein Polizist einem Herrn zehn Minuten lang erklärt, wie er mit seinem Handy den Nachtzuschlag lösen kann, versucht ein Zugbegleiter verzweifelt, den Passagierstrom aufzuhalten. Seine Kollegen hinter ihm werden beinahe auf die Rolltreppe gedrückt.
Die Abfertigung verzögert sich: Reisende essen Kebabs und halten McDonald’s-Tüten in den Händen; sie brauchen lange, um ihre Tickets hervorzukramen oder finden diese gar nicht mehr. An einem S-Bahn-Zugang müssen die Kontrolleure kurz nach vier Uhr zur Seite treten. Die Menge will durch, sie ist nicht mehr aufzuhalten.
04.20 Uhr: Wieder an der Wärme
Zurück im Bahnzentrum, lässt sich Zugbegleiter Chakma in einen der bereitstehenden Fauteuils fallen. Eine kurze Einsatzbesprechung steht noch an, dann darf sich auch er auf den Nachhauseweg machen. Die Nachtschicht vor dem Perron ist geschafft – es war eine der ruhigeren Kontrollnächte, viele Zwischenfälle gab es nicht. «Nach anfänglichen Kulturunterschieden klappt die Zusammenarbeit mit der Polizei mittlerweile sehr gut», resümiert Zeiter.
Auch die meisten Nachtschwärmer sind an diesem Abend ohne Zwischenfälle nach Hause gekommen. Die Nacht hat jedoch gezeigt: Wenn Bahnpassagiere nach einer langen Ausgehnacht auf Sicherheitskräfte treffen, die ihnen den Weg zum Perron versperren, ist Stress nicht zu vermeiden.
* Die Namen von SBB-Angestellten wurden in diesem Text verändert. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 28.11.2011, 13:02 Uhr
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150 Kommentare
Ohne Frage haben die SBBler und die Polizei nicht gerade einen leichten Job. Allerings haben die Passagiere, die ein gültiges Ticket haben und den Zug verpassen Recht, wenn sie sich unnötig schikaniert fühlen. Die SBB mit ihrem wirren und undurchsichtigen Tarifsystem und Kontrollen die naturgemäss nicht angekündigt werden sind nervig. Ich kann ja nicht jedesmal nachts eine Stunde früher kommen ... Antworten
Es ist eine Frechheit, den Passagieren vorzuhalten, sie hätten halt früher zum Perron kommen müssen. Soll man jedesmal halbe Stunde extra einplanen?
Was den fehlenden Respekt vor dem Zugspersonal angeht: Dieser geht Hand in Hand mit der Kriminalisierung der Fahrgäste und dem Personalabbau in den Zügen. Bald ist es auch in den Fernzügen soweit. Das betroffene Personal tut mir jetzt schon leid.
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Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

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