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Sie spendet ihren Körper dem Plastinator

Von Carmen Roshard. Aktualisiert am 01.03.2010

Rosmarie Parrat ist eine der 83 Schweizer Spenderinnen und Spender, die dem «Körperwelten»-Präparator Gunther von Hagens ihren Körper nach ihrem Tod zur Verfügung stellen werden.

Ein Blick in die Zukunft? Rosmarie Parrat neben einem ihrer Lieblings-Plastinate.

Dominique Meienberg

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Sie wirbelt durch die Ausstellung, als hätte sie diese erfunden. Sie kennt jeden Muskel, jede Sehne, weiss, wo alles seinen Platz hat. Zum vierten Mal schon ist sie da. Die sich Liebenden im Chambre Séparée findet sie ganz besonders witzig, und der Saxofonspieler sowie die Schaukelnde sind ihre Lieblinge. Aber auch die Muskelpakete des Gorillas haben es ihr angetan. Für den Fotografen steht sie zwischen zig Besuchern Modell, als hätte sie nie etwas anderes gekannt.

Rosmarie Parrat ist im Element, wenn sie in der Ausstellung «Körperwelten» herumführen darf. Schon viele Leute hat sie dorthin mitgenommen, und vielen hat sie davon erzählt. «Am liebsten würde ich hier einmal mit meiner ganzen Band stehen», sagt die quirlige 55-Jährige, die in ihrer Freizeit in einer elfköpfigen Funk-Combo spielt. Nur überreden müsse sie diese noch. Sie selbst muss nicht mehr überredet werden, ihr Entschluss ist vor zehn Jahren gefallen.

Seit der ersten Ausstellung des Menschenpräparators Gunther von Hagens in Basel trägt Rosmarie Parrat ihren Körperspenderausweis stets bei sich. «Es ging schnell und war ein totaler Bauchentscheid», sagt sie. Damals in Basel habe sie Gunther von Hagens gefragt, ob er nicht ein Paar darstellen wolle, Zeugung gehöre ja schliesslich zum Leben wie das Sterben. Von Hagens habe aber nicht sehr begeistert auf die Idee reagiert.

Wunsch nach Verewigung

So vergänglich das Lebens, so gross ist der Wunsch der Menschen nach Verewigung. Das ist wohl mit ein Grund, weshalb sich während der Ausstellung in Zürich 83 Schweizerinnen und Schweizer für eine Körperspende interessierten. Auch wenn ein Viertel der Interessierten angeben, einem guten Zweck dienen zu wollen. Andere möchten ganz einfach die Angehörigen von der Grabpflege entlasten und Beerdigungskosten sparen.

Rosmarie Parrats Motivation ist eine wissenschaftliche. Sie will, dass alle Menschen mehr Ahnung vom menschlichen Körper haben. Dass sie wissen, wer sie sind und wie sie funktionieren. Viele von Hagens Körperspendern tragen auch einen Organspendeausweis in der Tasche. Doch daran hat Parrat kein Interesse. Sie ist nicht für lebensverlängernde Massnahmen, bei anderen nicht und bei sich selbst erst recht nicht.

Beerdigung? «Nein danke», sagt die zierliche Frau entschieden. Sie wolle nicht im Boden von Würmern aufgefressen werden, und auch an einer Kremierung sei sie nicht interessiert. «Lieber will ich nach Heidelberg als in den Ofen.» Darum wird auch sie den Weg gehen, den vor ihr schon alle Körperspender gegangen sind: Das Heidelberger Bodymobil wird Rosmarie Parrat abholen. Dann werden das Wasser ihrer Gewebeflüssigkeit und die Gewebefette durch Aceton ersetzt, die Haut vom leblosen Körper abgezogen und das Fett von den Muskeln geschabt.

Selber zum Kunstwerk werden

Wenn sie davon erzählt, könnte man meinen, sie freue sich darauf. «Das nicht gerade», sagt sie, «aber ich will auch nicht länger leben als nötig.» Lebensverlängernde Massnahmen kommen jedenfalls bei ihr nicht in Frage. Abtreten, wenn es Zeit ist. Sie will nicht sehr alt und krank werden. Dass die Organe aussteigen und die Beine nicht mehr mögen, will sie nicht erleben. «Am liebsten möchte ich als ein Ganzkörperplastinat enden.» Aber eigentlich könne man alles an ihr verwenden. Sie freut sich, dass sie nach ihrem Tod ein anatomisches Kunstwerk sein wird, wie all die ausgestellten Ganzkörperplastinate in der «Körperwelten»-Ausstellung, die am Wochenende nach fast sechs Monaten in Zürich zu Ende ging.

In ihrer Ausbildung zur Vitaltrainerin hat sie viel mit Anatomie zu tun. Sie besuchte die Ausstellung mit der ganzen Klasse. Fasziniert vom Leben in toten Figuren war Parrat schon als Kind. Einmal hatte sie einen toten Vogel mit nach Hause genommen und seziert.

In der Ausstellung beobachtete Rosmarie Parrat jeweils andere Besucher. Sie achtete auf deren Mimik, hörte, was sie miteinander sprachen, und es fiel ihr auf, wie ruhig und andächtig es in der Ausstellung zu und her ging. Fast wie in einer Messe. «Viele Besucher erkennen sich wohl selbst in den Ausstellungspräparaten», sagt Parrat. Auch sie sei sich immer sehr nahe gewesen, wenn sie ins Innere der vielen Körperpräparate geschaut habe. «Ich schaute mich selber an, viel tiefer als in einem Spiegel.» Man begegne sich irgendwie selbst, weil die Gesichter der toten Körper anonym sind. Und auch das Alter spiele dort keine Rolle mehr. Parrat: «Man sieht den Menschen in seiner Funktion.» Die dynamischen Bewegungen der Plastinate faszinieren sie. «Mit Bewegung bekommt alles ein bisschen mehr Leben.» Wie beim Saxofonspieler zum Beispiel. Den kann sie sich gut zu seinen Lebzeiten vorstellen. Bestimmte Posen kann man sich als Körperspender aber nicht wünschen, da lässt sich Meister von Hagens nicht dreinreden, weiss Parrat.

Körperspender treffen sich

Schon dreimal war sie an ein Körperspendertreffen ins Institut nach Heidelberg eingeladen worden und lauschte dort den Worten des Meisters. Dort traf sie «Leute wie du und ich», wie sie sagt. Es sei ähnlich wie bei einer Klassenzusammenkunft, man habe eine Gemeinsamkeit.

Rosmarie Parrat ist Single und kinderlos und brauchte niemanden um Erlaubnis zu fragen, ihren Körper der Wissenschaft zur Verfügung zu stellen. «Wenn ich Kinder hätte und diese wären dagegen, hätte ich es nicht getan.»

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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.03.2010, 04:00 Uhr

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