Zürich
«Sind wir Frauen nur Sexobjekte für diese Jungen?»
Von Liliane Minor. Aktualisiert am 21.02.2011 118 Kommentare
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Wut und Hilflosigkeit spricht aus jeder Zeile. «Sind wir Frauen für diese Jungen nur Sexobjekte?», fragen sich Carine und Anita*, zwei 19-jährige KV-Absolventinnen, in einem Leserbrief, den sie dem «Tages-Anzeiger» geschrieben haben.
Noch heute ist Anita fassungslos, wenn sie erzählt, was ihr passiert ist. Sie stand abends an einem Bahnhof am Ticketautomaten, als sie unversehens von einem halben Dutzend Jugendlicher bedrängt wurde. «Diese Kinder», wie sie nicht ohne Verachtung sagt, «waren vielleicht 16 Jahre alt.» Sie kamen ihr nahe, zu nahe. Auf ihre Bitte hin, wegzustehen, bliesen die Jungen ihr Rauch ins Gesicht. Und dann war da plötzlich die Hand an ihrem Po. Anita wurde laut. «Aber die lachten nur, und der, der mich betatscht hatte, versteckte sich hinter dem Billettautomaten», erzählt sie. «Es war, als hätte er soeben eine Mutprobe an mir absolviert.» Als Anita schliesslich ihr Billett gelöst hatte und sich zum Gehen wandte, riefen ihr die Jugendlichen «Schlampe» nach.
Unbedingt zur Wehr setzen
Anita liess dieses Erlebnis nicht los. Gemeinsam mit Carine schrieb sie den Leserbrief. Denn was ihr geschah, sei keineswegs eine Seltenheit, erzählen die zwei Frauen. Immer wieder würden Teenagergruppen zudringlich: «Diese Buben sind viel aufdringlicher als Gleichaltrige. Und dass sie einen in aller Öffentlichkeit betatschen, zeigt, dass die das offenbar völlig in Ordnung finden.» Oft würden Momente ausgenutzt, in denen man sich zwangsläufig nahe komme, etwa in der S-Bahn oder an Konzerten: «Wenn man sich nicht wehrt, dann hat man sofort überall Hände.»
Frauen belästigen gilt als mutig
Sind Jungen heute offensiver als früher? Eine kleine Umfrage im persönlichen Kolleginnenkreis zeigt: Belästigungen und Handgreiflichkeiten kennen zwar alle. «Aber wir wurden damals von älteren Männern belästigt, oft von solchen mit Alkoholproblemen», sagt eine Arbeitskollegin. «Und vielleicht wurde mal ein Klassenkamerad an einer Party aufdringlich.» Niemand kann sich hingegen daran erinnern, je von einer Gruppe von Buben belästigt worden zu sein.
Regula Schwager, Co-Leiterin der Opferberatungsstelle Castagna, ist von der Schilderung der jungen Frauen nicht überrascht: In den letzten zehn Jahren registrierte die Fachstelle eine massive Zunahme von Übergriffen durch Minderjährige. Sexualpädagogin Barbara Guidon, die an verschiedenen Zürcher Schulen Sexualkunde unterrichtet, spricht gar von einem allgegenwärtigen Phänomen: «An den Schulen passieren solche Übergriffe täglich.» Frauen und Mädchen zu belästigen, gelte als mutig, sagt sie. Ein Grund für diese Entwicklung sei der Pornokonsum, glaubt Guidon: «Fast alle Jungs schauen heute Pornos, weil sie diese dank Internet gratis erhalten. Manche glauben, was sie dort sehen, sei Realität.»
Das Gefühl von Hilfosigkeit
Was aber können junge Frauen unternehmen, wenn sie in die gleiche Situation wie Anita geraten? Anita selbst schildert den Augenblick so: «Ich hatte zwar keine Angst, dafür nahm ich die Jungs zu wenig ernst. Aber ich fühlte mich hilflos. Man kann ja gar nichts tun, wenn man eine ganze Gruppe gegen sich hat.» Nachher war sie einfach nur wütend – und froh, dass nichts Schlimmeres passiert ist. Beat Mantel von der Fachstelle Lilli, die Online-Beratung und Information zu sexueller Gewalt anbietet, rät Frauen, auf jeden Fall Hilfe zu holen: «Man kann zum Beispiel Passanten ansprechen.» Ist niemand in der Nähe, könne auch helfen, laut zu werden. Auch Regula Schwager sagt, ein unmissverständliches Nein sei wichtig: «Viele junge Frauen erstarren aber in einer solchen Situation.»
Strafanzeige hilft Opfern
Nach einem solchen Vorfall sei es wichtig, die Polizei zu verständigen und Strafanzeige einzureichen, raten die Fachleute. Sexuelle Belästigung ist strafbar – auch wenn es sich «nur» um zu viel Nähe, eine Hand auf dem Hintern und abwertende Äusserungen handelt. «Diese junge Frau wurde Opfer eines Übergriffs, das reicht», betont Mantel. Schwager sagt, eine Strafanzeige könne dem Opfer helfen, Ohnmachtsgefühle zu überwinden: «Es geht gar nicht so sehr darum, ob die Täter gefasst werden können, sondern darum, als Opfer wieder selbst handlungsfähig zu werden.» Für Guidon ist eine Anzeige eine Frage der Solidarität mit anderen potenziellen Opfern: «Die Polizei muss wissen, welches die neuralgischen Orte sind, sonst passieren solche Vorfälle immer wieder.»
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 20.02.2011, 23:24 Uhr
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