Zürcher Food-Waste-Bewegung macht Tempo

Biorampe, Food-Bikes – und bald auch Schnaps aus Brot? So kämpft Zürich gegen die Verschwendung von Lebensmitteln.

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Gestern verkündete der Winterthurer Verein Tischlein deck dich einen Rekord: 2014 verteilte die Non-Profit-Organisation 2900 Tonnen Lebensmittel an Armutsbetroffene. Das sind 250 Tonnen mehr als im Vorjahr. Das Konzept ist so einfach wie bestechend: Überschüssige Esswaren aus dem Lebensmittelhandel werden gesammelt und anschliessend gegen einen symbolischen Betrag von einem Franken pro verarbeitetes Menü weiterverkauft. 97 Abgabestellen umfasst das Verteilnetz der Organisation inzwischen. Weitere sind in Planung, etwa in Meilen. Jeden Tag kommen knapp 15'000 Armutsbetroffene auf ihre Kosten.

Der karitative Gedanke stand beim 1999 gegründeten Verein seit jeher im Vordergrund. Wohl eher unverhofft sind die Initianten inzwischen auch zu Trendsettern avanciert. Ihr Kampf gegen die Lebensmittelverschwendung trifft den Nerv der Zeit und hat sich in einer internationalen Bewegung namens Food Waste manifestiert. «Gerade in Zürich läuft zurzeit sehr viel», sagt Dominique Senn von Foodwaste.ch. Die Berner Organisation leitet seit 2012 Sensibilisierungskampagnen und führt Workshops durch, die auf das Problem aufmerksam machen: Gemäss einer WWF-Studie landet in der Schweiz noch immer rund ein Drittel aller Esswaren im Abfall. «Auch wenn wir einen Entwicklungsschub beobachten – noch fehlt in der Schweiz der Mut zu neuen Ideen», sagt Senn.

Kostenlose Menüs aus dem Abfall

Lauren Wildbolz hat diesbezüglich schon einigen Mut bewiesen. Die Zürcherin machte sich vor zwei Jahren einen Namen, indem sie während zweier Wochen täglich für 50 bis 70 Personen ein kostenloses Menü zubereitete. Die notwendigen Lebensmittel bezog sie aus dem Abfallkübel, sogar die Möbel des temporären Restaurants stammten aus dem Müll. Das Projekt erhielt viel Aufmerksamkeit und entwickelte sich weiter: Unter dem Namen Good Food for You for Free kocht Wildbolz seither edle Mehrgänger, die sie regelmässig in Pop-up-Restaurants unter dem Motto «Frisch aus dem Müll» serviert.

Doch die Initiantin möchte mehr als hungrige Mäuler mit Gratisessen stopfen. «Es geht um die Wertschätzung dieser Lebensmittel», sagt Wildbolz. Mit Vorträgen gibt sie den Gästen Hilfe zur Selbsthilfe. Viele würden gar nicht wissen, was ihnen entgeht, wenn ihre Essensreste ungenutzt im Abfall landen würden, meint die Betreiberin des Blogs Vegankitchen.ch. Allein durch die Sensibilisierung von Privatpersonen sieht Wildbolz das Problem allerdings nicht gelöst: «Der Haushalt ist als Endverbraucher nur das tragische Ende vieler bereits davor in Kraft getretener Wegwerfszenarien.» Ein Grossteil der Lebensmittel lande bereits im Supermarkt oder gar schon beim Produzenten in der Tonne.

Äss-bar expandiert

Dass sich auch in dieser Hinsicht etwas tut, zeigt etwa Äss-bar im Niederdorf. Die Bäckerei, die altes Brot von anderen Bäckereien verkauft, sprang bei ihrer Gründung vor gut einem Jahr in eine Marktlücke. Das Projekt beweist: Wenn der Preis stimmt, kauft der Kunde auch Produkte, die nicht mehr ganz frisch sind. Um der Nachfrage nachzukommen, expandiert Äss-bar. Seit zwei Wochen ist das Unternehmen mit einem Food-Truck unterwegs, und in mehreren Schweizer Städten sind weitere Filialen geplant. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtete).

Mit dem Erfolg steht Äss-bar nicht allein da. Diverse Projekte der Anti-Food-Waste-Bewegung konnten sich in Zürich etablieren. Sei es der Biorampe in Altstetten, wo Waren verkauft werden, die über die traditionellen Verkaufskanäle keinen Absatz finden, oder das Buffet-Dreieck im Kreis 4, das aus solcher Ware jeden Tag Menüs kocht (mehr Beispiele in der Bildstrecke).

Im April kommt das Food-Bike

Der Erfolg weckt den Erfindergeist. Unter dem Namen Zum Guten Heinrich wurde vor kurzem ein Gastronomie-Start-up aus der Taufe gehoben. Die drei Initianten, keiner älter als 26 Jahre, versprechen auf ihrer Webseite, mit dem Anbieten «nicht konformer» Zutaten etwas gegen die Lebensmittelverschwendung zu tun: «Obwohl dreibeinige Rüebli, krumme Gurken oder riesige Härdöpfel nicht den gängigen Schönheitsidealen entsprechen – wir hauen sie in die Pfanne.» Ab April wird ein Food-Bike auf den Weg geschickt, das die Ware in der ganzen Stadt anbieten soll.

Ein Blick ins Internet zeigt, dass der Ideenreichtum der Anti-Food-Waste-Bewegung noch weiter geht. Auf dem Stadtblog Ron Orp wurde vergangene Woche ein Aufruf lanciert: «Tausche altes Brot gegen Schnaps.» Der Aufruf bezieht sich auf ein Schnapsherstellungsverfahren, das in Deutschland unter dem Namen Brotschnaps bereits existiert.

Hausbesetzer als letzte Abnehmer?

Schnapsidee hin oder her: Den Lebensmittelhändlern eröffnen sich dank der Anti-Food-Waste-Bewegung immer mehr Alternativen zur Mülltonne. Und finden sie für Liegengebliebenes wirklich gar keine Verwendung mehr, könnte die Hausbesetzerszene Abhilfe schaffen: Gemäss dem Portal Tsüri.ch ist die Küche des Koch-Areals in Altstetten mit alten Esswaren gefüllt – überschüssige Ware, die von Bäckereien und Supermärkten stammt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 05.02.2015, 14:21 Uhr)

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Grünliberale werden aktiv

Auch die Zürcher Politik nimmt sich des Problems der Lebensmittelverschwendung an. Gemäss «20 Minuten» möchten die Grünliberalen den Stadtrat mit einem Postulat auffordern, zu prüfen, wie man die Verschwendung in städtischen Verpflegungsbetrieben reduzieren kann. «Wir haben keine Hinweise darauf, dass die Stadt Zürich diesbezüglich besonders schlecht dasteht, sondern es geht einfach um eine Anregung», sagt Gemeinderätin Isabel Garcia, die den Vorstoss mitunterzeichnet hat. Sie fordert beispielsweise kleinere Schöpfmengen und eine gezieltere Resteverwertung als Lösung des Problems.

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