So werden Gefängniswärter ausgewählt

Spektakuläre Flucht aus dem Gefängnis Limmattal: Welche Kriterien müssen Aufseher erfüllen?

Distanz wahren ist nicht immer einfach: Blick durch das Sicherheitsglas in die Kommandozentrale des Gefängnis Zürich.

Distanz wahren ist nicht immer einfach: Blick durch das Sicherheitsglas in die Kommandozentrale des Gefängnis Zürich. Bild: Keystone

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Eine Gefängniswärterin hilft einem Insassen, aus der Zelle im Gefängnis zu fliehen, und setzt sich mit ihm nach Italien ab. Was nach der Handlung eines Actionfilms klingt, ist in Zürich Realität. Wie ist so etwas möglich? Wurde die 32-jährige Aufseherin Angela Magdici vor ihrer Anstellung im Gefängnis Limmattal nicht genauestens überprüft?

Über das genaue Anstellungsprozedere von Magdici will das zuständige Amt für Justizvollzug auf Anfrage keine Angaben machen – aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes. Die Antwort auf die Frage ist auch nicht ganz einfach. Einheitliche Anforderungs- oder Selektionskriterien für das sogenannte Vollzugspersonal gibt es in der föderalistischen Schweiz nämlich nicht. Es bestehen grosse Unterschiede zwischen den Kantonen – auch wenn die Strafvollzugskonkordate Richtlinien für die Auswahl sowie die Aus- und Weiterbildung des Personals im Justizvollzug erlassen haben.

Tadelloser Leumund und gefestigte Persönlichkeit

Im Kanton Zürich sind gemäss Rebecca de Silva, Sprecherin des Amtes für Justizvollzug, ein tadelloser Leumund, gute Referenzen und eine gefestigte Persönlichkeit Voraussetzung für eine Anstellung als Gefängniswärter. Auch Vorstrafen sind tabu. Im Anforderungsprofil einer aktuell ausgeschriebenen Stelle in einem Zürcher Gefängnis müssen die Bewerber eine abgeschlossene drei- oder vierjährige Berufsausbildung mit Fähigkeitsausweis mitbringen, psychisch und physisch belastbar sein und über eine «gefestigte Persönlichkeit mit einem hohen Mass an Sozialkompetenz» verfügen. Zudem wird «Durchsetzungsvermögen, Souveränität und Loyalität gegenüber Inhaftierten, Mitarbeitenden und Drittpersonen» verlangt.

In einigen Kantonen – so auch in Zürich – wird ausserdem eine Grundausbildung zum «Fachmann/Fachfrau für Justizvollzug» verlangt. Die theoretische und praktische Schulung findet im Schweizerischen Ausbildungszentrum für das Strafvollzugspersonal (SAZ) in Freiburg statt. Die Grundausbildung dauert 15 Wochen und ist schweizweit anerkannt. Das Vollzugspersonal lernt dabei unter anderem, eine professionelle Beziehung zu den Eingewiesenen aufzubauen und dabei immer die richtige Nähe oder Distanz zu wahren.

Berufsbegleitende Ausbildung mit Examen

In Zürich durchläuft das Vollzugspersonal im ersten Jahr eine praktische Ausbildung in der Institution selbst. Im Anschluss daran absolvieren sie gemäss de Silva berufsbegleitend während zweier Jahre die Grundausbildung am SAZ und schliessen sie mit einem Examen ab. Ob Magdici die Ausbildung zur Fachfrau für Justizvollzug abgeschlossen hat, war nicht in Erfahrung zu bringen.

Geeignete Aufseher im Justizvollzug zu finden, sei eine anspruchsvolle Aufgabe, sagt de Silva. Viele Bewerber müssten abgewiesen werden. Trotzdem gebe es genügend Bewerbungen mit guten Qualifikationen und geeignetem Persönlichkeitsprofil. Auch der Leiter des Amtes für Justizvollzug im Kanton Zug, Toni Amrein, sagt, dass die Rekrutierung neuer Arbeitskräfte nicht immer einfach sei. «Eine Strafanstalt ist ein spezieller Arbeitsort», so Amrein.

Spagat zwischen Betreuung und Aufsicht

Häufig seien die Bewerber Quereinsteiger – unter anderem aus handwerklichen Berufen. Es gebe aber auch solche, die bereits früher in der Sicherheitsbranche tätig gewesen seien. Voraussetzung für die Arbeit als Aufseher ist laut Amrein die Fähigkeit, «den nicht immer einfachen Spagat zwischen Betreuung und Aufsicht zu beherrschen».

Besondere Persönlichkeits- oder Psychologietests müssen die Anwärter für den Wärterjob aber weder in Zürich noch in Zug absolvieren. Ein ausführliches Vorstellungsgespräch sowie ein Schnuppertag, an dem das Verhalten der Bewerber getestet wird, reichen in Zürich aus. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 10.02.2016, 16:06 Uhr)

Werden international gesucht: Die beiden flüchtigen Angela Magdici und Hassan Kiko. (Bild: Kantonspolizei Zürich)

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